Schorndorf

Hausaufgabenstress in den Familien

Featurebild Schule Schüler Lehrplan Lenen Hausaufgaben
Anlass vieler Streitigkeiten: Hausaufgaben, die nicht so gut laufen wie gedacht. © Habermann / ZVW

Schorndorf. Hausaufgaben sind auch in anderen Familien Stress pur – das haben Eltern im Vortrag der Lerntherapeutin Sonja Hanselmann-Jüttner im Familienzentrum schnell gemerkt. Die größten Probleme haben die Familien mit der Motivation der Kinder, der Konzentration und dem selbstständigen Arbeiten.

Schon als zwei der teilnehmenden Mütter den Raum betreten und das Wort „Hausaufgaben“ auf der Folie an der Wand lesen, ist klar, dass dieses Thema in ganz vielen Familien zu Streit, Diskussionen und Spannungen führt: „Das Wort tut schon weh.“ Doch im Familienzentrum wird auch klar: Diplom-Sozialpädagogin und Lerntherapeutin Sonja Hanselmann-Jüttner kann Eltern keine Patentrezepte für das Lernen geben. Vielmehr will sie ihnen „Ideen, Ansätze, Methoden und Dinge zum Nachdenken“ mit auf den Weg geben.

Für Grundschüler ist das Lernen völlig neu 

Für Grundschulkinder ist das Lernen freilich eine völlig neue Erfahrung: „Sie haben vor dem Eintritt in die Grundschule gar keine Vorstellung davon, was Lernen überhaupt ist, und befinden sich in einer völlig anderen Situation“, sagt die Lerntherapeutin. Die Kinder hätten einen hohen Anspruch an sich selbst sowie hohe Erwartungshaltungen. Der erste Alltag in der Grundschule sehe dann in der Realität meistens ganz anders aus.

Vorsicht Falle: Kindern das Denken nicht abnehmen

Sehr wichtig ist Sonja Hanselmann-Jüttner das eigenständige Denken beim Lernen. Ohne das eigenständige Denken lasse die Anstrengungsbereitschaft der Kinder nach. Deshalb müssen die Eltern „ein Signal setzen und nicht in die Falle tappen“. Konkret bedeutet das, dass die Eltern die zu bearbeitende Aufgabe mit dem Kind zwar besprechen können. Anschließend sollen sie es „alleine versuchen lassen“, weil für das Lern- und Arbeitsverhalten des Kindes schon in der Grundschule erste Bausteine gelegt werden. Die spielen dann in der weiterführenden Schule eine große Rolle.

Unterschiedliche Konzentrationsspanne je nach Alter 

Ein häufiges Problem in den Familien ist auch die Konzentration beim Arbeiten. Die Konzentrationsspanne ist bei jedem Kind ganz unterschiedlich. Fünf- bis siebenjährige Kinder können sich, laut Sonja Hanselmann-Jüttner, nur etwa 15 Minuten am Stück konzentrieren. Schafft es ein Kind jedoch nur, zehn Minuten am Ball zu bleiben, und die Eltern wissen das, dann sollten sie das Kind für das gezeigte Verhalten loben. Denn: Viel Bestätigung ist für die meisten Kinder sehr wichtig, um dranzubleiben. Bekommen sie keine Rückmeldung, lasse die Anstrengungsbereitschaft und die Motivation sehr schnell nach. Und zu viel Druck ist außerdem kontraproduktiv für das Lernen.

30 Minuten zwsichen Lernen und Fernseh-Belohnung 

Deshalb ist es „natürlich auch nicht verpönt, das Kind nach dem Lernen und Arbeiten mit etwas Reizvollem zu belohnen“, sagt Sonja Hanselmann-Jüttner. Wichtig ist dabei allerdings, dass der Zeitraum zwischen dem Lernen und einer Fernseh- oder Computer-Belohnung mindestens eine halbe Stunde beträgt, weil „der Speicherprozess im Gehirn Zeit braucht“.

Lerntherapeutin empfiehlt den "Punkteplan" 

Als Idee für das Belohnen und die Anreizmotivation nennt Sonja Hanselmann-Jüttner den „Punkteplan“. Jedes Mal, wenn es das Kind geschafft hat, sich zehn Minuten am Stück zu konzentrieren, bekommt es dafür einen Stempel oder einen Aufkleber, der dann bei einer gewissen Anzahl in eine Belohnung getauscht werden kann. Je jünger das Kind, desto schneller sollte es eine Belohnung bekommen. Jede Familie muss diese Methode allerdings für sich selbst ausprobieren, denn es ist „kein Patentrezept“.

Längere Pausen, wenn gar nichts mehr geht 

Während des Erledigens von Hausaufgaben ist auch wichtig, „eine längere Pause einzulegen, wenn gar nichts mehr geht“. Führe das dann aufgrund des hohen Anspruchs der Kinder an sich selbst zu kleinen Machtkämpfen, sollten sich die Eltern nicht auf den Kampf einlassen, keine Gegenposition einnehmen und, auch wenn’s schwierig sein mag, ruhig bleiben.

Möglichst keine Ablenkung während des Arbeitens 

Gut ist auch, dafür zu sorgen, dass sich während des Arbeitens möglichst „nichts Ablenkendes in der Nähe befindet und es immer einen bestimmten Ort zum Lernen gibt“, so Sonja Hanselmann-Jüttner. Außerdem ist es sinnvoll, „die Schule mit ins Boot zu holen“, was zum Beispiel schon beim Eintragen der Hausaufgaben anfange.

Gewisse Frustration kann bleiben 

Trotz all dieser Ideen und Methoden kann es durchaus sein, dass aufgrund des hohen Anspruchs der Kinder an sich selbst eine gewisse Frustration bleibt. Für die Eltern ist es dann wichtig, zu schauen, in welchen anderen Bereichen das Kind Stärken hat, und „die kleinen Dinge im Alltag zu sehen“. Denn in diesem „dreht sich alles um die Schule“ und deswegen bestehe die Gefahr, dass die Eltern nicht sehen, was das Kind sonst noch Gutes kann.

Eine positive Beziehung sei wichtig, um die Frustration für die Kinder erträglicher zu gestalten.

Paradoxe Intervention

Kinder, die beim Hausaufgabenmachen dauernd meckern, können von ihren Eltern vielleicht mit einer „Paradoxen Intervention“ aus dem Konzept gebracht werden. Also: den Spieß rumdrehen und selbst ausdauernd über das Aufräumen und Abspülen meckern. Bei ihr selbst, erzählte Sonja Hanselmann-Jüttner, habe es genau drei Tage gebraucht, bis die Meckerei zu Hause aufgehört hat.