Schorndorf

Heimatforscher im Untergrund

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Hohe CO2-Werte – und alle Argumente von Grünen-Stadtrat Andreas Schneider und Zentrale-Dienste-Mitarbeiter Stephan Bluthardt – konnten Heimatforscher Roland Buggle nicht von seinem Vorhaben abbringen: Er wollte partout beim Brünnele in den Schacht steigen. © Ramona Adolf

Schorndorf. Als ein Baustellen-Fahrzeug einen Schachtdeckel beim Drüberfahren zerbrochen hat, trat vor der Baugrube Archivstraße 13 unverhofft ein vergessener Kanal zutage. Heimatforscher Roland Buggle ist sich sicher: Es handelt sich um einen Schleimgraben, der noch als Abwasserkanal aktiv sein und dessen Anlage in die Zeit vor dem Festungsbau reichen könnte. Weil er obendrein eine Verbindung zum Brünnele vermutet, ist Buggle am Mittwochvormittag in den Untergrund gestiegen.

Video: Eine Kamerafahrt durch den alten Kanal

Obwohl das Gaswarngerät kontinuierlich piepste, CO2-Werte von bis zu 0,7 Volumen-Prozent anzeigte und die Mitarbeiter der Stadtentwässerung sichtlich nervös waren – Roland Buggle, ehrenamtlicher Beauftragter des Landesdenkmalamtes, war am Mittwochvormittag nicht aufzuhalten: „Ich steige da runter und fertig.“ Mit einer orangen Sicherheitsweste, einem Seil um den Bauch und einem gelben Helm auf dem Kopf stieg er über eine Leiter in den alten Schacht hinab, dessen Zugang die Mitarbeiter der Stadtentwässerung zuvor am Brünnele vor dem Bioladen geöffnet hatten. Auf eigene Verantwortung, so die Abmachung – und Buggle war, als er wieder heil oben ankam, froh, dass er runtergestiegen ist, „aber nicht zufrieden“.

In den fünf Minuten, die er im Untergrund verbringen durfte, konnte er lediglich die Stufen einer Wendeltreppe hinabsteigen und einen Blick rechts um die Ecke wagen. Dort entdeckte er einen niedrigen Kanal, der in südlicher Richtung verläuft, aber kein Wasser führt. Licht, das auf den zur besseren Belüftung geöffneten Schachtdeckel direkt vor dem Brünnele – und damit auf eine Kanalverbindung – hinweisen könnte, sah Buggle nicht. Dafür entdeckte er unten eine gerahmte Inschrift, die er auf die Schnelle freilich nicht zu deuten wusste: Außer der Jahreszahl 1876 ist die Buchstabenfolge IFVFL in den Sandstein gemeißelt sowie HC und darunter die Ziffern 18011. Die Stufen der Treppe, das hatte er noch von oben vermessen, sind 15 Zentimeter hoch und 45 Zentimeter breit.

Dass Buggle überhaupt die Chance bekommen hat, in den Untergrund hinabzusteigen, ist gewissermaßen der Baustelle auf der anderen Seite der Schlosswallschule zu verdanken: Für den Bau eines viergeschossigen Flachdachgebäudes, das in der Archivstraße 13 Platz für 22 Eigentumswohnungen und eine zweigeschossige Tiefgarage bieten soll, hat die Schatz Projektbau GmbH das bestehende Gebäude abreißen lassen. Und als im Juni ein Baustellen-Fahrzeug den Schachtdeckel vor dem Grundstück beim Drüberfahren zerbrochen hat, trat unverhofft ein sechs Meter tiefer, gemauerter Schacht zutage: ein in Vergessenheit geratenes Zeugnis der Schorndorfer Stadtgeschichte.

Kanal in sechs Meter Tiefe: In neuen Plänen nicht verzeichnet

Weder das Tiefbauamt noch die Untere Denkmalbehörde wussten von einem Kanal, der in sechs Meter Tiefe nicht nur bis zum Burgschloss verläuft, sondern auch in Richtung Brünnele. Als Jochen Schäfer vom Denkmalamt Roland Buggle als ehrenamtlichen Beauftragten des Landesamtes für Denkmalpflege über die Entdeckung informierte, war dem sofort klar: „Das kann nur der Schleimgraben sein“, ein Entwässerungsgraben aus dem ehemaligen inneren Stadtgraben vor der (alten) Festungsmauer. „In alten Plänen“, weiß Buggle, „ist er eingezeichnet und führte rings um die Stadt.“ Geschätzte Länge: 1,75 Kilometer. Und da eine von der Firma Schatz in Auftrag gegebene Kamerabefahrung zeigte, dass der Kanal nicht nur intakt, sondern innen sauber ist, ja sogar noch Wasser führt, hält es Buggle außerdem für wahrscheinlich, „dass er aktiv ist“. Schließlich sind rund um das Burgschloss – bis zum alten Finanzamtsgebäude und bis in die Schulstraße – noch Inspektionsschächte vorhanden.

Die Firma Schatz freilich ist wenig begeistert von der Entdeckung: Sollte die Wasserleitung tatsächlich noch in Gebrauch sein, muss ein Bypass gebaut werden. Schließlich verläuft der sandsteingemauerte Kanal direkt durch die bis auf sieben Meter Tiefe geplante Baugrube – und könnte nicht zuletzt bei der geplanten Pfahlrammung für die Spundwand stören.

Für Roland Buggle, der überzeugt ist, dass der Kanal erhalten bleiben könnte, wenn das Grundstück etwas weniger intensiv bebaut werden würde, ist die Entdeckung auch Anlass, eine Lanze für die interessante Stadtgeschichte zu brechen: „Schorndorf unterirdisch ist einfach immer wieder spannend.“ Er ist überzeugt, dass dieser Kanal gut 500 Jahre alt ist und spätestens mit der Errichtung der Wallanlage (1538 bis 1544) entstanden ist, möglicherweise auch schon beim Bau der ersten Ummauerung im 13. Jahrhundert. Bei der Kamerabefahrung wurde er von der Archivstraße auf etwa 60 Meter bis zum Südwest-Turm des Schlosses erkundet. Womöglich setzt sich der Kanal aber auch in westlicher Richtung fort. Und genau das wollte Buggle bei seiner Begehung eigentlich herausfinden – bis ihm die hohe CO2-Konzentration im Untergrund einen Strich durch die Rechnung machte. Aufschluss über den Verlauf des Kanals kann jetzt nur eine weitere Kamerabefahrung geben.

Das Brünnele

An das Brünnele, das längst kein Wasser mehr spendet und seit einigen Jahren – weil sich nur noch Abfall im Becken sammelte – sogar abgedeckt ist, können sich alte Schorndorfer noch gut erinnern. Herbert Mayer, Eigentümer des Grundstücks beim Brünnele, weiß noch aus Erzählungen seiner Frau, dass man früher zum Brünnele hinabsteigen musste. Das nebenstehende Beweisfoto, das seine Tochter Ulrike Mayer in einem alten Album entdeckt hat, zeigt die längst vergangene Situation.

Die Schorndorfer schätzten das Wasser des „Gesundheitsbrünnele“ – und nicht nur sie: Der Chefarzt des Krankenhauses, erzählt Mayer, hat sich jeden Morgen einen Krug voll bringen lassen.