Schorndorf

Grabsteine aus Kinderarbeit? Nein danke!

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Hier entstehen die kreativen Ideen: Martin Hertfelder in seiner Urbacher Werkstatt „Steinleben“. © Gaby Schneider ( ZVW

Schorndorf. Steinmetz Martin Hertfelder wurde für seine kunstvollen Grabsteine in einem Bundeswettbewerb ausgezeichnet, er setzt auf heimische Materialien. Der 38-Jährige prangert Billigsteine aus Fernost an. Diese stammten nämlich zum Großteil aus Kinderarbeit.

Beim Thema Grab und Friedhof wird es meistens still. Mit dem Tod und allem, was dazu gehört, mag man sich nicht so gern auseinander setzen. Martin Hertfelder aus Schorndorf dagegen beschäftigt sich tagtäglich mit dem Tod, in seiner Urbacher Werkstatt "Steinleben". Er ist Steinmetz und fertigt individuelle Grabsteine an. 

Viel zu wenig werde in der Öffentlichkeit über die Produktionsbedingungen von Grabsteinen diskutiert, findet Hertfelder. Billige Grabsteine hätten nämlich doch ihren Preis: Zu einem großen Teil stammten sie aus Indien, wo Kinder sie in Ziegeleien und Steinbrüchen bearbeiten.

Billigsteine aus Fernost

Rund 100 000 Kinder arbeiten laut der Hilfsorganisation Misereor alleine in dem südasiatischen Land in Ziegeleien und Steinbrüchen. Etwa die Hälfte aller Grabsteine auf deutschen Friedhöfen stammt schätzungsweise aus solchen Produktionsbedingungen.

Einige Kommunen haben solche Grabsteine per Satzung verboten. Auch in Baden-Württemberg ist das seit mehreren Jahren bereits möglich. Schorndorf zählt nicht dazu, was Hertfelder kritisiert.

Prinzipiell, so sein Rat, sollte daher auf Steine aus Übersee verzichtet werden. Wer auf der Suche nach besonderer Haptik und Optik sei, werde auch innerhalb von Europa fündig – und könne dabei sicher sein, mit dem Kauf eines Grabsteins keine Kinderarbeit zu unterstützen.

Keine Lösung von der Stange

Wer einen Grabstein beim Steinmetz bestellt, bekommt keine Lösung von der Stange. Jeder Stein ist individuell, entsteht im Dialog mit den Angehörigen. Hertfelder will erst einmal erfahren, was für ein Mensch da gestorben ist, bevor er sich an die Entwürfe macht. Manchmal kommen Angehörige schon mit konkreten Ideen, aber oft seien die Vorstellungen noch nicht so ausgeprägt. Wie viel soll es kosten? Soll der Stein pflegeleicht sein? Stehen oder liegen? Und vor allem: Wie soll sich die Person darin widerspiegeln?

Das ist auch ein Stück Trauerarbeit“, sagt Hertfelder, der großen Wert darauf legt, die Menschen erst einmal kennenzulernen. „Man erlebt die Leute in einer solchen Situation pur“, so seine Erfahrung. Es gehe in der Regel direkt ans Eingemachte. Das sei nicht immer leicht, zumal wenn der Gestorbene noch jung war. Doch wenn schließlich eine Vertrauensbasis geschaffen wurde, könne daraus durchaus eine positive Erfahrung für beide Seiten werden.

Erst das intensive Gespräch, dann die intensive Arbeit

Nach einem ersten Gespräch, das durchaus Stunden dauern kann, macht sich der Steinmetz dann an die Entwürfe. Drei Stück legt er jeweils vor, auf Papier oder auch als Modell aus Gips, Ton oder Schaumstoff. Im Gespräch mit den Angehörigen entsteht dann das endgültige Modell. Vom schlichten Stein über Flügel oder Schnecken bis hin zu Wellen herrscht bei den potenziellen Formen eine große Vielfalt. „Ich möchte keine einzelne Stilrichtung pflegen, sondern die Vielfalt“, sagt der 38-Jährige. Dabei sollten die Eigenschaften der Materialien der Form angemessen sein. „Das Medium muss zur Geltung kommen.“

Während der Steinmetz im Gespräch mit seinen Kunden viel zuhören und aufmerksam sein muss, kann er bei der Bearbeitung des Steins dann völlig in seiner Arbeit versinken und die Welt um sich herum ein Stück weit vergessen. Zwei sehr gegensätzliche Tätigkeiten, die beide auf Hertfelder einen gleichermaßen großen Reiz ausüben.

Ausgezeichnet

Fünf seiner Grabsteine wurden nun beim bundesweiten Wettbewerb „Grabzeichen“ des Innungsverbandes der Steinmetze und Steinbildhauer prämiert, einer davon mit Gold. Es ist ein auf den ersten Blick besonders schlichter, dunkelblauer Stein aus irischem Kalkstein. „Das waren einfache Leute, die wollten sich nicht in den Vordergrund drängen.“ Entsprechend ruhig und klar ist die Form, die aber mit Hieben aufgehellt wurde. Ist der Stein unten voller bewegter Schraffuren (wie auch das Leben der Verstorbenen), so wird er nach oben hin immer ruhiger. Den Abschluss bildet der Name, unter dem eine kleine Flächenverzerrung die markante Trennlinie bildet.

Immer weniger Platz für Trauer 

Steine wie diese seien aber heute eher die Ausnahme, berichtet Hertfelder. Die Friedhofs-Kultur sei insgesamt in Gefahr: durch alternative Bestattungsformen wie Friedwälder oder Wiesenplatten. Aber auch, weil für die Trauer in unserer Gesellschaft immer weniger Platz sei. „Wir müssen öffentlich darüber reden, was auf den Friedhöfen passiert“, fordert der Steinmetz. Dort würden schließlich Geschichten erzählt, auch wenn diese von immer weniger Menschen gehört werden wollen. Als Ort der Besinnung und der Ruhe habe der Friedhof eine wichtige gesellschaftliche Funktion.

Deshalb hält er es für umso wichtiger, die Rolle der Grabsteine abseits vom reinen Schriftträgertum zu betonen. Als Erinnerung an einen Menschen – und auch als Wegmarke. Martin Hertfelder geht es um das menschenwürdige Gedenken. Ein Grabstein sei schließlich ja auch eine Art Grenzstein, der signalisiere: „Bis dahin ging das Leben – und ab da geht es irgendwo anders weiter.“


 

Der Werdegang

Dass der 38-jährige Martin Hertfelder sich heute tagtäglich mit dem Tod beschäftigt, ist ein Stück weit dem Zufall geschuldet. Lange wusste der im Schönbuch aufgewachsene Schorndorfer nicht, wohin es beruflich gehen sollte. Eine Bürokaufmanns-Lehre brach er ab, landete 2003 schließlich bei einem Steinmetz. Kreativ sei er schließlich immer gewesen, habe als junger Mann Graffiti und Airbrush gesprüht, vor 20 Jahren gewann er damit einmal eine Gestaltungsausschreibung im Rahmen der Landesgartenschau Mosbach. In dem klassischen Händlerbetrieb machte er deshalb eine Ausbildung. Sehr kunstvoll sei das aber nicht gewesen. Bei den Grabsteinen oder Treppen hätte die individuelle Gestaltung keine große Rolle gespielt. In die vorgefertigten Steine habe er nur noch die Namen eingefügt. Viel Kreativität war dafür nicht erforderlich.

Die Leidenschaft entdeckt als Geselle bei einem Ausnahmesteinmetz

2008 wechselte er als Geselle in den Winnender Betrieb von Martin Kirstein. Bei dem „Ausnahmesteinmetz“ sei er zum ersten Mal mit echtem Kunsthandwerk in Berührung gekommen – und habe dort auch seine Leidenschaft dafür entdeckt. Zum ersten Mal musste er komplette Formen entwickeln, sich reinfinden in jene besondere Herausforderung, vor die der Tod die Angehörigen stellt. Etwas, das ihn faszinierte und fortan umtrieb. Hertfelder machte konsequenterweise die Meisterprüfung und eröffnete schließlich vor zwei Jahren seine eigene Werkstatt in Urbach.