Schorndorf

Hartz-IV-Empfängerin: Arm, aber nicht unzufrieden

Rita Costa_0
Versteckte Armut? Nicht so bei Rita Costa, die offen mit ihrer Bedürftigkeit umgeht und sich mehr gesellschaftliche Teilhabe wünscht. © Habermann / ZVW

Schorndorf. Wenn einem nach Abzug aller Fixkosten nur noch zehn Euro am Tag bleiben, dann bleibt über die Deckung des täglichen Bedarfs hinaus nichts mehr übrig. Mal ins Kino, mal ein VHS-Kurs, mal ins Café –Fehlanzeige. Gesellschaftliche Teilhabe ist nur noch insoweit möglich, als sie nichts kostet. In dieser Situation ist die 53-jährige Rita Costa, die sich jetzt entschlossen hat, ihre Armut nicht immer nur versteckt zu leben, sondern damit an die Öffentlichkeit zu gehen. „Ich habe nichts mehr zu verlieren“, erklärt sie diesen Mut.

Sie wolle aber auch zeigen, dass Armut und Bedürftigkeit nicht zwingend Verwahrlosung und Depression bedeuten müssten, sagt die im Westerwald aufgewachsene Tochter eines ehemaligen italienischen Gastarbeiters, die seit 1993 in Schorndorf lebt. Die 53-Jährige war von ihrem 18. Lebensjahr an bis zu einer Umschulung im Jahr 2006 – bedingt durch eine seelische Erkrankung – als Hauswirtschafterin und zuletzt in der Nachbarschaftshilfe tätig. Eine Anstellung nach der Umschulung zur Bürokauffrau hat Rita Costa nicht mehr gefunden, vielmehr ist sie durch eine vor fünf Jahren diagnostizierte Brustkrebserkrankung weiter zurückgeworfen worden - gesundheitlich und mental. Aber nicht so weit, dass sie all ihr Lebensmut verlassen hätte, im Gegenteil. Von 2000 bis 2013 war sie regelmäßig ein paar Stunden bei der Stuttgarter Bahnhofsmission im Einsatz – gegen eine monatliche Aufwandsentschädigung von 60 Euro. Was ihr in doppelter Hinsicht gutgetan hat. Zum einen, weil sie gesehen hat, dass es Menschen gibt, denen es noch bedeutend schlechter geht als ihr selber – Wohnsitzlose und Frauen und Kinder, die Opfer von Gewalt der verschiedensten Art geworden sind, zum Beispiel –, zum anderen, weil 60 Euro für jemandem, der von der Hand in den Mund lebt, viel Geld sein können und auch mal einen „kleinen Luxus“ wie einen Café-Besuch erlauben.

Kein Bibelkreis mehr wegen der Essensgerüche im Luther-Haus

Das ist, seit Rita Costa ihr Engagement bei der Bahnhofsmission aufgeben musste, weil sie ihm rein körperlich nicht mehr gewachsen war, vorbei. Seither beschränkt sich gesellschaftliche Teilhabe bei ihr noch mehr, als das vorher schon der Fall war, auf Veranstaltungen, die nichts kosten und bei denen nichts konsumiert werden muss – wie etwa bei „Kultur am See“ oder bei „Summer in the City“ auf dem Marktplatz. Soziale Kontakte allerdings kommen da in aller Regel nicht zustande. Dafür hatte Rita Costa, die seit sieben Jahren in einer 38-Quadratmeter-Wohnung lebt, bis vor einiger Zeit einen immer am Mittwochabend stattfindenden Bibelkreis im Martin-Luther-Haus, den sie aber nicht mehr besuchen kann, seit regelmäßig am Mittwoch im Martin-Luther-Haus gekocht und gegessen wird. Seit ihrer Krankheit vertrage sie nämlich die Essensgerüche, die auch Stunden später noch im Haus hingen, nicht mehr. Und wenn sie selber kocht? Dann macht sie erst einmal alle Fenster auf und versprüht andere Düfte in der Wohnung.

Am liebsten hält sich Rita Costa in den städtischen Parks auf

„Im Grunde bin ich zufrieden“, sagt die Hartz-IV-Empfängerin, die sich vor allem eines wünscht: mehr an dem teilhaben zu können, was in der Gesellschaft passiert. Mit Blick auf die Remstal-Gartenschau befürchtet sie aber eher das Gegenteil. War es doch bislang ihre Lieblingsbeschäftigung, in den Stadt- oder den Schlosspark zu gehen und sich dort auf eine Bank zu setzen, um die wärmende Sonne zu genießen und ab und zu auch einmal mit einem ihr bis dahin unbekanntem Menschen ins Gespräch zu kommen. Das ist ihr verwehrt, seit die beiden Parks Gartenschau-Großbaustellen sind, und die 40 oder auch nur 20 Euro, die es braucht, sich eine Remstal-Card und damit Eintritt in die beiden während der Gartenschau kostenpflichtigen Parks zu erkaufen, hat Rita Costa einfach nicht übrig (siehe dazu den Infokasten „Gartenschau“). Für sie sei es wichtig, sich an Orten und bei Unternehmungen aufzuhalten, wo sie nicht ständig mit ihren Krankheiten und Einschränkungen konfrontiert werde, sagt die 53-Jährige, die ohnehin schon genug mit Ärzten und Psychologen zu tun hat und der als Anlaufstellen der kleine Park beim Karlsstift und der Alte Friedhof bleiben.

Wobei sie nichts dagegen hätte, wenn sich jemand finden würde, der Lust hätte, ab und zu einen Spaziergang mit ihr zu unternehmen oder auch mal einen kleinen Ausflug. Aber immer mit dem ganz offen kommunizierten Vorbehalt, dass mehr als nur ein Spaziergang bei ihr aus finanziellen Gründen nicht drin ist. „Ich bin zum Beispiel noch nie in Adelberg oder in Lorch gewesen, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf“, sagt die 53-Jährige, die sich auch vorstellen könnte, dass Menschen wie ihr ab und zu einmal der Besuch einer Kulturveranstaltung zum symbolischen Preis von einem Euro ermöglicht wird. Früher zum Beispiel ist Rita Costa gerne ins Kino gegangen und war sogar Mitglied im Stuttgarter Kinokreis. Auch so etwas käme für sie heute nicht mehr infrage: nicht nur, weil’s zu teuer ist, sondern auch, weil sich durch ihre Krankheit ihr Geschmackssinn so verändert hat, dass sie auch den Geruch von Popcorn nicht mehr verträgt – zumindest nicht in geschlossenen Räumen.

Leserbriefe als kleine Zeichen, dass sie weiterhin am Leben teilnimmt

Wenn Rita Costa eine Zeitung lesen will, dann kann sie sich die auch nur in absoluten Ausnahmefällen leisten. Ansonsten nutzt sie den öffentlichen Aushang bei den Schorndorfer Nachrichten und schreibt sogar ab und zu einen Leserbrief. Aber keinen fremdenfeindlichen, wie es vielleicht andere tun würden, die in ihrer Situation sind und gerne andere für ihr Schicksal verantwortlich machen. Als sie kürzlich bei ihrem Betreuer im Jobcenter war, da hat der sie zu einem kleinen Leserbrief, in dem sie den Schorndorfer Vereinsweihnachtsmarkt gelobt hat, ausdrücklich beglückwünscht, weil dieser Leserbrief ein gutes Zeichen sei, dass sie nicht resigniert und sich zurückgezogen habe, sondern dass sie gewillt sei, weiterhin am Leben und an der Außenwelt teilzumehmen. „Ich möchte auch anderen, die in meiner Situation sind, Mut machen, sich nicht zu verstecken“, sagt Rita Costa, die sich bemüht, einigermaßen regelmäßig 50 Cent in ein Kässle zu werfen, um sich ganz selten doch mal ein kleines Extra wie etwa einen Cocktail gönnen zu können.


Gartenschau

Wer sich die Remstal-Card, die das dauerhafte Betreten der eintrittspflichtigen Parkbereiche ermöglicht, auch zum ermäßigten Preis nicht leisten kann, kann die Parkanlagen und die Gartenschau trotzdem genießen.

In diesem Fall empfiehlt es sich laut Ulrike Schwebel von der Geschäftsstelle Gartenschau bei der Stadtverwaltung, sich vertrauensvoll an den Fachbereich „Familie und Soziales“ in der Arnold-Galerie zu wenden. Dort, so versichert Ulrike Schwebel, wird Menschen wie Rita Costa unbürokratisch geholfen.