Schorndorf

Johann Philipp Palm: Ein unfreiwilliger Held

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Neue Dauerausstellung im Stadtmuseum Schorndorf. © Thomas Schlegel
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der Johann Philipp Palm  Buchhaendler nach dem der preis bennant ist
Seit 2002 wird der nach Johann Philipp Palm benannte Preis für Meinungs- und Pressefreiheit verliehen. © Palm-Stiftung

Schorndorf. „Ein deutsches Schicksal“ hat Dr. Thomas Schnabel einen Vortrag über Johann Philipp Palm überschrieben. Über die Jahrhunderte hinweg sei Palm vereinnahmt und instrumentalisiert worden, beklagte der Leiter des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg. Heute vor 250 Jahren ist Johann Philipp Palm in Schorndorf geboren worden.

Im Grunde ist Johann Philipp Palm in die Affäre hineingestolpert, die ihn im August 1806 das Leben kostete und die ihn zu einer historischen Figur machte. Der deutsche Held, der Kämpfer gegen die französische Tyrannei, der Nationalist war er nicht, zu dem ihn Geschichtsschreiber und Politiker, Ideologen und Literaten in den nächsten beiden Jahrhunderten stilisiert haben.

Seit 2002 steht Johann Philipp Palm für Meinungs- und Pressefreiheit. Die Palm-Stiftung verleiht im zweijährlichen Turnus den mit 20 000 Euro dotierten Preis für Meinungs- und Pressefreiheit. Anfang Dezember ist der Preis der Radiojournalistin Inès Lydie Gakiza aus Burundi und der türkischen Gruppe „Akademiker für den Frieden“ um Esra Mungan, Meral Camci, Muzaffer Kaya und Kivanç Ersoy verliehen worden.

Der Buchhändler Palm selbst war politisch gesehen ein unbeschriebenes Blatt. Mit ein Grund, weshalb auf das jeder seine Vorstellung projizieren könne. Diese politische Unbedarftheit war es vermutlich auch, weshalb Palm zu einer literarischen wie auch politischen Berühmtheit wurde, die mehr als 200 Jahre nach seinem Tod zur Beschäftigung mit der Person anregt. Eine Zeitgeschichte-Tagung in Braunau anlässlich seines 200. Todestages 2006 war mit „Unfreiwilliger Held“ betitelt.

Eine Verkettung unglücklicher Umstände

Der Palm-Biograf Bernt Turen von zur Mühlen sah die Hinrichtung Palms als eine Verkettung unglücklicher Umstände. Palm hatte als einer der Herausgeber der Schrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ den französischen Kaiser Napoleon in Rage versetzt. Auf der einen Seite also ein kleiner Buchhändler, der den politischen Entwicklungen mit Naivität und Unkenntnis gegenüberstand und mit Herausgabe von Büchern eigentlich bloß sein Geld verdienen wollte. Auf der anderen Seite die europapolitischen Konstellationen mit dem französischen Kaiser Napoleon, der im Zenit seiner Macht stand. Napoleon selbst konnte oder wollte sich später, bei den Vernehmungen an seinem Verbannungsort St. Helena, nicht mehr an das von ihm unterschriebene Todesurteil erinnern.

Das Todesurteil war nicht weniger als ein Justizmord. Palm glaubte bis zuletzt an eine Begnadigung. Wenige Stunden vor seiner Hinrichtung schrieb er noch eine Rechnung an die französische Regierung. Schließlich hatte er die Fahrt nach seiner Verhaftung von Nürnberg nach Braunau aus eigener Tasche bezahlen müssen.

Die Legende umfasst Erinnerungsmale und Gedenktafeln in Braunau, Nürnberg, Leipzig und Schorndorf

Zur Legende wurde Palm nicht zuletzt durch seine Weigerung, den Autor der Schmähschrift zu nennen. Gerettet, so sind die Historiker heute überzeugt, hätte ihn die Nennung aber nicht. Napoleon habe ein Exempel statuieren wollen. Je härter die Reaktion Frankreichs, umso weniger müsse später in Ruhe investiert werden. Das kurzfristige Ziel war Abschreckung, die sich langfristig zur Legende „Freiheitsheld“ ausgewachsen hat.

Diese Legende umfasst bis heute Erinnerungsmale und Gedenktafeln, so in Braunau, Nürnberg, Leipzig oder Schorndorf. 13 Monografien wurden über Johann Philipp Palm geschrieben, 18 Dramen und Schauspiele sowie eine Oper. In der DDR galt Palm als Klassenkämpfer.

Literarisch betrachtet könne Palms Wirkung in drei Phasen eingeteilt werden. 1806 bis 1871 der deutsche Held, der gegen die Franzosen kämpft und gegen die Tyrannei an sich. Von 1871 bis 1945 wurde Palm nationalistisch überhöht und nach 1933 von den Nationalsozialisten vereinnahmt. Adolf Hitler, der berüchtigtste Sohn Braunaus, schrieb im ersten Kapitel von „Mein Kampf“ über seine Heimatgemeinde: „In der Zeit der tiefsten Erniedrigung unseres Vaterlandes fiel dort für sein auch im Unglück heiß geliebtes Deutschland der Nürnberger Johannes Palm, bürgerlicher Buchhändler, verstockter ‘Nationalist’ und Franzosenfeind. Hartnäckig hatte er sich geweigert, seine Mit-, besser Hauptschuldigen anzugeben. Also wie Leo Schlageter. Er wurde allerdings auch, genau wie dieser, durch einen Regierungsvertreter an Frankreich denunziert“ Bei Schlageter handelte es sich um einen Freikorps-Soldaten und Nationalsozialisten, der 1923 während des „Ruhrkampfes“ von den Franzosen wegen Sabotageaktionen hingerichtet worden war.

Nach 1945 ist Palm in der Bundesrepublik nüchterner betrachtet worden, aber in der DDR wurde er als Gegenspieler von Kaiser, deutschen Fürsten und Feudalherren verherrlicht und in klassenkämpferische Verbindungen zu Thälmann, Luxemburg und Liebknecht gebracht. Nicht die Person selbst, sondern seine Rezeptionsgeschichte macht ihn aus. Sie ist nicht zuletzt eine Abfolge von Vereinnahmung, Instrumentalisierung und Missbrauch, zog der Schorndorfer Historiker Holger vor zehn Jahren als Teilnehmer der Braunauer Zeitgeschichte-Tage sein Fazit.

Info
Die neue Dauerausstellung im Stadtmuseum in Schorndorf, Kirchplatz 7-9, zu sehen. Öffnungszeiten sind Dienstag bis Samstag von 10 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr; Sonn- und Feiertag von 10 bis 17 Uhr.