Schorndorf

Gerhard Polt: Kabarett in der Künkelin-Halle

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Kein Wässerchen trüben sie, diese Schlitzohren: die Well-Brüder und Gerhard Polt. © Harald Frerich

Schorndorf. Grauslig schaut’s aus, tief drinnen in der Seele des Volkes – und schlimmer wohl noch in den Herzkammerln seiner Oberen. Schwindlig kann’s einem werden und doch ist der Blick in den Spiegel bayrisch-deutscher Gemütlichkeit bei Gerhard Polt und seinen musikalischen Tausendsassas, den Well-Brüdern, immer auch zum Lachen. Egal, wie weh es tut. Große Kabarett-Kunst: Aasig und krachledern derb.

„Mir gfreun uns, dass mir in Schorndorf san. Mir kemmat aus Hausn und san drei Briader.“ Nach dieser artigen Begrüßung ließen die famosen Musikanten aus der legendären Well-Familie dann aber nichts anbrennen und machten sich sofort mit einem locker aus dem Ärmel geschüttelten Couplet über ihren Auftrittsort lustig.

„Fia kloane Kinda a Forschafabrik“

„In Schorndorf baun’s jeddsd fia kloane Kinda a Forschafabrik – weil sie ham dia Nachfolga vom Daimla im Blick!“ Ja, der Wahnsinn ist überall zu Haus, da musst du nicht weit laufen: „In Schorndorf wiad Kindan die Unendlichkeit so erklärt – des is, wenn dia S-Bahn amoi wiada pinktlich fährt.“ Die fortschritts-geplagten Schwaben in der bis auf den letzten Platz besetzten Künkelin-Halle zeigten sich entzückt über diese bayrische Aufmerksamkeit und bewunderten die reimende Eleganz, mit der die Well-Brothers ihre Lokalpossen zu bespötteln wussten.

Und dann der Polt. Der große Virtuose sprachlicher Katastrophen. Einer, der weiß, in der peinlichen Entgleisung findest du die Wahrheit. Der Polt also sagt, und das zögerlich, nach reiflichem Nachdenken also, bedächtig, der Polt sagt, druckt’s endlich raus: „I sog’s a so. Und bin a der Meinung – oda Auffassung: wenn mir a Mensch als a Mensch entgegnkommt – da hob i nix dagegen.“ Willkommen also, ihr Gestrandeten dieser Erde? Nur kommt der Mensch auch immer als Mensch?

Was also ist der Mensch, fragt sich der Polt

Obacht also. Da braucht’s die Grillverordnung in der Wohnanlage. Acht Würstel wurden dem Nachbarn – ein Künstler! – für den September genehmigt. Stattdessen feierte der eine Orgie mit über 40 Würsteln! „Woher ich das weiß? Wozu hab’ ich eine Drohne!“ Was also ist der Mensch, fragt sich der Polt mit seinem gurgelnden Schnappkichern. „Er ist a Zwischenwirt. Wo der Mensch ist, da gehen auch die Religionen hin. Wie der Fußpilz.“

Da erschrickt er dann selbst, der Herr Polt, über so viel beflügelte Philosophie. „Ich hoffe, dass ein Gedanke mit dem, was ich sage, Schritt halten kann. Und wenn nicht, hat er Pech gehabt – der Gedanke.“ Da wird man sich rechtzeitig in Sicherheit bringen müssen. „Wir! Wer ist wir? Ich nicht! Wir, das sind die anderen!“

Folklore: Unbotmäßige Herkunft

Wichtig bleibt deshalb allemal das Herkommen, die deutsche Geschichte. Und das Wissen darum wird vom Vater alleweil an den nächsten „Bubi“ weitergegeben: „Bubi, merk auf! Wenn die Deutschen den Ersten Weltkrieg nicht verloren hätt’n, hätt’s den zweiten nicht gebraucht.“ Da schaut der Polt herausfordernd ins Publikum und sagt: „Das ist interessant. Davon zehre ich heute noch!“ Vorbilder braucht die Jugend. Wie den Winnetou. „Aber der Bubi kennt den nicht mehr.“ Doch sonst ist manches hängengeblieben. „Ei, ei, ei Korea – der Russ kommt allweil näha!“ Nur „solche Volkslieda gibt’s heut nimma“.

Dafür gibt’s dazwischen immer wieder die Liadln von den Well-Brüdern, die virtuos an vielen Instrumenten und voll in der bayrischen Volksmusiktradition sich bewegend diese doch zum anarchistischen Stachel umfunktioniern. Der touristisch entkernten Folklore wird so wieder ihre unbotmäßige, ländlich-plebejische Herkunft zurückgegeben.

Höhepunkt war auch das Mini-Drama um den bayrischen Landrat

Immer wieder umwerfend, auch weil sie dabei so hinterfotzig treu ausschaun, als ob sie nicht wüssten, was sie da alles zum Einsturz bringen und dem Gelächter preisgeben. Ätzend die Parodie auf Bayern als „Vorstufe zum Paradies“, politisch voll unkorrekt der Song zur Rettung Europas vor den Moslems mit Schweinefleisch oder einfach das grandiose Alpenhorn-Trio. Bejubelt – die Jungs sind auch körperlich noch voll auf der Höhe – die Einlagen mit Schuhplattler, Bauchtanz und schottischem Stepptanz! Zum Auf-die-Barrikaden-Steigen der Protest-Song für die Milchbauern: „Forty Cent – oder der Aldi brennt!“

Ein Höhepunkt des Programms war sicher auch das Mini-Drama Polts um den sich missverstanden fühlenden bayrischen Landrat, der seine Geschichte genüsslich am Gläschen „Dom Perignon“ nippend erzählt. Wobei das ‘Perignon’ bedenklich nah ins ‘Piranha’ kippt. Es geht dabei gemütvoll um die Undankbarkeit der Menschen und Bestechlichkeit im Amt, was wir so nicht nennen wollen. Denn „der Mensch an und für sich is’ gut“, sinniert der Landrat, „aber die Leut sind a Gsindel!“ Zum Beispiel die Tierschützer. „Dieser grüne Terror heute, san’s mer net bös, da sitzen diese Kaulquappen-Nummerierer ...“ und verhindern die vetterleswirtschaftliche Zubetonierung von Landschaften. Dabei will der Landrat doch immer nur das Beste für den Landkreis und seine Menschen. Wie hat’s seine Frau so schön formuliert? „Was du anrührst, hat immer einen humanitären Beigeschmack.“

Video: "Turbo" von Gerhard Polt.

In der Playlist finden Sie noch weitere Auftritte von Gerhard Polt.

Berlin

„In Berlin gibt’s keine Meinung weit und breit – und die wird durchgesetzt!“ Gerhard Polt.