Schorndorf

Herr Hornikel, was werden die Bürger in Schorndorf im Herbst mittragen?

Bernd Hornikel
Oberbürgermeister Bernd Hornikel geht mit Sorge in den Herbst. © Joachim Mogck

Ganz kurz hatte es im Sommer so ausgesehen, als sei der Ansturm der Geflüchteten schon vorbei. Doch in den vergangenen Wochen sind die Flüchtlingszahlen erneut sprunghaft angestiegen. Auch Schorndorf ist jetzt in der Pflicht, den vielen geflüchteten Menschen zu helfen. Nach der Sporthalle in der Berufsschule werden zwei weitere Hallen zu Notunterkünften umfunktioniert. Wir haben mit Oberbürgermeister Bernd Hornikel über die Not der Geflüchteten und die Herausforderungen gesprochen, die im Herbst auf die Städte zukommen.

Herr Hornikel, vor wenigen Wochen wurde die Notunterkunft in der Brühlhalle in Schornbach geschlossen. Jetzt haben Sie bekanntgegeben, dass die Tannbachhalle in Miedelsbach und die Festhalle in Haubersbronn Notunterkünfte werden. Wie waren die ersten Reaktionen im Gemeinderat und in der Stadt? Was hören Sie?

Die Notsituation der Geflüchteten wird im Gemeinderat und den Ortschaftsräten gleich gesehen. Es ist klar, dass man helfen muss. Niemand will, dass Geflüchtete, die im Bus ankommen, in Schorndorf auf der Straße stehen. Kritisch gesehen wird aber die Unterbringung in den Sporthallen. Menschen flüchten nicht ohne Grund. Sie sind möglicherweise traumatisiert und werden dann mit vielen anderen in einer Halle untergebracht. Das ist konfliktträchtig. Ich höre in Miedelsbach und Haubersbronn, dass es eine große Belastung wird.

In der Schornbacher Brühlhalle war das Zusammenleben in der Halle und mit den Bürgern nicht immer spannungsfrei. Wie wollen Sie Konflikten vorbeugen?

Unterm Strich waren wir insgesamt zufrieden, wie es in Schornbach gelaufen ist. Das lag auch an den ehrenamtlichen Helfern. Unsere Hauptsorge ist: Wie können die Menschen gut betreut werden? Wir müssen für die soziale Betreuung und für Sicherheit sorgen. Dazu werden wir einen Sicherheitsdienst beauftragen. In nächster Zeit haben Miedelsbach und Haubersbronn für den kommunalen Ordnungsdienst Priorität. Für die soziale Betreuung sind der Fachbereich Integration und das Ausländeramt zuständig. Hier setzen wir auch aufs Ehrenamt.

Bisher haben die Menschen eine große Solidarität gezeigt. Untersuchungen zeigen nun aber, dass diese Solidarität Risse bekommt. Wie ist das in Schorndorf?

Die Stimmung ist anders als im März. Viele fragen sich heute: Wie schaffen wir das? Bisher war die Krise kaum sichtbar. Viele Geflüchtete waren privat untergebracht, und die Halle in Schornbach wurde im August schon wieder geräumt. Jetzt ist der Zustrom nicht mehr so schnell zu bewältigen. Dazu kommt: Die Menschen machen sich Sorgen wegen der Energiepreise, wegen Corona und der Flüchtlingszahlen. Die multiple Lage überfordert. Wir kommen an unsere Grenzen.

Welche Konsequenzen befürchten Sie?

Viele machen sich Gedanken darüber, ob es einen Rechtsruck geben wird und bei den nächsten Kommunalwahlen Protestwähler in großer Zahl antreten werden. Wir Städte müssen aufpassen, dass wir nicht an Grenzen der staatlichen Leistungsfähigkeit kommen. Nehmen Sie zum Beispiel den Beschluss des Bundes, dass immer mehr Menschen ein Anrecht auf einen Wohnberechtigungsschein haben. Wer im Rathaus soll die dreifache Menge der Anträge bewältigen? Ganz davon zu schweigen, dass es nicht plötzlich dreimal so viele Wohnungen gibt. Außerdem wird auch Konkurrenz entstehen zwischen Deutschen und Geflüchteten. Der Krieg hat Folgen – das spüren wir jetzt.

Kommen wir zu den Schwächsten in der Kette, den Kindern. Wie gut sind Schulen und Kitas auf die Herausforderung vorbereitet?

Die Schulen sind mit den Vorbereitungsklassen sehr gut vorbereitet gewesen. Bisher gab es wenig Probleme mit den zusätzlichen Kindern. Wie es jetzt wird, ist aber die Frage. Es hängt davon ab, wie viele Kinder nach Schorndorf kommen werden. Was die Kitas betrifft: Die sind jetzt schon belastet. Man muss sehen, wie wir das lösen, es gibt da keine Denkverbote ... Aber auch hier stellt sich die Frage, wer die Kinder betreut. Schon jetzt ist es schwer, pädagogisches Fachpersonal zu finden.

Drei Hallen sind fürs Erste geschlossen. Ist der Sportunterricht gesichert?

Nein, ist er nicht. Im Moment versuchen wir, die Kapazitäten auf andere Hallen zu verlegen. Wir haben aber Probleme mit dem Transport der Kinder. Wir finden kein Busunternehmen, das diese Aufgabe übernehmen will. Aber wir arbeiten mit Hochdruck daran.

Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Sie gehen weiter von einem stetigen Zustrom der Geflüchteten aus. Welche Halle ist als Nächstes als Notunterkunft vorgesehen?

Oh je ... Keine Halle ist sicher. Aber wir versuchen jetzt erst mal, an leerstehende Gewerbeimmobilien heranzukommen, die man für die Geflüchteten umbauen kann. Wir gehen jetzt auch Dinge an, die wir bisher verworfen haben und suchen auch Standorte für Container. Aber kurzfristig hilft das nicht weiter. Man muss die Container kaufen oder mieten, braucht die Erschließung, dann müssen die Container aufgebaut und gesichert werden. Das braucht Zeit. Das ehemalige Bauhof-Gelände an der Rems wäre dafür möglich, aber das dauert mindestens ein halbes Jahr. Ich werde auf das Land zugehen mit der Frage, ob dort Container zur Verfügung stehen. Dusch- und Sanitärcontainer und Küchencontainer könnten auch eine Ergänzung zu den Hallen sein. Die Krise trifft uns auch in einer schwierigen Haushaltssituation. Wegen der Energiekosten müssen wir mit mehreren Millionen Euro Mehrbelastung rechnen. Diese Kosten kommen jetzt noch dazu. Das werden wir merken.

Steigende Energiekosten, Inflation, eine unklare Corona-Lage und der Krieg in der Ukraine: Mit welchen Gefühlen gehen Sie in den Herbst?

Ich bin besorgt. Ich bin zwar optimistisch, dass wir die Flüchtlingskrise bewältigen, aber insgesamt kommen zurzeit so viele Krisen zusammen. Nach der Corona-Krise ist die Gesellschaft noch nicht wieder voll belastbar. Die Unternehmen, die Gastronomie, die Künstler: Viele haben gelitten, auch die Kinder. Ich habe Sorge, was das mit uns macht. Bleiben wir solidarisch? Oder bröckelt es?

Was werden die Bürger mittragen?

Im Moment sind Standardsenkungen im Gespräch. Eigentlich müsste man wegen der Energiekrise das Hallenbad schließen, aber das will ich nicht. Wir versuchen, es offen zu halten, gleichwohl diskutieren wir darüber. Das Außenbecken braucht man nicht wirklich, aber das Sportbecken, das Kinderbecken und das Lehrschwimmbecken möchte ich auflassen. Vielleicht ist eine vorübergehende Senkung des Wohlfühlniveaus aber auch aushaltbar. Denken Sie an früher: Die Familie meines Vaters hat nach dem Krieg eine Flüchtlingsfamilie zugewiesen bekommen. Diese Generation war nach dem Krieg am Ende, sie hat es aber geschafft. Vielleicht sollte man einfach sagen: Wir kriegen das hin. Aber wir dürfen dabei niemals die vergessen, denen es nicht gutgeht.

Ganz kurz hatte es im Sommer so ausgesehen, als sei der Ansturm der Geflüchteten schon vorbei. Doch in den vergangenen Wochen sind die Flüchtlingszahlen erneut sprunghaft angestiegen. Auch Schorndorf ist jetzt in der Pflicht, den vielen geflüchteten Menschen zu helfen. Nach der Sporthalle in der Berufsschule werden zwei weitere Hallen zu Notunterkünften umfunktioniert. Wir haben mit Oberbürgermeister Bernd Hornikel über die Not der Geflüchteten und die Herausforderungen gesprochen, die im

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