Schorndorf

Geldwäsche-Prozess: Verteidigung fordert Freispruch

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Die Anklage fordert drastische Haftstrafen, die Verteidigung Freisprüche: Das ist die finale Zuspitzung im Geldwäscheprozess um eine Schorndorfer Firma und 45 Millionen Euro. © fotolia/Mike Espenhain

Schorndorf/Stuttgart.
13 Jahre Haft für den ersten Angeklagten, wie Oberstaatsanwalt Michael Wahl gefordert hat? Nein, kontert die Verteidigung, er sei „freizusprechen“ und „für die Zeit der zu Unrecht erlittenen Untersuchungshaft zu entschädigen“! Zwölf Jahre für den zweiten Angeklagten, wie Wahl will? Mitnichten, widersprechen die Anwälte – „freisprechen“ und „entschädigen“! Sechseinhalb für den dritten Angeklagten, dreieinhalb für die vierte Angeklagte? Freispruch, halten die Rechtsbeistände dagegen, und noch mal Freispruch! Alles oder nichts, hopp oder topp – mit Dampflok-Wucht prallen die Positionen aufeinander am Ende des wohl größten Geldwäscheprozesses, den es in Süddeutschland je gegeben hat.

Die Schorndorfer Firma Noble Glitter hat zwischen Sommer 2017 und Januar 2018 insgesamt rund 45 Millionen Euro in bar nach Dubai geschafft: im Handgepäck-Koffer bei Flugreisen. Das Geld wurde offiziell ausgeführt und ordnungsgemäß beim Zoll angemeldet, Buchhaltungsunterlagen legen nahe: Es handelte sich um Einnahmen aus legalem Gold-Verkauf, die dazu dienten, in Dubai neue Gold-Einkäufe zu tätigen.

Die Anklage aber glaubt: Der angebliche Goldhandel war nur Fassade – in Wahrheit ging es darum, aus holländischen Drogengeschäften stammende Summen unverdächtig nach Arabien zu schleusen. Deshalb die Forderung: 13 Jahre für einen Dubaier Geschäftsmann, zwölf für den Schorndorfer Noble-Glitter-Chef, dreieinhalb für seine Frau, die im Büro arbeitete, sechseinhalb für einen Geldkurier.

Geldwäsche bedeutet: Schmutzige Scheine sauber aussehen lassen. Der Tatbestand aber gilt nur dann als erwiesen, wenn es gelingt, die illegale Herkunft der Summen zu belegen. Welches Blatt hält die Anklage in Händen? Welche Spuren führen nach Holland, welche ins Rauschgiftmilieu?

„Magere Indizien“, oder: Ein Tiger als Bettvorleger

Erstens: Nachweislich fuhr der Noble-Glitter-Kurier öfters nach Holland – ein „mageres Indiz“, finden die Verteidiger, schließlich habe die Schorndorfer Goldhandelsfirma eine Filiale in Amsterdam gehabt.

Zweitens: Einmal wurde der Kurier bei der Rückreise von Grenzpolizisten mit 1,5 Millionen Euro im Kofferraum erwischt – nun ja, „bislang ist Bargeld gottseidank noch nicht verboten und abgeschafft“, kommentiert der Anwalt Stefan Holoch.

Drittens: Der Kurier traf erwiesenermaßen einmal auf einem Parkplatz einen wegen eines Drogendeliktes vorbestraften Niederländer – aber dieser Mann sei ein ganz kleines Licht und eindeutig kein wichtiger Drogenboss, betonen die Anwälte.

Viertens: Der Noble-Glitter-Chef machte am Telefon, wie Abhöraktionen offenbarten, immer wieder verdächtige Andeutungen und prahlte zum Beispiel, er kenne holländische Drogenbarone – haltloses „Gequatsche“ eines Mannes mit „Hang zur Wichtigtuerei“, sagen die Verteidiger.

Und das, argumentieren sie, war’s auch schon. Obwohl Ermittler die Verdächtigen neun Monate lang observierten, gelang es nie, eine einzige Drogenübergabe zu dokumentieren oder wenigstens Verbindungen zu mächtigen Hintermännern aus der Rauschgift-Schattenwirtschaft zu belegen. Die Anklage wisse bis heute „nicht ansatzweise“, welche Drogen hier überhaupt „gehandelt worden sein sollen!“ In der Tat wurde kein Näschen Koks je beschlagnahmt, kein Gramm Heroin sichergestellt. „Null, null, null, nichts.“

Der Bonner Anwalt Martin Heising – in diesem Verfahren von Anfang an Wortführer der sechsköpfigen Verteidigerriege – findet auch zum Abschluss die knackigsten Formulierungen: Ankläger Wahl sei bei seinem Versuch, die Vortat im Drogenmilieu glaubhaft zu machen, „als Tiger gestartet“, um „als Bettvorleger“ zu landen, seine „Beweisführung“ habe „den Namen nicht verdient“ und unterschreite die „Mindestanforderungen. So funktioniert Juristerei nicht, tut mir leid, Herr Oberstaatsanwalt.“

Angeklagte: Prozess ist eine "traumatische Erfahrung"

Während Heising das rhetorisch süffigste – und fachlich, dank vieler Verweise auf Urteile des Bundesgerichtshofs, fulminanteste – Plädoyer hält, setzt seine Kollegin Margrete Haimayer die emotionalsten Akzente: Sie vertritt die Gattin des Noble-Glitter-Chefs. Dies, sagt Haimayer, sei eine Frau, die „brav und tapfer zu funktionieren“ hatte und in der Buchhaltung nur tat, was man ihr sagte, ohne die Geschäftsdetails zu verstehen. In dieser Ehe – er Türke, sie türkischstämmige Deutsche – „gibt der Mann was vor, und die Frau hat zu springen“.

Auch die Angeklagte selber meldet sich ein letztes Mal zu Wort: Nie habe sie sich etwas zu Schulden kommen lassen „außer Parkverstößen oder harmloser Geschwindigkeitsüberschreitung“. Sie habe ihrem Mann „blind vertraut“, „nichts von Drogen oder Geldwäsche geahnt“ und ein „normales Leben“ geführt; das nun „in Schutt und Asche“ liege. Dieser Prozess sei eine „traumatische Erfahrung“, sie leide unter Angststörungen und kämpfe mit Depressionen. „Bitte glauben Sie mir: Ich bin unschuldig!“ Urteilsverkündung am Donnerstag.


Unsere bisherige Berichterstattung zum Thema:

16.10.2018: 50-Millionen-Geschäfte: Geldwäsche-Ring hochgenommen

11.07.2019: 45 Millionen Euro Drogengeld gewaschen?

20.07.2019: Der 45-Millionen-Fall: Eine Beamtin schaut hin

23.07.2019: Geldwäsche-Ring: Der 45-Millionen-Fall schleppt sich

07.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Puzzlespiel um 45 Millionen Euro

09.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Spur führt nach Rumänien

15.08.2019: Spur nach Holland im 45-Millionen-Fall

17.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Puzzlestein-Suche durch Europa

24.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Wende im 45-Millionen-Fall

17.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Millionen-Fund im Kofferraum

21.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Tücken des Krypto-Handys

26.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Afghanistans Vizepräsident als Zeuge?

28.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Mysteriöses Gold-Pingpong

14.10.2019: Der 45-Millionen-Fall: Rätsel um Riesensummen

24.10.2019: Anwalt erhebt schwere Vorwürfe gegen Richterin

19.11.2019: Geldwäsche-Prozess um 45 Millionen nimmt kein Ende

29.11.2019: Der 45-Millionen-Fall: 800 000 Euro im Hocker-Polster

06.12.2019: Geldwäsche-Prozess: Kleinkrieg um Riesensummen

21.12.2019: Geldwäsche-Prozess: Der sensationelle Entlastungszeuge

14.01.2020: Geldwäsche-Prozess: Das Ende naht

15.01.2020: l

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