Schorndorf

Historisch hohe Austrittszahlen aus den Schorndorfer Kirchen - Dekane sprechen über die Gründe

Stadtansichten
Im Jahr 2019 traten fast 300 Schorndorferinnen und Schorndorfer aus der Kirche aus. © Joachim Mogck

Die Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland hat einen historischen Höchststand erreicht. Das pietistisch geprägte Remstal nimmt keine Sonderrolle ein. Auch in Schorndorf lag die Zahl noch nie so hoch wie im Jahr 2019. Insgesamt entschieden sich 296 Menschen zum Austritt aus den beiden großen Kirchen. Vor allem wegen der Kirchensteuer gingen viele den Weg, meint die Dekanin der evangelischen Kirche Schorndorf, Dr. Juliane Baur. Wer allerdings austrete, müsse sich der Konsequenzen bewusst sein. Bestimmte kirchliche Privilegien haben nur Kirchenmitglieder.

Die Zahl geht nach oben

Im Jahr 2009 traten nur 164 Schorndorferinnen und Schorndorfer aus den beiden großen Kirchen aus. Zehn Jahre später waren es fast 300 Bürgerinnen und Bürger. Auch wenn die Kurve nicht linear verläuft, lässt sich insgesamt ein Anstieg feststellen.


Im Gespräch über die Zahlen macht Dekanin Baur darauf aufmerksam, dass die gesamten Mitgliederzahlen vor allem dadurch sinken, dass mehr Kirchenmitglieder sterben als dazukommen. Viele Menschen gehören heute keiner Konfession mehr an oder gehören einer anderen religiösen Gruppe an. Die Kirche wird sich also in Zukunft auf einen deutlich geringeren Teil an Mitgliedern in der Gesellschaft einstellen müssen. „Das ist sehr schmerzlich“, sagt Baur. Zwar mache sie sich sorgen, doch beirren lassen will sie sich davon nicht. „Wir wollen etwas in die Gesellschaft einbringen, unabhängig von der Zahl“, erklärt sie. Die Dekanin verweist auf die Situation in der ehemaligen DDR. „Dort sind viele Gemeinden viel kleiner als bei uns, und trotzdem bewegt sich etwas“, sagt sie.

165 Protestanten, so die Dekanin Baur

Anteilig an ihrer Gesamtzahl treten in Schorndorf allerdings mehr Katholiken als Protestanten aus. Laut Baur seien es 165 Protestanten gewesen, obwohl deren Anteil an den beiden großen Kirchen in Schorndorf rund zwei Drittel ausmache. Im Verhältnis betrachtet seien es also mehr Katholiken, die austreten.

Die Gründe sind aus Baurs Sicht vielfältig, doch besonders die Kirchensteuer sorge für Austritte, nimmt sie an. Die Einschätzung macht sie unter anderem an den Geburtsjahren der Personen fest. Wer gerade richtig im Berufsleben durchstarte, trete oft aus. Wer der Kirche nicht besonders nahestehe, gehe dann offenbar immer häufiger den Schritt.

Kirchensteuer schlägt zu Buche, wie eine Beispielrechnung zeigt

Tatsächlich schlägt die Kirchensteuer ganz schön zu Buche. Alleinstehende mit einem Bruttosgehalt von 3500 Euro im Monat bezahlen Kirchensteuer von etwa 500 Euro im Jahr. Sie beträgt in Baden-Württemberg acht Prozent von der Lohnsteuer. Besonders bei hohen Gehältern kommt schnell eine entsprechend hohe Steuerlast zusammen. „Wer viel Kirchensteuer bezahlt, verdient auch viel Geld“, rechtfertigt die Dekanin die Beträge. Der Austritt hingegen ist günstig: 22 Euro Gebühr wird für den Verwaltungsaufwand beim Standesamt in Schorndorf fällig.

Die Dekanin macht aber auch deutlich, dass nicht nur die Kirchensteuer zu den Austrittsgründen zähle. Sie vermutet, dass einige wohl auch austreten, um sich einer Freikirche anzuschließen. 


Wer austritt, bekommt ein Schreiben samt Gesprächsangebot

Protestanten, die austreten, bekommen in Schorndorf ein Schreiben zugestellt und werden zum Gespräch eingeladen. Doch tatsächlich nehme das Angebot kaum einer wahr, erzählt Baur. Schriftlich werden die Personen darauf aufmerksam gemacht, dass sie mit dem Austritt auch auf ihre Rechte innerhalb der Kirche verzichten. „Sie können sich nicht mehr kirchlich trauen lassen, Taufpate werden und bekommen keine kirchliche Bestattung mehr“, erklärt die Dekanin. Lediglich Taufzeuge könne man noch werden, erklärt sie. Gottesdienst könnten die Personen allerdings auch weiterhin besuchen. Doch nicht nur mit diesen Privilegien argumentiert sie: „Kirche ist gesellschafts- und kulturprägend.“

Auch Dekan Wolfgang Kessler, zuständig für den gesamten Rems-Murr-Kreis, versucht im Gespräch deutlich zu machen, wo die Gelder der Kirchensteuer überall investiert werden. „Wir haben erst kürzlich beispielsweise eine neue Außenanlage und Spielgeräte für den katholischen Kindergarten St. Markus in Schorndorf angeschafft“, erklärt er. Von einer Abkehr von der Kirchensteuer hält Kessler nichts. Die Vielzahl an Beschäftigten und die Infrastruktur samt Gebäuden der Kirche sei von Spenden alleine nicht finanzierbar, betont er.


Innere Distanz und äußere Anlässe

Er sieht die Gründe für die großen Austrittszahlen besonders in der Distanz, die viele Menschen zur Kirche hätten. „Es ist eine Mischung aus innerer Distanz und den äußeren Anlässen“, sagt Kessler. Vielen fehle der Kontakt zur Kirche vor Ort, die Missbrauchs-Skandale hätten schließlich ihr Übriges getan.

Bislang habe die katholische Kirche keine solchen Briefe an Menschen verschickt, die ausgetreten sind. Doch künftig will er das ändern. Die jüngsten Zahlen haben ihm zu denken gegeben. „Wir wollen mit den Menschen ins Gespräch kommen“, sagt Kessler.

Kessler: Kirche muss sich Fragen aus der Gesellschaft stellen

Künftig müsse sich die Kirche aber auch stärker den Fragen aus der Gesellschaft stellen. „Es ist in der heutigen Zeit beispielsweise nicht mehr nachvollziehbar, dass Frauen nicht Pfarrer werden können“, sagt er. Schließlich seien sie in vielen Bereichen der Kirche sehr engagiert. Er unterstütze das Anliegen, dass Frauen kirchliche Ämter wahrnehmen können. Katholische Frauen hatten sich zuletzt unter dem Motto „Maria 2.0“ gegen die Einschränkungen innerhalb der katholischen Kirche gestellt.

Die Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland hat einen historischen Höchststand erreicht. Das pietistisch geprägte Remstal nimmt keine Sonderrolle ein. Auch in Schorndorf lag die Zahl noch nie so hoch wie im Jahr 2019. Insgesamt entschieden sich 296 Menschen zum Austritt aus den beiden großen Kirchen. Vor allem wegen der Kirchensteuer gingen viele den Weg, meint die Dekanin der evangelischen Kirche Schorndorf, Dr. Juliane Baur. Wer allerdings austrete, müsse sich der Konsequenzen bewusst

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