Schorndorf

Geständig und krank: Bewährungsstrafe

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Symbolbild. © Sarah Utz

Schorndorf. Allein sein Geständnis, zu dem ihn sein Verteidiger überredet hatte, hätte einem der zweifachen sexuellen Nötigung und der Körperverletzung angeklagten 62-Jährigen mit einschlägigen Vorstrafen nicht zu einer Bewährungsstrafe verholfen. Letztendlich war es der sehr eingeschränkte gesundheitliche Zustand des Angeklagten, der das Schöffengericht davon absehen ließ, ihn ins Gefängnis zu schicken.

„Sie sehen hier das Bild eines gezeichneten Mannes“, sagte der Verteidiger über seinen Mandanten, einen seit 1987 mit seiner Frau in Deutschland lebenden Griechen, der allerdings im Jahr 2000 nach Verbüßung einer Haftstrafe wegen mehrfacher Vergewaltigung – zuvor war er schon wegen versuchter Vergewaltigung und Freiheitsberaubung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden – nach Griechenland abgeschoben worden und erst 2010 nach Ablauf der Verjährungsfrist wieder eingereist ist. Der sich über Jahre hinziehende gesundheitliche Verfall des 62-Jährigen ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass ihm das linke Bein abgenommen werden musste und er bei der Fortbewegung auf den Rollstuhl und auf fremde Hilfe angewiesen ist.

Belästigung auf der Parkbank

Das war im Oktober 2014 und im Juli 2015 noch nicht so, denn sonst hätte nicht passieren können, was passiert ist. Gegen 23.30 Uhr an einem Abend im Oktober 2014 hat der Angeklagte im Bereich des Stadthallensees eine 20 Jahre jüngere Frau getroffen, die mit ihrem Hund unterwegs war und sich zu dem Mann auf eine Parkbank gesetzt hat, um mit ihm eine Zigarette zu rauchen und sich mit ihm zu unterhalten. Dabei freilich ist’s nicht geblieben, den der Mann packte die um Hilfe rufende Frau mit einer Hand am Arm, zog sie auf eine andere Parkbank und wurde dort zudringlich, indem er sie unter ihrer Kleidung mit Händen und Mund an ihren Brüsten berührte und mit einer Hand zwischen ihre Beine fasste. Dass ihm das gelingen konnte, obwohl er damals schon mit einem Rollator unterwegs war, erklärte ein Polizeibeamter, der die nach seiner Einschätzung traumatisierte Geschädigte befragt hat, mit dem gleichermaßen schlichten wie vertrauensseligen Gemüt der Frau. „Physisch wäre sie sicher in der Lage gewesen, sich zu wehren, aber psychisch hat sie es nicht geschafft“, sagte der Polizeibeamte über die Frau, die es letztlich dann doch geschafft hat, sich loszureißen und wegzulaufen. Dass sich die Frau zunächst einmal nicht gewehrt hatte, wertete in der späteren Urteilsbegründung auch die Vorsitzende Richterin Doris Greiner nicht zugunsten des Angeklagten – im Gegenteil. Gerade dieses Opfer sei besonders schutzwürdig gewesen, weil es so willenlos und leicht manipulierbar gewesen sei, betonte die Richterin.

Im zweiten Fall nur Körperverletzung

Nur als Körperverletzung wertete das Gericht den zweiten, von der Staatsanwältin ebenfalls als sexuelle Nötigung angeklagten Fall. In diesem Fall hatte der Angeklagte wieder im Bereich des Stadthallensees und wieder zu später Stunde eine Bekannte getroffen und sie dazu überredet, mit ihm in den Alten Friedhof zu gehen und sich dort auf eine Bank zu setzen. Dort tranken die beiden Wodka und Mezzomix, und währenddessen versuchte der damals 61-Jährige die geschiedene Frau davon zu überzeugen, dass es für sie doch an der Zeit sei, mit einem anderen Mann zu schlafen. Als der reichliche Alkoholgenuss dazu führte, dass sich die Frau übergeben musste, packte sie der Mann von hinten am Arm und an der Schulter und fügte der Frau, die sich losreißen und weglaufen konnte, Kratzspuren zu. Auch in diesem Fall kam das Gericht zur Einschätzung, dass der Angriff einen sexuell motivierten Hintergrund hatte.

DNA-Spuren wurden sichergestellt – Leugnen hätte also nichts genutzt

Auf Antrag des Verteidigers des Angeklagten, der zunächst keine Angaben machen wollte, zogen sich die Vorsitzende Richterin, die beiden Schöffen, die Staatsanwältin und der Verteidiger gleich nach Verlesung der Anklagen zu einem Verständigungsgespräch zurück. Ein solches Gespräch könne nicht zuletzt im Interesse der beiden Geschädigten sein, denen, je nachdem, was herauskomme, möglicherweise ein Auftritt im Zeugenstand erspart bleibe, begründete der Verteidiger sein Ansinnen. Das Ergebnis der Besprechung verkündete anschließend die Vorsitzende Richterin Doris Greiner: Ungeachtet dessen, dass die Vorstellungen vom zeitlichen Ausmaß der Strafe auseinandergegangen seien und für das Gericht und die Anklagevertreterin klar sei, dass die Annahme eines minderschweren Falles nicht in Betracht komme, hätten sich die Beteiligten darauf verständigt, dass gegen den Angeklagten im Falle eines voll umfänglichen Geständnisses eine zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe verhängt werde. Allem Anschein nach – weil sich der Verteidiger und sein Mandant auf Griechisch unterhielten – brauchte es aber viel Überzeugungskraft des Verteidigers, bis er den Angeklagten so weit hatte, dass der die gegen ihn erhobenen Vorwürfe tatsächlich in vollem Umfang einräumte. Zunächst, indem sein Verteidiger eine entsprechende Erklärung abgab, dann, indem der 62-Jährige auf Nachfrage von Doris Greiner dieses Geständnis bestätigte. Leugnen, sagte die Staatsanwältin anschließend in ihrem Plädoyer, hätte ohnehin nur wenig Sinn gehabt, weil zumindest im ersten, schwereren Fall DNA-Spuren des Angeklagten sowohl an der Innenseite eines BH-Körbchens des Opfers als auch an dessen Hose sichergestellt worden waren.

Das Urteil

Eine zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten forderte die Staatsanwältin, während der Verteidiger eine zwölfmonatige Freiheitsstrafe für ausreichend erachtet hätte – mit Blick auf den Gesundheitszustand seines Mandanten und mit Blick auf dessen Geständnis, das sich „sehr strafmildernd“ auswirken müsse, weil dadurch den beiden Frauen eine Aussage vor Gericht und damit möglicherweise weitere traumatisierende Erfahrung erspart geblieben sei.

Einen Einwand, den auch das Gericht gelten ließ, der aber für sich, so die Vorsitzende Richterin, nicht ausgereicht hätte, dem einschlägig vorbestraften Angeklagten eine Bewährung zuzugestehen. Entscheidend, so die Richterin, sei der physische Zustand des 62-Jährigen, der nicht erwarten lasse, dass er zum Rückfalltäter werde. Das vom Gericht verhängte Strafmaß: ein Jahr und vier Monate, auf drei Jahre ausgesetzt zur Bewährung.

Auflage

Das Urteil ist verbunden mit der Auflage, dass sich der Angeklagte ungeachtet seines gesundheitlich eingeschränkten Zustandes einer ambulanten Therapie für Sexualstraftäter unterzieht.