Schorndorf

Gottesdienst aus dem Lastwagen in Schorndorf: An Heiligabend gingen die Kirchen ungewöhnliche Wege

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Ein Lastwagen vor dem Schorndorfer Rathaus: Gottesdienst mit Dekanin Dr. Juliane Baur (rechts) und Pfarrer Wolfgang Kessler. © Gaby Schneider

Ungewohntes an Heilig Abend. Kaum waren die Stände des Wochenmarktes abgebaut, wurde der Obere Marktplatz vor dem Rathaus abgegrenzt. Auf dem Boden wurden Abstandsmarkierungen angebracht und schließlich stellte sich ein großer Lastwagen quer vor’s Rathaus. Dessen Seite öffnete sich und offenbarte sich so auf einmal als Altarraum mit leuchtendem Weihnachtsbäumchen und E-Piano für einen Gottesdienstes im Freien.

Die Kirche verließ an ihrem großen Festtag diesmal für viele Gottesdienste notgedrungen ihre sakralen Gebäude. Sie trat hinaus, ins Offene. Und je später an diesem Heiligen Abend, desto diesiger, nasser und kälter wurde es. Überall waren Figuren der Heiligen Familie um die Krippe aufgestellt.

Draußen fror man zusammen mit der obdachlosen Heiligen Familie

Und während einem allmählich die Kälte unter die Mäntel zog, mochte einem ein plötzlich aufscheinender Gedanke, grad wie der strahlende Stern über Bethlehem, kommen. Ein wenig hinterrücks sozusagen. Ja, dieses Jesuskind wurde in eine obdachlose Familie geboren und bald würde es auf der Flucht vor dem Tyrannen Herodes sein. In einer kalten Winternacht. Und nun fror man, anders als in den gut geheizten Kirchenräumen, endlich auch einmal mit.

Nur aus Versehen? Oder auch solidarisch? Das wird sich vielleicht erst nach Corona zeigen, war so eine Überlegung, die man haben konnte, beim von der evangelischen Dekanin Juliane Baur und dem katholischen Pfarrer Wolfgang Kessler ökumenisch gehaltenen Gottesdienst auf dem Lastwagen.

„Trotz Abstand gehören wir zusammen“, sagte Dr. Juliane Baur zu den etwa 80 Teilnehmern. „Ein Gottesdienst im Stehen und im kalten. Aber wir dürfen hier miteinander singen!“ Auch Pfarrer Wolfgang Kessler von der Heilig-Geist-Kirchengemeinde sprach das Besondere der Situation an: „Wir feiern Weihnachten bewusster und nachdenklicher.“

Wie die Hirten, die den Ruf des Engels vernommen hatten, auch wenn sie sich vorher anmelden mussten, zogen die Besucher des Gottesdienstes hoch an den Waldrand im Aichenbachtal.

Dort hielt Hermann Hanselmann, auf Anregung von Pfarrer Thomas Fuchsloch von der Versöhnungs-Kirchengemeinde ebenfalls einen Wald-Weihnachtsgottesdienst im Freien. „Es ist eine neue Erfahrung“, freute sich Hanselmann mit unverdrossener Fröhlichkeit über die Botschaft dieses Abends: „Gott ist Mensch geworden. Für dich und mich!“

Unterhalb der Christlichen Begegnungsstätte loderten Feuerschalen, Maria, Josef und das Jesuskind waren als einfache Holzfiguren anwesend, einige Mitglieder des CVJM-Posaunenchors spielten mit klammen Fingern, es begann zu nieseln und dunkel zu werden.

Viele Eltern waren hier mit ihren Kindern hoch gewandert und sollten am Ende feierlich leuchtende Fackeln in den Händen tragen. Auch hier durfte, mit Abstand und im Freien, gemeinsam gesungen werden. „Herbei, oh ihr Gläubigen.“

Wesen von Weihnachten: Das Wunder des Ausgesetzt-Seins

Wer so, schon bedenklich angefroren, abends um 18 Uhr noch zur Christvesper in der Stadtkirche vorbei schaute, konnte sich dabei ertappen, wie er fast ein wenig hoffärtig auf den Glanz, den strahlenden hohen Christbaum und die Wärme in der Kirche blickte. Ein ungewohntes Gefühl an Heilig Abend. Vielleicht auch überheblich?

Aber gehört zum Weihnachts-Wunder von Christi Geburt nicht wesentlich dessen Ausgesetzt-Sein? Und könnte es sein, dass diese Pandemie tatsächlich unsere Sinne gerade für diesen Aspekt der Verheißung neu zu schärfen vermöchte?

Immer wieder war es aber an diesem Tage zu hören: „Fürchtet euch nicht...denn euch ist heute der Heiland geboren.“ (Lukas 2, Vers 10 und 11). Im Freien, im Kalten, im Offenen.

Weihnachten 2020. Ungewöhnlich fremd. Sehr „Stille Nacht“ auch auf den Gassen, nachdem erstmals seit sehr langem auch die lärmige Konsumschlacht ausgeblieben ist. Wohin, nachdem man tapfer mit der Familie gefeiert hat? Ungewohnt.

Ungewohntes an Heilig Abend. Kaum waren die Stände des Wochenmarktes abgebaut, wurde der Obere Marktplatz vor dem Rathaus abgegrenzt. Auf dem Boden wurden Abstandsmarkierungen angebracht und schließlich stellte sich ein großer Lastwagen quer vor’s Rathaus. Dessen Seite öffnete sich und offenbarte sich so auf einmal als Altarraum mit leuchtendem Weihnachtsbäumchen und E-Piano für einen Gottesdienstes im Freien.

Die Kirche verließ an ihrem großen Festtag diesmal für viele Gottesdienste

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