Schorndorf

Geldwäsche-Prozess: Mysteriöses Gold-Pingpong

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Feingold, Reinheitsgrad 999,9. © Pixabay

Schorndorf/Stuttgart. 45 Millionen Euro Drogengeld sollen ein Schorndorfer und drei Mitangeklagte nach Dubai transferiert und gewaschen haben. An Prozesstag 13 ging es –klingt staubtrocken, ist es aber nicht: um Rechnungen und Lieferscheine.
Stellen wir uns einen Spielwarenhändler vor: Mister Quant aus London. Er hat 25 Quietschgummi-Enten zu je 36 Cent, Gesamtpreis 9 Euro. Diese Tierchen verkauft er an seinen Kollegen Nodel-Schmitter aus Schorndorf. So weit, so einleuchtend.

Zwei Tage später aber verkauft Herr Nodel-Schmitter 26 Enten – selbe Marke, selber Stückpreis, macht zusammen 9,36 Euro – an ... Mister Quant, London!

Der wiederum verkauft am selben Tag 42 genau solcher Enten für rund 15 Euro an, Sie ahnen es, Herrn Nodel-Schmitter.

Worauf Nodel-Schmitter weitere zwei Tage später 52 Quietscherchen für rund 19 Euro verkauft an, genau, Mister Quant. Was um Himmels willen soll das?

Genau so aber lief es offenbar bei den Goldhandelsgeschäften der Schorndorfer Firma Noble Glitter; das legen zumindest beschlagnahmte Lieferscheine und Rechnungen nahe. Einziger Unterschied: Es ging um Goldbarren, nicht um Gummi-Enten.

Am 8. Januar 2018 lieferte die Londoner Firma Quant (beide Firmennamen geändert) 25 Barren Feingold – jeder ein Kilo schwer, mit einem Reinheitsgrad von 999,9 und 36 000 Euro teuer – an Noble Glitter, Schorndorf. Gesamtpreis: 900 000 Euro.

Am 10. Januar 2018 lieferte Noble Glitter 26 Barren Feingold – selbes Gewicht, selber Reinheitsgrad, selber Stückpreis – an Quant. Gesamtpreis: 936 000 Euro.

Ebenfalls am 10. Januar 2018 lieferte Quant 42 Barren solchen Feingoldes an Noble Glitter, für gut 1,5 Millionen Euro.

Und am 12. Januar 2018 lieferte Noble Glitter 52 Barren Feingold an Quant, für mehr als 1,8 Millionen Euro.

Dieses Gold-Pingpong mutet sinnlos an. Die Staatsanwaltschaft glaubt deshalb: Es handelt sich bei den Lieferscheinen und Rechnungen nicht um die Belege realer Geschäfte, sondern um buchhalterische Trugspuren, ausgelegt, um einen Goldhandel zu fingieren. In Wahrheit, so die Anklage, schaffte Noble Glitter 45 Millionen Euro, die aus Drogen-Deals in Holland stammten, via Schorndorf nach Dubai und versuchte, dem schmutzigen Geld eine saubere Herkunft – aus dem Goldhandel – anzudichten.

Ein juristischer Schlagabtausch

Verteidiger Martin Heising nennt diese Theorie „paranoid“: Die Anklage interpretiere schon die Details falsch und montiere sie dann auch noch spekulativ zusammen zu einem Geldwäsche-Verbrechen, das es nie gab. Heising nennt einen Beleg: Nachweislich betreibe eine Firma in Dubai, mit der Noble Gitter in Geschäftsbeziehungen stand, wirklich Goldhandel „weltweit“.

Oberstaatsanwalt Michael Wahl kontert: Mag ja sein – aber wenn eine Firma auch Legales mache, heiße das ja noch lange nicht, dass sie nur Legales mache. Es sei ja gerade das Wesen der Geldwäsche, schmutzige Aktivitäten zwischen sauberen verschwinden zu lassen – „wie kann man kriminelle Geschäfte besser decken?“

So langsam nähert sich dieser Prozess dem Ende. Die Staatsanwaltschaft glaubt ihre Anklage auf stabilen Beinen, für die Verteidigung steht all das auf tönernen Füßen – da hilft nur ein Urteil, so oder so.

Tücken des Verfahrens

Wenn da nicht noch zwei potenzielle Zeugen wären. Beim einen – einem Niederländer, der in Geldübergaben verwickelt gewesen sein könnte – gibt es Schwierigkeiten mit der Zustellung der Ladung. Gegen den anderen – einen Noble-Glitter-Geschäftspartner, der im Verdacht steht, bei der Geldwäsche geholfen zu haben – hat die Staatsanwaltschaft zwar Haftbefehl erlassen, und der Mann wurde mittlerweile auch festgenommen, in Palermo, Italien – ob er aber aussagen wird, ist zweifelhaft. Beschuldigte haben das Recht, zu schweigen.

Solange nicht geklärt ist, wie es mit diesen Zeugen weitergeht, kann das Gericht nicht um die Plädoyers bitten und sein Urteil verkünden. Fortsetzung Mitte Oktober