Schorndorf

Im Flüchtlings-Wohnheim: Schutz vor Covid-19 auf engstem Raum

Flüchtlingsbetreuer
Sozialpädagogin Andrea Banzhaf und Gerhard Rall, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbandes, finden, dass die Bewohner des Flüchtlingsheimes an der Wiesenstraße wirklich gut mit den Corona-Einschränkungen umgehen. © Gabriel Habermann

120 Menschen leben aktuell in der Schorndorfer Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Kelch-Gebäude. Sie teilen Sanitärräume und Küchen. Leben eng an eng, Mindestabstände einzuhalten in den schmalen Wohnheimgängen, die früher einmal Büroflure waren, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Mundschutzpflicht gibt es in dem Gebäude keine. Was früher ganz normal schien, wirkt in Zeiten einer Pandemie wie eine tickende Zeitbombe. Wo sonst, wenn nicht hier, sollte sich ein Virus ausbreiten können?

Coronabedingt: Weniger Bewohner aufgenommen

Tatsächlich aber ist Sozialpädagogin Andrea Banzhaf positiv überrascht von der Gewissenhaftigkeit der Bewohner. Zusammen mit Kollegin Patricia Hinderer hat sie im Januar die Sozialbetreuung der Schorndorfer Übergangsunterkunft für den Kreisdiakonieverband übernommen. Seitdem sie einzelne Waschräume und auch Küchen bestimmten Zimmern zugeordnet haben, sei die Putzmoral erheblich gestiegen. Die alleinerziehenden Mütter teilen sich nun einen Kochcontainer ebenso wie die alleinstehenden jungen Männer. Man verständige sich untereinander über feste Koch- und Putzzeiten. So seien alle zufriedener.

Für weitere Entspannung sorge in der aktuellen Situation die sinkende Anzahl von Bewohnern. Menschen, die in Anschlussunterkünfte vermittelt werden konnten, werden nun nicht direkt durch neue Zugänge ersetzt. So sollen Räume frei gehalten werden für den Fall, dass es an der Wiesenstraße doch einmal zu einer Covid-19-Infektion kommen sollte. Dann braucht es freie Zimmer, in denen Erkrankte alleine untergebracht werden können.

Wer sich im Wohnraum bewegt, muss Mund und Nase nicht bedecken

Aber auch unabhängig von den Maßnahmen der Pädagoginnen sorgen die Bewohner selbst für ihre eigene Sicherheit. Vereinzelt hätten ihre Klienten schon Mundschutz getragen, bevor dies deutschlandweit in Läden und Verkehrsmitteln zur Pflicht wurde. „Viele haben eben auch Kontakte zu ihren Verwandten in anderen Ländern, im Iran beispielsweise.“ Deshalb sei vielen von ihnen schnell klar gewesen, dass mit Covid-19 nicht zu spaßen sei und hätten dementsprechend Maßnahmen getroffen, um sich und andere zu schützen. Zudem kämen viele aus einem Land, in dem man sich nicht aufs Gesundheitssystem verlassen könne. Also schütze man sich lieber. Spätestens nachdem eine Bewohnerin angefangen hatte, Mundschutzmasken zu nähen und an die Bewohner zu verteilen sei die Maßnahme akzeptiert gewesen. Allerdings - wer sich im Wohnheim bewegt, muss Mund und Nase nicht bedecken.

Kontakte beim gemeinsamen Ausfüllen von Formularen

Wer aber mit den Sozialpädagoginnen sprechen möchte, Post abholt oder Hilfe mit den Formularen braucht, der muss eine Alltagsmaske tragen. „Wir möchten damit sowohl unsere Mitarbeiter als auch die Bewohner schützen“, erklärt Gerhard Rall, der Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbandes. Aus dem gleichen Grund verteilen die Pädagoginnen die Post nicht mehr in den Gängen, sie wird abgeholt. Geht Andrea Banzhaf an den Küchencontainern vorbei, spickelt sie nur noch kurz hinein. „Anfangs bin ich gerne in die Küchen hineingegangen und habe mit den Bewohnern über die Speisen geredet.“ So sei man bestens ins Gespräch gekommen über die verschiedenen Kulturen, habe viel über die Familien und ihre Herkunft erfahren können. Auch die Post-Rundgänge durchs Haus hätten gute Dienste geleistet. Da habe sie noch viel detaillierter miterleben können, was gerade im Wohnheim passiere, habe Situationen in den Familien oder zwischen Zimmernachbarn hautnah miterlebt. Nun sei sie darauf angewiesen, dass die Menschen mit ihren Anliegen von ganz alleine zu ihr kämen. Immerhin - täglich müssen von den Bewohnern des Heimes etliche Formulare ausgefüllt werden. Dabei bräuchten die meisten Hilfe, was angesichts deren Komplexität kein Wunder wäre. Während der gemeinsamen Arbeit am jeweiligen Formular kristallisierten sich ganz nebenbei die wirklich wichtigen Themen der Bewohner heraus und Banzhaf und Hinderer können helfen.

"Es gab keine Situation, in der die Lage eskaliert wäre"

Wirklich schlimme Fälle von Lagerkoller hätten sie nicht feststellen können. „Es gab keine Situationen, in denen die Lage eskaliert wäre“, weiß Rall. Und das, obwohl viele Bewohner ihre Minijobs verloren haben, Kinder nicht mehr zur Schule und in den Kindergarten gehen. Vielmehr gingen die meisten wirklich gut mit der Situation um, die auch mit einschließt, dass die Ehrenamtlichen vom Betretungsverbot betroffen sind. Es gibt keine Tanzgruppe für Kinder, keine Spielangebote, keinen Sprachtreff. Bleiben also die Bewohner unter sich. Immerhin sind viele mit den Ehrenamtlern über ihre Handys in Kontakt. Dennoch hoffen alle, dass mit neuen Lockerungen auch die Ehrenamtlichen wieder ins Wohnheim zurückkehren können und mit ihnen so manche liebgewonnene Unterstützung.

120 Menschen leben aktuell in der Schorndorfer Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Kelch-Gebäude. Sie teilen Sanitärräume und Küchen. Leben eng an eng, Mindestabstände einzuhalten in den schmalen Wohnheimgängen, die früher einmal Büroflure waren, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Mundschutzpflicht gibt es in dem Gebäude keine. Was früher ganz normal schien, wirkt in Zeiten einer Pandemie wie eine tickende Zeitbombe. Wo sonst, wenn nicht hier, sollte sich ein Virus ausbreiten

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