Schorndorf

Gibt's bei den Schorndorfer Katholiken Massen-Austritte wie in Köln?

PfarrerKessler
Wolfgang Kessler, Pfarrer der katholischen Heilig-Geist-Gemeinde. © Gaby Schneider

Kirchenaustritte im Viertelstundentakt, wie in Köln als Reaktion auf die unselige Haltung von Kardinal Rainer Maria Woelki in der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, gibt es in der Schorndorfer Heilig-Geist-Kirche zwar nicht. Dazu ist die räumliche Distanz vielleicht doch zu groß. Doch dass die Katholische Kirche „vor einer gewaltigen Umbruchsituation steht“, das will auch Pfarrer Wolfgang Kessler nicht verhehlen. Die Rezepte, die in den 1960er und 1970er Jahren funktioniert haben, lassen sich nicht mehr ohne weiteres anwenden. Denn mittlerweile hat sich die Gesamtlage geändert: Wer heute in den Gottesdienst kommt und sich in der Kirchengemeinde engagiert, tut dies freiwillig, aus persönlichem Antrieb und aus Überzeugung – und nicht aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus oder aus Obrigkeitshörigkeit.

Darum ist Kessler froh, dass die Gottesdienste in Schorndorf noch immer gut besucht sind, an Aschermittwoch sogar besser als in Vor-Corona-Zeiten. „Ich nehme“, sagt Kessler, „eine größere Nachdenklichkeit wahr“. Wer seinen Glauben nicht mit sich selbst ausmachen will, der suche gerade in der Krise Gemeinschaft und schöpfe daraus auch Kraft. Darum sind es auch nicht die treuen Gemeindeglieder, die der Kirche den Rücken kehren, sondern eher die Kirchenfernen. Zur Hälfte, sagt Kessler, sind es 30- bis 40-Jährige, die sowieso schon eine gewisse Distanz zur Kirche haben oder mit der Institution unzufrieden sind – und weniger mit der Kirchengemeinde vor Ort.

Im Schnitt verlassen sieben Katholiken im Monat die Kirche

Im Durchschnitt gibt es in der Heilig-Geist-Gemeinde im Monat sieben Austritte. 2020 waren’s insgesamt 90, im Jahr zuvor 109. Seit Beginn dieses Jahres haben 18 Katholiken der Heilig-Geist-Gemeinde den Rücken gekehrt – für Kessler noch keine besorgniserregende Situation, sondern durchaus im Rahmen. Ein wichtiges Thema sind die Kirchenaustritte aber trotzdem. Und nicht erst seit der Aufregung um den Kölner Kardinal: Im Herbst 2020 hat sich der Kirchengemeinderat damit auseinandergesetzt und sich intensiv dem Thema gewidmet, wie Kirche wirkt – nach außen, aber auch wie einladend und offen sie ist.

Grundsätzlich sieht Kessler die Heilig-Geist-Gemeinde dabei auf einem guten Weg, in Sachen Integration und Inklusion in enger Kooperation mit der Stadt und in der Ökumene mit der Evangelischen Kirche verbunden. Bezogen auf die gesamte Diözese sieht Kessler den Schorndorfer Kirchengemeinderat sogar außerordentlich gut aufgestellt: Bei einem Durchschnittsalter von 40 Jahren handele es sich um ein junges Gremium, dem außerdem mit Sabine Laitenberger eine Frau vorsitzt. Doch auch wenn die Anzahl von Frauen in kirchlichen Leitungsfunktionen in den vergangenen Jahren insgesamt zugenommen hat, er es bemerkenswert findet, dass auch der Verband der Diözesen Deutschland neuerdings eine Geschäftsführerin hat und das Erzbischöfliche Ordinariat in München eine Amtschefin, Wolfgang Kessler wünscht sich, dass Frauen insgesamt eine größere Rolle in der Katholischen Kirche spielen können. Das fordert nicht zuletzt auch die Fraueninitiative „Maria 2.0“, die verlangt, dass in der katholischen Kirche alle Menschen Zugang zu den kirchlichen Ämtern haben, die Macht geteilt wird – und die vielleicht auch irgendwann in Schorndorf aktiv wird.

Großer Imageschaden, aber auch Zeichen der Veränderung

Klar ist Kesslers Haltung auch beim Missbrauchsskandal: Obwohl er über die Fälle nichts im Detail und auch nur über Medienberichte vom Umgang des Kölner Kardinals mit dem Gutachten weiß, der Schorndorfer Pfarrer findet es unsäglich, welche Auswirkungen dies auf die Katholische Kirche insgesamt hat: „Der Imageschaden ist immens.“ Doch er nimmt auch Zeichen der Veränderung wahr und sieht die Katholische Kirche in Sachen Prävention und Sensibilisierung mittlerweile besser aufgestellt: „Man spricht über das Thema und tabuisiert es nicht mehr.“ Und nach der jüngsten Frühjahrskonferenz der deutschen Bischöfe hat Kessler auch Hoffnung: „Die Bischöfe nehmen die Situation ernst.“

Kirchenaustritte im Viertelstundentakt, wie in Köln als Reaktion auf die unselige Haltung von Kardinal Rainer Maria Woelki in der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, gibt es in der Schorndorfer Heilig-Geist-Kirche zwar nicht. Dazu ist die räumliche Distanz vielleicht doch zu groß. Doch dass die Katholische Kirche „vor einer gewaltigen Umbruchsituation steht“, das will auch Pfarrer Wolfgang Kessler nicht verhehlen. Die Rezepte, die in den 1960er und 1970er Jahren funktioniert haben, lassen

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