Schorndorf

Irish-britisches Paar fürchtet den Brexit

Irish-britisches Paar fürchtet den Brexit_0
Robert und Joanna Kendall leben seit vier Jahren in Schorndorf. Sie hoffen, in Deutschland bleiben zu können. © ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf. Der Ire Robert Kendall und seine britische Frau Joanna leben seit vier Jahren in Schorndorf. Sie befürchten, bei einem harten Brexit in Deutschland nicht mehr versichert zu sein und in der Konsequenz zurück nach England zu müssen. Trotz der Ungewissheit über ihre Zukunft sind die beiden optimistisch. Sie hoffen auf eine Wendung und den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union.

Ursprünglich sollte am Freitag Schluss sein: Großbritannien wollte die Europäische Union verlassen. Doch Theresa May hat um eine Fristverlängerung gebeten. Verschiedene Austrittstermine sind in der Diskussion. Kommt ein weicher, harter oder gar kein Brexit? Kommt er demnächst oder erst in einem Jahr? Noch scheint alles offen zu sein. Für Joanna und Robert Kendall bedeutet der Brexit vor allem eines: Ungewissheit über ihre Zukunft. Seit vier Jahren leben die beiden in Deutschland, nicht lange genug, um die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen, erklärt Robert Kendall bei einer Tasse englischem Tee. Meistens spricht Robert Kendall, sein Deutsch ist besser als das seiner Frau.

Bei einem Brexit könnte er seine Gesundheitsversicherung verlieren

Besonders viele Sorgen machen sich die Kendalls um ihre Krankenversicherung, die über Großbritannien läuft. Ein „No-Deal“ (auch harter Brexit genannt), könnte bedeuten, dass sie in Deutschland nicht mehr versichert sind und sie zurück nach England müssen. Trotzdem ist er optimistisch: „Ich glaube an eine Lösung“, sagt er und ergänzt: „Wir wollen nicht zurück nach England“. Inzwischen sei Schorndorf ihre Heimat. „England ist uns fremd geworden und wir haben hier neue Freunde gefunden“, sagen die beiden. Joanna Kendall hat im Waldkindergarten Forsthof eine Arbeit gefunden, die ihr viel Spaß macht.

Robert Kendall macht sich neben seiner persönlichen Situation auch viele Gedanken über die wirtschaftliche Zukunft Großbritanniens und Europas. „Die Wirtschaft von 28 Ländern ist widerstandsfähiger, als die eines Landes“, sagt er. Schon jetzt würden die Konsequenzen des Brexits deutlich. So habe etwa die Fluggesellschaft Ryanair ihre Direktflüge von Stuttgart nach Manchester eingestellt. In die alte Heimat Bury, die in der Nähe von Manchester liegt, braucht das Ehepaar nun deutlich länger.

Auf der Internetseite der Regierung schaut Robert Kendall fast täglich, wie die aktuelle Lage ist und was sie für ihn bedeutet. „Am Montag steht da etwas, was dienstags schon wieder nicht mehr stimmt“, ärgert er sich. Es sei einfach ungewiss, wie es weitergeht.

Robert Kendall hofft auf den Verbleib Großbritanniens in der EU

Schnell wird das Gespräch über die persönliche Situation der beiden sehr politisch: „Die Konservativen sind das Problem“, sagt Robert Kendall. Es sei nur um Parteipolitik gegangen, als man 2016 den Austritt aus der EU zur Abstimmung stellte. Er macht mitunter David Cameron für die „totale Katastrophe“, wie er sagt, verantwortlich. Robert Kendall hofft, dass es ein weiteres Referendum gibt und sich die Briten gegen den Brexit stellen. Er verweist auf die massiven Proteste, die es kürzlich in London gab und die millionenfach unterschriebene Petition für den Verbleib Großbritanniens in der EU. Er glaubt, dass die meisten Menschen, die für den Austritt gestimmt haben, inzwischen ihre Meinung geändert hätten. Er und seine Frau jedenfalls sind immer gegen den Brexit gewesen.

Kendalls Familie kommt aus Nordirland, er kann sich noch an „the Troubles“ (Nordirlandkonflikt) erinnern, die Zeit der 1970er bis 1990er Jahre als bürgerkriegsartige Zustände im Norden Irlands herrschten. „Ich habe Angst davor, dass wir wieder da landen“. Er und seine Frau sprechen viel über den Brexit. Doch das sei sehr frustrierend: „Es gibt nichts, was wir tun können.“

Es geht um den Frieden in Europa

Zum ersten Mal kam Robert Kendall 1967 nach Deutschland. Er fühlte sich hier wohl, Wetter, Kultur, Essen – all das hat ihm sofort gut gefallen. In England arbeitete er als Beamter in Bury, der Partnerstadt Schorndorfs. Schon vor vielen Jahren beschloss das Ehepaar, nach Robert Kendalls Renteneintritt nach Deutschland auszuwandern. Über die Städtepartnerschaft hatten sie Schorndorf bereits kennengelernt. 2005 haben er und seine Frau schließlich eine Wohnung in Schorndorf gekauft, die sie bis 2015 als Ferienwohnung genutzt haben. Vor vier Jahren zogen sie schließlich ganz in die Daimlerstadt.

Das Referendum im Jahr 2016 war nicht das erste, das es in Großbritannien zur europäischen Frage gab. Mitte der 70er Jahre stimmten die Briten darüber ab, ob sie Teil der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft werden wollen. Mit fast 70 Prozent votierten die Menschen damals für den „Common Market“, wie Robert Kendall sagt. Er erinnert sich daran, wie er als Kind mit seinem Vater, der den Zweiten Weltkrieg als Soldat erlebte, wählen war. Auf Nachfrage seines Sohnes erklärte er ihm damals, er sei für den Eintritt.

„Ich will nicht, dass meine Enkelkinder einmal die Erfahrungen machen müssen, die ich gemacht habe, und ich will nicht, dass sie sehen müssen, was ich gesehen habe“, soll er zu Robert Kendall gesagt haben. Es gehe nicht nur um die Zugehörigkeit zu einer Wirtschaftsgemeinschaft, erklärt Kendall, sondern um den Frieden in Europa.


Partnerstadt Bury

Robert und Joanna Kendall lernten Schorndorf über die Partnerschaft der beiden Städte kennen. Bevor die beiden in die Daimlerstadt kamen, lebten sie in Bury.

Seit 1994 ist Bury die Partnerstadt Schorndorfs.

Die Stadt ist 20 Kilometer nördlich von Manchester gelegen.

Die Stadt Bury hat 182 000 Einwohner und gehört zum Greater Manchester County.