Schorndorf

Gestresste Kinder lernen nicht

Herbert Renz-Polster_0
Herbert Renz-Polster referierte in der Barbara-Künkelin-Halle zum Thema „Wie viel Erziehung braucht (m)ein Kind?“ © Schneider / ZVW

Schorndorf. Erziehung zumindest im frühkindlichen Alter ist immer noch Frauensache. Wie anders wäre es zu erklären, dass Mann fast allein unter Frauen ist, wenn der Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster in der gut besuchten Barbara-Künkelin-Halle über das Thema „Wie viel Erziehung braucht ein Kind?“ spricht. Und zu dem Fazit kommt, dass es für die Entwicklung eines Kindes erst einmal wichtig ist, ihm Nähe, Vertrautheit und eine emotionale Heimat zu geben. Denn: „Gestresste Kinder lernen nicht.“

Den Kindern so lange wie möglich beziehungsweise so lange sie danach verlangten Schutz, Nähe und emotionale Sicherheit zu geben, bedeute nicht, sie in ihrer Entwicklung zu behindern oder zu verzögern, sondern sei vielmehr die beste Voraussetzung dafür, dass Kinder anschließend den Mut aufbrächten und über genügend (soziale) Kompetenzen verfügten, sich aufzumachen und sich zu selbstständigen Menschen zu entwickeln. Insofern sei „lernen, lernen, lernen“ erst die zweite Seite der Medaille, weil den Kindern zuvor die Gelegenheit gegeben werden sollte, ihre Kindheit zu durchlaufen und von einer geschützten Basis aus Mut und Neugier zu entwickeln. Es komme, so Renz-Polster, nicht darauf an, wann Kleinkinder welchen Zahlenraum beherrschten, sondern darauf, dass Kinder zunächst einmal das Gefühl von Nähe, Vertrautheit und Heimat kennenlernten – selbst auf die Gefahr hin, dass das als „verwöhnen“ missverstanden werden könnte. Nicht zu vergessen, so der Referent, dass ein Gefühl von Heimat auch für Erwachsene eine Gelegenheit sein könnte, „sich mal wieder selber zu entdecken“.

„Wenn ein Kind sich beschützt fühlt, kann es auch mutig sein“

Kinder, sagt Herber Renz-Polster, seien ein „Wurzel-Flügel-Wesen“. Soll heißen, dass sie erst einmal eine tiefe emotionale Verwurzelung brauchen, damit ihnen später Flügel wachsen können. „Wenn Kinder sich wohlfühlen, dann wollen sie sofort los“, ist die Erfahrung des Kinderarztes und Erziehungswissenschaftlers, der all die „Bildungsstandards“, die ein Kind braucht – Kreativität, soziale Kompetenz, innere Stärke, Widerstandskraft, Selbstkontrolle – unter die Überschrift „wache Augen“ setzte. Es sei jedenfalls, so Renz-Polster, falsch zu glauben, dass die schwer in der Waagschale liegenden Gewichte Bindung und Nähe einfach nur reduziert werden müssten, damit sich die Waage in Richtung Bildung, Freiheit und Autonomie neige.

All das komme im Idealfall und vor allem dann, wenn auch Eltern und Pädagogen beflügelt und mit wachen Augen unterwegs seien, ganz von allein. „Wenn Eltern und Erzieherinnen sich nicht wohlfühlen, fühlt sich auf das Kind nicht wohl“, meint Renz-Polster. Was im Umkehrschluss bedeute: „Wenn ein Kind sich wohl und beschützt fühlt, kann es auch mutig sein.“ Und auch um den späteren Lern- und Bildungserfolg müssen sich Eltern, die aus Sicht des Referenten den Fokus leider zu oft auf Bildungsergebnisse statt auf Bildung legen, in diesem Fall keine Sorgen machen: „Ein Kind, das gute Kompetenzen hat, ist auf seinem Bildungsweg nicht zu stoppen.“ Ganz egal, ob der nun etwas früher oder später beginnt. Auch in diesem Fall gibt es einen Umkehrschluss, der für Herbert Renz-Polster lautet: „Gestresste Kinder lernen nicht.“

„Kleines Haus der Altenpfleger“ statt „Kleines Haus der Forscher“

Es geht also, so Renz-Polster, um ein dialektisches Erziehungsprinzip oder um die Quadratur des Kreises insofern, als Kinder Nähe und Schutz brauchen, damit sie sich mit ausreichend Kraft versorgen können für den Weg in die Selbstständigkeit, der auch immer eine Reise in Neuland sei. Es gebe bei der Antwort auf die Frage, worauf Kinder daheim und in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen eigentlich vorbereitet werden sollten, „ein gewisses Unschärfeproblem“, meinte der Referent mit Blick unter anderem darauf, dass es 50 Prozent der Arbeitsplätze, die es heute gebe, in 20 Jahren möglicherweise gar nicht mehr gebe. Vielleicht, so Renz-Polster, brauche es dann keine Paketzusteller mehr, sondern nur noch Drohnensteuerungsfacharbeiter. Und vielleicht sei’s auch falsch, Kindergärten als „Haus der kleinen Forscher“ auszuzeichnen, weil es in Zukunft auf dem Arbeitsmarkt vor allem Altenpfleger brauche.

Wie wär’s also, scherzte er, zur Abwechslung mal mit einem „Haus der kleinen Altenpfleger“?! Die Kunst einer gelingenden Erziehung liege folglich auch darin, „Kinder in ein Neuland zu begleiten, das wir vielleicht gar nicht mehr selber erleben werden und in dem noch nie jemand war und in dem Kinder dann als Erwachsene gleichwohl in der Lage sein müssen, ihre Interessen auszuhandeln“. Wichtig auf dem Weg dahin sind nach Überzeugung von Herbert Renz-Polster nicht Programme und möglichst breitgefächerte Angebote, sondern die Erkenntnis, „dass Kinder am liebsten Dinge machen, die sie gerade noch so können“. „Kinder wollen sich bewähren“, sagt Renz-Polster – wohl wissend, das die Kinder, die am meisten Rückendeckung brauchen, sie oft am wenigsten bekommen.


Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor

Der 1960 geborene und in Beinstein aufgewachsene Herbert Renz-Polster ist ein deutscher Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor.

Er studierte von 1982 bis 1989 Humanmedizin in Gießen, München und Tübingen. 1986 schrieb er seine Doktorarbeit in Pakistan zum Thema Augenkomplikationen bei Lepra. Von 1991 bis 1995 war er Lektor in einem medizinischen Fachbuchverlag.

Von 1995 bis 2002 machte er die Facharztausbildung zum Kinderarzt und bildete sich in den USA wissenschaftlich weiter (Forschungsschwerpunkt: Epidemiologie allergischer Erkrankungen). Ab 2002 war er als Kinderarzt, als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg sowie als Buchautor tätig.

Herbert Renz-Polster befasst sich vorrangig mit der kindlichen Entwicklung aus Sicht der Verhaltens- und Evolutionsforschung.