Schorndorf

Handicaps werden einfach übertanzt

_A8B1850[1]_0
Zwischen Bass und Tanzschritten sind alle gleich. Hier wird ohne Leistungsdruck und mit viel Spaß getanzt. © Mathias Ellwanger

Schorndorf. Inklusion macht in der Tanzschule Beier richtig Spaß. Schon seit mehr als zehn Jahren dürfen hier Jugendliche mit Behinderung ganz selbstverständlich neben Teenies ohne Beeinträchtigung tanzen. Der Bass, der durch die Bäuche wummert, macht keinen Unterschied zwischen ihnen. Also tun sie selbst das auch nicht. Gewinner sind alle.

„Baby, I’m worth it“ plärrt der R&B-Hit durch die Lautsprecher der Tanzschule Beier. Eine Gruppe Mädels tanzt dazu, was die Turnschuhe hergeben. Seitschritt, Seitschritt, Armschlenker. Kopfwackeln. Hip-Hop. „Dance4fans“ heißt das hier und findet zu lautem Bass, im besten Fall unter bunten Scheinwerfern statt. Mittendrin – Mädchen mit einer geistigen Behinderung. Und sie fühlen sich pudelwohl unter den anderen. Dies auch, wenn manche Bewegung nicht zu hundert Prozent den Takt trifft oder weniger fließend ausgeführt wird, als es soll. Für eines der Mädchen ist es heute schon die zweite Tanzstunde des Tages. Die Bewegung zur Musik macht ihr einfach einen riesigen Spaß. Ihre Backen haben ordentlich Farbe bekommen, die Augen blitzen fröhlich.

Tanzsport ohne Leistungsdruck

Schon vor mehr als zehn Jahren hat der erste Teenager mit einer geistigen Behinderung seine Tanzkarriere hier angefangen. Bis heute tanzt die inzwischen junge Frau hier. Problemlos möglich ist das in der Tanzschule Beier auch deshalb, weil die Inhaber Andrea und Jürgen Hertweck sowie ihre Mitarbeiter großen Wert darauf legen, keinen Leistungsdruck zu erzeugen. Die meisten der besonderen Jugendlichen fangen mit den „dance4fans“-Angeboten an. Schließlich tanzt da im Grunde jeder für sich alleine in seinem eigenen Tempo. Wer allerdings in solchen Kursen Mut gefasst hat, traut sich irgendwann auch in einen Paartanzkurs. Haben die Jugendlichen einmal Gas gegeben auf dem Parkett, wird so manche Fähigkeit herausgelockt. Das macht stolz, bringt Spaß und macht fit.

Immerhin: Etliche Jugendliche mit Behinderung fänden hier beim Tanzen zum ersten Mal ihre Körperbalance, entwickelten so etwas wie Ausdauer. Da hätten viele Defizite, schließlich würden sie seltener Sport in Vereinen machen, weiß Hertweck. Und: Er kann sich an einen autistischen Jungen erinnern, der beim Tanzen das erste Mal Körperkontakt zulassen konnte. Es geht also um mehr als nur um Tanzschritte und Fitness. Es geht auch um den Austausch mit anderen Jugendlichen, die Normalität einer Tanzschule. Spaß auf Tanzparties.

Davon profitieren dann nicht nur die Jugendlichen mit Behinderung. Auch die Schülerinnen und Schüler ohne Beeinträchtigung lernen viel beim tanzenden Kontakt mit einem Menschen, der ihnen sonst höchstwahrscheinlich nie so nahe gekommen wäre. Da werden auf beiden Seiten Vorurteile und Hemmungen abgebaut. Gemeinsam treten die Tänzerinnen und Tänzer bei Abschlussbällen oder bei der SchoWo auf. Da wird keiner aussortiert, alle sollen mitmachen. „Schließlich strengen sie sich genauso an“, sagt auch Tanzschulleiter Jürgen Hertweck. Druck werde keiner ausgeübt. Im Grunde seien alle scharf drauf, zeigen zu dürfen, was sie gelernt haben.

Ob das Unterrichten in einer gemischten Gruppe ein anderes sei? „Nein, nicht wirklich“, findet Tanzlehrer Sam Treuer. „Manchmal überlegt man sich, wie man etwas erklärt, aber ich mach’ nichts langsamer.“ Schließlich gehe es für die besonderen Schützlinge gerade darum, in einem normalen Kurs mitzumachen, sich darin zu behaupten. Natürlich werde am Anfang eines Kurses erklärt, dass auch Jugendliche mit dabei sind, die manches vielleicht etwas länger üben müssen. Das sei es dann aber auch. Und immer wieder seien die Verantwortlichen selbst beeindruckt davon, wie gut die Jugendlichen miteinander umgehen, wie wenig die jeweilige Behinderung eine Rolle spiele.

Verein hilft

Etliche Jugendliche mit Behinderung haben schon in der Tanzschule Beier mitgetanzt. Einige werden auch über den Hilfsverein Sternentraum vermittelt. Seine Mitglieder bemühen sich, Wünsche von kranken und behinderten Kindern zu erfüllen.