Schorndorf

„Ich liebe Wahrheit!“ Eine staunenswerte Corona-Demo in Schorndorf mit medizinischen Argumenten und bayrischen Weissagungen

Evangelikalecoronademo
Corona-Demo auf dem Schorndorfer Marktplatz. © Gaby Schneider

Sind das lauter Halbnazis? Nein, um Himmels willen! Sind die alle verrückt? Auch das nicht. Kann ich nachvollziehen, wie diese Menschen denken, ticken, reden? Ich gestehe: Das übersteigt mein Vermögen. Notizen zur Schorndorfer Corona-Demo am Dienstagabend, die zwischen „stellenweise bedenkenswert“ und „bisweilen vogelwild“ aufs Wunderlichste changierte.

Corona-Demo, erster Akt: Diese Musik ist kein Menschheitsverbrechen

Erst mal ein Adventslied. Peter Meincke, Dirigent des Philharmonischen Chors Waiblingen, Musikschulleiter in Korntal, Juror bei „Jugend musiziert“, Sänger im Montanarachor, ausgezeichnet mit der Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg und Landtagskandidat der Basisdemokratischen Partei Deutschlands, redet heute mal nicht, sondern spielt Klavier. Unlängst bei einer Corona-Demo in Schorndorf hat er – man kann es sich anschauen auf Youtube – Maskenpflicht für Kinder als „Menschheitsverbrechen“ bezeichnet; diese Vokabel wurde bislang eher für Völkermord verwendet. Nun intoniert Meincke feinhändig perlend „Tochter Zion, freue dich“, und es ist wunderschön.

Rund 150 Menschen haben sich auf dem Marktplatz versammelt. Was sind das für Leute, die zu Corona-Demos gehen? Rednerin Nummer eins, eine Frau namens Brigitte, beginnt mit einem maximal gehaltvollen Gewissensfreiheits-Wuchtwort – „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, Martin Luther – und gibt dann die Antwort: Die Corona-Skeptiker seien laut einem Artikel in der Zeitung Die Welt „im Vergleich zur Gesamtbevölkerung überdurchschnittlich gebildet“. Daran meldet ein Passant im Vorbeischlendern zwar Zweifel an: „Peinlich seid ihr!“ Aus der Demo-Gesellschaft aber schallt es zurück: „Mutig sind wir!“

Das fällt überhaupt auf: wie schwungvoll die Bewegung sich selber gut findet und als weltrettendes Offenbarungsorgan der Weisheit preist. Zitate: „Wir stehen hier in Schorndorf als Menschheitsfamilie!“ Oder: „Die Wahrheit wird siegen, und die Dunkelheit wird weichen!“

Corona-Demo, zweiter Akt: Die Weiber von Schorndorf und Sophie Scholl

Auch an großen historischen Vergleichen herrscht kein Mangel an diesem Abend: Auf Martin Luther folgen die Weiber von Schorndorf. Rednerin zwei erzählt: Diese mutigen Frauen hätten sich mit „schonungsloser Energie“ im 17. Jahrhundert sowohl den französischen „Mordbrennerhorden“ entgegengestellt als auch den eigenen Ratsherren, dieser „schwachmütigen Obrigkeit“, die „feige“ und „schmählich“ die Stadt übergeben wollte. Heute aber „stehen wir wieder hier“: Diesmal gehe es darum, ein „weltumfassendes Regime aus Macht und Geld“ in die Schranken zu weisen, von dem man „belogen und betrogen“ werde unterm „Vorwand eines angeblich hochgefährlichen Virus“. Babara Künkelin, „ein Vorbild für uns alle!“ Worauf eine junge Frau im Publikum der Vollständigkeit halber ergänzt: „Sophie Scholl“ ist auch „unser Vorbild“.

Corona-Demo, dritter Akt: Ein Radiologe über Impf-Experimente

Beim nächsten Redner beschleicht einen mal kurz das Gefühl, man sei versehentlich in eine andere Veranstaltung gebeamt worden – der Radiologe Dr. Claus Görner betont: „Ich bin keiner, der Corona leugnet“, er kenne aus seiner Berufserfahrung „schwere Verläufe“ der Krankheit, er wisse um „Spätfolgen“, die es geben könne; nur rechtfertige all das „nicht, was in dieser Gesellschaft passiert im Moment“. Vor allem macht er sich Sorgen wegen der im Rekordtempo zur Marktreife gepeitschten, hochinnovativen Corona-Impfung. Das sei zwar ein „sehr, sehr intelligenter Ansatz – aber wir wissen nicht, wie es wirklich ausgeht, das Experiment.“ Es gebe „so viele offene Fragen“; auf dieser Grundlage eine ganze Gesellschaft durchimpfen? Das sei ein „Feldversuch, wie es ihn noch nie gab“.

Corona-Demo, vierter Akt: Der Seher aus dem Bayernland

Während nun aber das normopathische Mainstreamredaktions-Schlafschaf noch diesen differenziert vorgebrachten Bedenken nachsinnt, erklimmt bereits der nächste Redner die Bütt: ein Bayer in Janker und kurzer Lederhose, die nackten Wadln gewärmt nur von knappen Wollgamaschen. „Ich weiß es aus vielen, vielen Quellen“, weissagt er, „es kommt so viel Wahrheit nach oben!“ Bereits „Mitte Januar“ werde eine „ganz tolle Aufklärungszeit“ anbrechen, das „Narrativ“ von Corona werde „sich selber entlarven, wir können entspannt sein, es gibt ein gutes Ende, und zwar sehr, sehr, sehr schnell!“ Eine Frau im Publikum seufzt: „Ich liebe Wahrheit.“

Dies ist das Allerverblüffendste an dieser generell durchaus staunenswerten Veranstaltung: mit welch großherzig umarmendem Wohlwollen hier sowohl Mediziner-Argumente als auch die Prophezeiungen des Trachten-Nostradamus gleichermaßen wertschätzend beklatscht werden. Sehr zurecht Applaus gibt es indessen fürs nächste Lied, Meincke spielt „Von guten Mächten wunderbar geborgen.“ Chapeau! Gegenüber Thomas Hornauers Wums-Mucke vom Band, die bei den ersten Schorndorfer Corona-Demos vor Monaten lief, ist das ein künstlerischer Unterschied ums Ganze.

Corona-Demo, fünfter Akt: Ein Lichtermeer und Schlussgedanken

Derweil bei der Stadtkirche: ein Lichtermeer. Menschen, die von Corona-Demos gar nichts halten, haben hunderte von Kerzen aufgestellt. Es gibt keine Reden, nur ein paar Plakate: „Solidarität mit den Corona-Opfern weltweit“.

Der Reporter trollt sich, klüger wird er heute Abend sowieso nicht mehr. Auf dem Weg zum Auto ein Blick aufs Handy – das Landratsamt hat die neuesten Zahlen gemeldet: weitere neun Todesfälle. Damit sind nun allein in dieser Adventszeit und nur im Rems-Murr-Kreis 54 Menschen nach Infektion verstorben. Weltweit sind es seit März 1,7 Millionen.

Sind das lauter Halbnazis? Nein, um Himmels willen! Sind die alle verrückt? Auch das nicht. Kann ich nachvollziehen, wie diese Menschen denken, ticken, reden? Ich gestehe: Das übersteigt mein Vermögen. Notizen zur Schorndorfer Corona-Demo am Dienstagabend, die zwischen „stellenweise bedenkenswert“ und „bisweilen vogelwild“ aufs Wunderlichste changierte.

Corona-Demo, erster Akt: Diese Musik ist kein Menschheitsverbrechen

Erst mal ein Adventslied. Peter Meincke, Dirigent des

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper