Schorndorf

Instrument des Jahres 2021: Auf zum Tango mit der Kirchenorgel!

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Kirchenmusikdirektorin Hannelore Hinderer an der ebenfalls von Walcker (1961/62) nach der Disposition von Helmut Bornefeld gebauten Hauptorgel in der ev. Stadtkirche. © Bernhardt

Was ist denn nun bitteschön das Besondere an der Orgel? Das fragen wir KMD Hannelore Hinderer und bekommen begeistert sprudelnde Antwort. „Dass man sich mit Händen und Füßen, zugleich an Manualen und Pedalen beschäftigt, hat mich schon immer fasziniert.“ Das hebt, denkt man erstaunt, zunächst ja eher den sportlichen Reiz der Sache heraus.

Aber dann erklärt die Musikerin dem Laien mit dem ihr eigenen, faszinierenden Enthusiasmus, dass die Orgel durch ihre Register gleichzeitig „ein Blas-, Streich- und Kasten-Instrument ist, hier also verschiedene Instrumentengruppen vereinigt sind.“ Dazu komme dann noch, dass durch die Orgel, also ihre vielen Pfeifen, ein „unendlicher Atem“ gehe.

Ein sakraler? Schon auch. Vor allem aber ein profaner. Und zwar mit Hilfe eines stillen, kleinen Motors. Jedenfalls wenn der nicht streikt, so Hannelore Hinderer. Kurz: „Die Orgel ist ein Instrument, bei dem nie die Luft ausgeht!“

Ist die Orgel vom Aussterben bedroht?

Seit 2008 wird von inzwischen zwölf Landesmusikräten verschiedener Bundesländer, darunter auch Baden-Württemberg, ein Instrument des Jahres ausgerufen - und besonders gefördert. Nach Saxofon (2019) und Geige (2020), ist es diesmal die Orgel, die „Königin der Instrumente“, der diese Aufmerksamkeit für 2021 zuteilwird.

Schon 2018 waren der Orgelbau (400 Betriebe) und die Orgelmusik Deutschlands (an 50 000 Orgeln) in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Unesco aufgenommen worden. Unwillkürlich etwas erschrocken denkt man da sofort: Ja ist denn die Orgelmusik gefährdet, am Aussterben, womöglich bald tot? Aber nein! Entwarnung. Sie lebt, das wird jedenfalls in Gesprächen mit den Organisten der beiden großen Schorndorfer Kirchen deutlich.

Dennoch: Im vergangenen Jahr ist schmerzlich viel einfach ausgefallen. So die inzwischen fünfte von Ulrich Klemm mit Unterstützung des Freundeskreises Kirchenmusik der Heilig-Geist-Kirche geplante Internationale Orgelsoiree im Juli. Sie sollte ein strafferes Konzept mit einem Akzent auf französische Komponisten haben. Musste aber ebenso abgesagt werden wie das Passions-, das Pfingstkonzert, der Liederabend im Oktober und das große Weihnachtsoratorium, das für Ende November angesetzt war.

„Das ist sehr frustrierend“, bekennt Klemm, „wenn langfristige Planungen einfach zusammenklappen. Und wenn kurzfristige Planungen dann auch nicht stattfinden können, ist das sehr zermürbend“. Durch die Einschränkungen, etwa des Chor- und Gemeindegesanges, ergaben sich, so der Organist, „auf einmal auch viele neue Ideen“.

Neue Spielweise auf der Pandemie-Orgel

So wurde das (fehlende) Gemeindelied „plötzlich eine Improvisationsvorlage für Choral-Partita an der Orgel“. Es entwickelte sich da durchaus Neues. „Kein Gemeindegesang heißt: keine schleppenden Tempi. Mit kleinen Gruppen kann man ganz andere Tempi entwickeln.“ Das war, so Klemm, die Erfahrung des Experimentierens mit neuen Formen unter Corona-Bedingungen.

Wenn man nun auch Ulrich Klemm nach dem Besonderen der Orgel fragt, dann sagt er als Erstes: „Das Klangerlebnis der Orgel im Raum ist durch nichts zu ersetzen!“ Und da hätte der seit 2002 in Schorndorf tätige Musiker, der auch selbst für die Orgel komponiert, denn auch schon einen Wunsch für das besondere Orgeljahr 2021. Nämlich eine Klangerweiterung seiner Walcker-Orgel in Heilig-Geist.

Insbesondere: Fünf neue Register, ein größeres Schwellwerk, eine moderne Setzeranlage und einen digitalen Registerkombinationsspeicher. Mit dieser Erweiterung würde sich die Schorndorfer Walcker-Orgel Klemms großem Klangideal der französischen Cavaillée-Coll-Orgel nähern. Die differenzierte französische Orgelliteratur lässt sich, wie Klemm und etliche Gastsolisten in den vergangenen Jahren festgestellt haben, an der bisherigen Walcker-Orgel nicht darstellen.

Wünsche eines Organisten

Während vieler Gastspiele in England, Frankreich und den Niederlanden, hat der 53-Jährige den Klangreichtum anderer Kirchenorgeln erfahren und wünscht sie auch sich und seinem Schorndorfer Publikum. Umso mehr, als es eine Verbindung zwischen den Orgelbauern Walcker und Cavaillée-Coll gebe, wie er sagt. Vielleicht bringt das Orgeljahr ja einen Schub für seine Klang-Visionen.

Und die Pläne für dieses Jahr? „Was nicht hat stattfinden können, soll 2021 nachgeholt werden. Das ist aber unsicher. Wir halten an den Planungen fest. Spätestens Pfingsten soll es weitergehen.“ Und wie ging es Hannelore Hinderer im vergangenen, was hat sie sich für dieses Jahr vorgenommen?

„Beim ersten Lockdown im Frühjahr, Üben war ja nicht verboten, habe ich mich mehr als sonst an der Orgel ausgetobt. In der Kirche, meinem Arbeitszimmer, in dem ich mich zu Hause fühle!“

Nebenbei konnte sie „in Ruhe“ die Konzerte des „Orgel-September“ vorbereiten, die dann, mit eingeschränkten Besucherzahlen, auch wirklich stattfinden konnten. Dagegen musste die Chorarbeit, sehr abrupt, im März eingestellt werden.

„Emotional schlimm für mich war, dass das Silvesterkonzert abgesagt wurde, das ich seit 35 Jahren immer gespielt habe. Bei gut gefülltem, übervollem Haus.“ Geplant ist, es mit den Talking Drums im kommenden Juni nachzuholen. Ebenso wie die zwei großen ausgefallenen Oratorien. „Aber wenn wir im Februar nicht mit den Proben beginnen können, muss auch das wieder ausfallen. Das Anstrengendste im vergangenen Jahr: planen und wieder absagen müssen.“

Ein Kreis soll sich schließen beim Silvesterkonzert 2021

Hoffentlich gilt das nicht für den nächsten Orgel-September, bei dem Hannelore Hinderer die profane Geschichte der Orgel beleuchten will mit den drei Themen-Abenden „Orgel meets Tango, Oper und Kino“.

Fest steht, und sie freut sich darauf, das Konzept fürs Silvesterkonzert 2021. Es wird ein Solo-Konzert der dann 65-Jährigen sein, mit den Stücken, die sie vor Jahrzehnten bei ihrer Organistenprüfung gespielt hat. Ein Kreis soll sich schließen. „Jetzt, wo ich so weit bin, dass ich an meine Pensionierung denken muss.“

Und Hannelore Hinderer gesteht: „Bis 40 hatte ich Lampenfieber. Aber wenn ich heute spiele, kann ich es genießen und viel lieber - und besser - als vor 40 Jahren!“

Was ist denn nun bitteschön das Besondere an der Orgel? Das fragen wir KMD Hannelore Hinderer und bekommen begeistert sprudelnde Antwort. „Dass man sich mit Händen und Füßen, zugleich an Manualen und Pedalen beschäftigt, hat mich schon immer fasziniert.“ Das hebt, denkt man erstaunt, zunächst ja eher den sportlichen Reiz der Sache heraus.

Aber dann erklärt die Musikerin dem Laien mit dem ihr eigenen, faszinierenden Enthusiasmus, dass die Orgel durch ihre Register gleichzeitig „ein

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