Schorndorf

Impfpflicht: Lage in Diakonie- und Sozialstationen könnte sich zuspitzen

Pflege
Symbolfoto. © ALEXANDRA PALMIZI

Am 16. März tritt die „einrichtungsbezogene Impfpflicht“ in Kraft, die Corona-Schutzimpfungen für Pflegekräfte obligatorisch macht. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass einige noch ungeimpfte Kranken- und Altenpfleger das vermutlich nicht mittragen werden. Googelt man im Internet auf der Seite mit den Kleinanzeigen, gibt es Gesuche für so ziemlich alles: Haushaltshilfen, Babysitter, Prospekteausträger und und und.

Seit kurzem mischen sich Annoncen von Pflegekräften dazwischen, die sich nach neuen Jobs umsehen. Ein Anzeichen dafür, dass es im Pflegesektor eng wird, weil sich Pflegerinnen und Pfleger nicht impfen lassen wollen? Fest steht: Paragraf 20a des Infektionsschutzgesetzes regelt, dass alle Leute, die in Kliniken, Pflegeheimen, Arzt- und Zahnarztpraxen, Rettungs- und Pflegediensten arbeiten, bis zum 15. März 2022 ihrer jeweiligen Chef-Etage einen Impf- oder Genesenen-Nachweis vorlegen müssen. Falls jemand dem nicht nachkommt, muss die Leitung „unverzüglich“ das zuständige Gesundheitsamt einschalten. Und was passiert dann?

Gespräche werden geführt, Schreiben verfasst

Hört man sich bei den Sozial- und Diakoniestationen in Schorndorf und Umgebung um, wird schnell klar, dass es noch viel Klärungsbedarf gibt. Christian Müller, Vorsitzender des Vorstandes Diakonie- und Sozialstation Waiblingen und Geschäftsführer der Diakoniestation Schorndorf und Umgebung, bezieht Stellung: „Der Impfstatus unserer Mitarbeitenden ist uns bekannt. Daher sind die jeweils bestehenden Testgrundlagen grundsätzlich bekannt und werden auch durchgesetzt. Allerdings sind der Überwachungsaufwand und die Durchsetzung von Testverpflichtungen und deren Dokumentation ein Aufwand, der für uns auch noch mit absoluter Zuverlässigkeit zu bewältigen ist. Wenn beispielsweise der Genesenenstatus oder der Zeitraum bis zur nächsten Boosterimpfung geändert wird, ändert sich auch die Testverpflichtung.“ Es gebe Fälle unter der Mitarbeiterschaft, die auch heute aus den unterschiedlichsten Gründen noch keinen vollständigen Impfschutz haben.

Müller: „Die Gründe möchte ich nicht bewerten. Die Mitarbeiterschaft wurde noch vor Weihnachten über die neue Gesetzeslage informiert und es wurden auch Gespräche geführt und Schreiben verfasst. Eine erste Mitarbeitende hat unsere Diakoniestation auch bereits verlassen.“

Befürwortung einer allgemeinen Impfpflicht

Es werden, gemessen an der Gesamtzahl, wenige Mitarbeitende ausscheiden oder nicht mehr einsetzbar sein, weil die Voraussetzungen des Paragrafen 20a fehlen. Aber auch deren Arbeitskraft fehle dann in einem Bereich, der bereits seit Jahren unter Personalmangel leidet. „Nicht nur aus diesem Grund halten wir eine Impfpflicht ausschließlich im Pflegebereich für falsch und befürworten eine allgemeine Impfpflicht“, so Müller und weiter: „Unsere Mitarbeitenden auf allen Ebenen und in allen Funktionen haben sich seit fast zwei Jahren mit allen Mitteln dafür eingesetzt, die hilfsbedürftigen Menschen, die wir versorgen, zu schützen. Sie haben sich allen Maßnahmen unterworfen, die von der Politik und oft genug von uns noch weiterreichenden Schutzmaßnahmen umgesetzt.

Und das alles mit Erfolg. Mehr als eine halbe Million Hausbesuche haben nicht zu einer einzigen nachweisbaren Übertragung zwischen unseren Mitarbeitenden und unseren Klienten geführt.“ Sämtliche Ansteckungen der Klienten seien auf andere Kontakte zurückzuführen. Umso unverständlicher sei es, die Impfpflicht genau auf den Bereich zu beschränken, der demnach nachweislich nicht zur Risikobegegnung der Klienten gehöre.„Ich bin allen Mitarbeitenden dankbar, die sich frühzeitig oder später zu einer Impfung entschließen konnten, und ich würde mir wünschen, dass auch die noch nicht geimpften Mitarbeitenden verstehen, dass es sich um einen Akt der Nächstenliebe handelt neben seinem eigenen Schutz auch einen Schutz für gefährdetere Personen aufzubauen. Sollte man diesen Gedankengang nicht nachvollziehen können, muss man sich auch fragen, ob die Beschäftigung in einer diakonischen Einrichtung noch sinnvoll ist“, so Christian Müller.

Testen, Testen, Testen: wichtiger Bestandteil der Mitarbeiter

Auch bei den katholischen Sozialstationen Backnang, Waiblingen und Schorndorf wird das Thema debattiert. „Es ist möglich, dass es zum 16. März 2022 noch Mitarbeitende gibt, die noch nicht geimpft sind. Aktuell sind wir noch in der Klärungsphase“, sagt Thomas Sixt-Rummel, Regionalleitung, Paul- Wilhelm-von-Keppler-Stiftung. Die einrichtungsbezogene Impfpflicht gelte nicht nur für Pflegekräfte, sondern für alle Mitarbeitenden der Dienste, also zum Beispiel auch für die Mitarbeitenden in der Hauswirtschaft oder die Ehrenamtlichen in der Nachbarschaftshilfe. Sixt-Rummel: „Selbstverständlich sind wir seit Beschluss der einrichtungsbezogenen Impfpflicht mit den Mitarbeitenden im Gespräch. Das Thema Impfen bewegt uns schon, seit es die Möglichkeit zur Impfung gibt.“

Wie in allen Diakonie- und Sozialstationen steht das Testen auf den meisten Tagesplänen. „Seit längerem gibt es zum einen für alle Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Pflicht zu 3G am Arbeitsplatz, zum anderen gibt es aus der Corona-Verordnung besondere Testpflichten für Mitarbeitende, die sich nach dem jeweiligen Impf- oder Genesenenstatus richten. Wir kennen deshalb den Status aller Mitarbeitenden und testen entsprechend“, so Thomas Sixt-Rummel.

Pflegekräfte „fühlen sich ausgelaugt“

Dass ungeimpfte Kranken- und Altenpfleger die „einrichtungsbezogene Impfpflicht“ nicht mittragen werden, vermutet auch Andreas Haas, Geschäftsführer der Awo-Sozialstation Rems-Murr: „Das wird in der Tat so sein, allerdings ist das eine klare Minderheit.“ Man kommuniziere intensiv zum Thema Impfen – schon seit es die Möglichkeit gibt, sich impfen zu lassen. Alle Mitarbeitenden würden sich vor jedem Dienstantritt testen. Außerdem erhebe man regelmäßig den Impfstatus.

Mitarbeitende, welche den Impfstatus nicht angeben wollen, werden erfasst unter „Impfstatus unbekannt“. Haas: „Insgesamt ist mein Eindruck, auch aus Gesprächen, dass die Mitarbeitenden sich ausgelaugt fühlen – auch durch dieses ständige Hin und Her der politischen Entscheidungsträger. Sie haben das Gefühl, dass alles auf ihnen abgeladen wird. Der Großteil arbeitet trotzdem engagiert weiter, ein Teil wird sich durch den zunehmenden Druck aber aus diesem Tätigkeitsfeld verabschieden.“

Stimmung in den Pflegeheimen

Wie die Stimmung zum Thema in den Pflegeheimen ist? Auch hier rechne man mit Mitarbeitern, die der Impfung weiter kritisch gegenüberstehen. Diskutiert wird von den Gesundheitsministern ja unter anderem auch, dass ungeimpften Klinik- oder Pflege-Beschäftigten, die ab März bereits der einrichtungsbezogenen Impfpflicht unterliegen, bevorzugt der bald zur Verfügung stehende Impfstoff Novavax angeboten werden soll. Er gilt als eine Art Totimpfstoff und könnte damit nicht den Vorbehalten mancher Impfskeptiker gegen die mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna unterliegen. Aber ob das ausreicht?

Angespannte Lage könnte sich weiter zuspitzen

Stefan Wieland, Pressesprecher der Zieglerschen, sagt: „Als Sozialunternehmen mit Einrichtungen in der Alten- und Eingliederungshilfe sind wir höchst alarmiert. Angesichts eines ohnehin hohen Fachkräftemangels in den pflegenden Berufen haben wir die Sorge, dass sich die angespannte Personalsituation in der Pflege aufgrund einer einrichtungsbezogenen Impfpflicht weiter zuspitzt.“

Die Folge wäre eine weitere Belastung der Kolleginnen und Kollegen mit einer drohenden Verschlechterung der Pflegestandards. Seitdem es die Möglichkeit zur Impfung gibt, werbe man bei den Mitarbeitenden intensiv dafür. Wieland: „Eine berufsbezogene Impfpflicht halten wir Zieglerschen allerdings nicht für zielführend. Die Bekämpfung der Pandemie geht uns alle an und kann uns als Gesellschaft nur gemeinsam gelingen. Um die Pandemie nachhaltig und übergreifend zu bekämpfen, würden wir deswegen eine allgemeine Impfpflicht begrüßen.“

Die Verantwortlichen im Spittlerstift begrüßen die Impfpflicht, hätten sich aber eine allgemeine Pflicht gewünscht: „Denn es hilft wenig, wenn die Mitarbeitenden alle geimpft sind, die Bewohner und Gäste aber nicht. Bei uns im Haus haben sich bis auf drei Mitarbeitende alle für eine Impfung entschieden. Wir hoffen, dass sich auch noch die restlichen dafür entscheiden - wenn nicht, dann müssen wir das akzeptieren. Nicht immunisierte Mitarbeitende stellen wir ab 15. März frei und melden sie dem Gesundheitsamt, so, wie im Gesetz beschrieben ist.“

Am 16. März tritt die „einrichtungsbezogene Impfpflicht“ in Kraft, die Corona-Schutzimpfungen für Pflegekräfte obligatorisch macht. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass einige noch ungeimpfte Kranken- und Altenpfleger das vermutlich nicht mittragen werden. Googelt man im Internet auf der Seite mit den Kleinanzeigen, gibt es Gesuche für so ziemlich alles: Haushaltshilfen, Babysitter, Prospekteausträger und und und.

Seit kurzem mischen sich Annoncen von Pflegekräften dazwischen, die sich

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