Schorndorf

Jugendhaus Remshalden: Imagepflege dringend nötig

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Das Remshaldener „Spektrum“ ist in vieler Hinsicht ein typisches Jugendhaus: Mit Billardtisch, Tischkicker und Wänden voll mit Graffitikunst. Am Billard von links: Jugendhausleiter Matthias Wiedenmann, Mohammed, seit vielen Jahren Stammgast, und Gianni. © Ramona Adolf

Remshalden. Es war eines der Ergebnisse der gerade abgelaufenen Jugendbefragung, dass in Remshalden Treffpunkte fehlen. Ein solcher ist eigentlich das Jugendhaus. Doch dieses finden wiederum viele Jugendliche „assi“ und machen einen Bogen darum. Diejenigen, die das wenig freundliche Wort auch trifft, die Stammbesucher des Jugendhauses „Spektrum“, wundern sich.

Das Adjektiv „assi“, gerne auch „voll assi“ leitet sich von dem Wort„asozial“ ab. Es ist in der Jugendsprache eine Form der Abwertung für primitives, proletenhaftes oder ungehobeltes Verhalten. Es kann aber nicht nur Personen treffen. Im Fall des Remshaldener Jugendhauses haben in der Sozialraumanalyse (siehe „An die Schulen“) durch Mitarbeiter des Kreisjugendamts viele angegeben: Nicht nur die Klientel, auch die Räumlichkeiten selbst seien „assi“. 18 Prozent der Befragten gaben das so an. Ein deutliches Urteil.

Mohammed scheint davon nicht besonders beeindruckt. Der 22-Jährige sitzt in einem der Sessel im Haupt-Aufenthaltsraum des Jugendhauses. Ja, könne er schon verstehen, dass manche das Jugendhaus „assi“ finden, von außen betrachtet: „Das liegt vielleicht dran, dass wir sehr laute Musik hören.“Andererseits sieht er die Zuschreibung als Vorurteil von Leuten, die eben noch nie im Haus drin waren. „Die müssten sich selber ein Bild machen“, findet er.

Offenheit für alle ist das Kennzeichen des Jugendhauses

Laute Musik als Kritikpunkt bei anderen Jugendlichen? Das hätte man jetzt eher von Eltern oder Großeltern erwartet. Jugendhausleiter Matthias Wiedenmann ist auch etwas ratlos, woher im Detail der schlechte Ruf kommt. Er vermutet, dass bei vielen auch persönliche Abneigungen zu einzelnen Jugendlichen aus dem Stammpublikum des Jugendhauses eine Rolle spielen. Wiedenmann nimmt das Urteil aus der Sozialraumanalyse allerdings ernst und kommt zu dem Schluss: „Das ist ein Imageproblem.“

Ein Problem, das praktisch am Kern des Jugendhausbetriebes rüttelt. Denn seine Eigenschaft soll ja gerade die Offenheit für alle sein, ein Treffpunkt, wo es kompetente Erwachsene als Ansprechpartner gibt, die nicht die eigenen Eltern sind. Das sind Matthias Wiedenmann und derzeit Aljoscha Podleska, ein 24-jähriger Student der Erziehungswissenschaft. Offen hat das Jugendhaus „Spektrum“ am Montag und Donnerstag von 16 bis 21 Uhr und am Freitag von 16.30 bis 20 Uhr. Außerdem gibt es einen festen Sporttermin am Freitag um 14.30 Uhr in der Halle. Zu den Stammbesuchern zählt Matthias Wiedenmann zwischen 20 und 25 Jugendliche. Für sie gibt es Spiele, Billard, Tischkicker, es gibt eine Bar, wo zu kleinen Preisen alkoholfreie Getränke und Tiefkühlpizza verkauft werden.

„Wir sind eine kleine Familie hier“, sagt Mohammed, der schon seit vielen Jahren kommt. Doch wer neu sei, der werde offen aufgenommen. Gianni, 15 Jahre, bestätigt das. Er sei einfach irgendwann mal schüchtern reingegangen. Es sei gleich jemand gekommen und hätte ihn begrüßt und mit ihm geredet. Wenn man die Jugendlichen fragt, warum sie ins Jugendhaus gehen, dann sagen die meisten: weil die Freunde hier sind. Warum andere sie als assi bezeichnen, dafür haben sie keine rechte Erklärung. Benjamin wundert sich allerdings nicht und dreht das Ganze um: Die, die so denken würden, die kenne er, das seien „Spießer“.

Und das Haus selbst? Gut, einen Preis für Innenarchitektur wird es nicht gewinnen. Dazu sind die Wände zu bunt und gleichzeitig vielfach zu düster in den Farbtönen, die Sofaecken zu zusammengewürfelt. Aber es ist sauber und aufgeräumt, es sieht nicht so aus, als würden hier Primitivlinge hausen, um im Bild zu bleiben. Petra Nonnenmacher vom Kreisjugendamt, die die Remshaldener Sozialraumanalyse verantwortet hat, sagt: Das Jugendhaus sei wenig ansprechend gestaltet. Aber: „Es bietet viele Möglichkeiten.“ Damit meint sie, dass es viele verschiedene Räume gibt, wo man Angebote für verschiedene Zielgruppen machen könnte. Dazu, so die Empfehlung an die Gemeinde, müssten das Jugendhaus und seine Angebote aber auch bekannter werden.

Daran will die Gemeinde zusammen mit ihren Fachleuten wie Matthias Wiedenmann arbeiten. Die Empfehlung von Petra Nonnenmacher ist dabei: Die Jugendlichen sollten beteiligt werden an einer Neuausrichtung. Wunsch und Bereitschaft in dieser Richtung haben die Besucher des Jugendhauses schon geäußert. Ein Projekt startet demnächst: Auf der Terrasse des Jugendhauses liegen schon ausrangierte Europaletten bereit. Damit wollen Mitarbeiter Aljoscha Podleska und die Jugendlichen Möbel bauen.

Die jungen Leute wünschen sich aber zum Beispiel auch eine Versorgung mit Internet durch WLAN. Da sei man gerade dabei, die Möglichkeiten zu prüfen, so Bürgermeister Stefan Breiter. Insgesamt spricht er davon, das Jugendhaus „in eine positive Richtung zu bringen“. „Wir werden uns des Themas annehmen“, sagt er. Ansätze erhofft er sich vom weiteren Beteiligungsprozess mit der Jugend in der Gemeinde.

An die Schulen, um Ideen zu holen?

681 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und 18 Jahren haben sich für die Sozialraumanalyse über Fragebögen beteiligt und wurden befragt.

Die Ergebnisse sollen nun auch mit den Befragten diskutiert und weitergedacht werden. Dazu denkt die Gemeinde darüber nach, an die Schulen zu gehen, als „ersten Baustein für die Entwicklung einer Kinder- und Jugendbeteiligung in Remshalden“, sagt Sachgebietsleiter Gottfried Rommel. Dort sollen in Gruppenarbeit auch Ideen und Wünsche der Kinder und Jugendlichen diskutiert werden, zum Beispiel für das Jugendhaus oder die Gestaltung des Spielplatzes am Zehntbach.

Für die Remshaldener Jugendlichen, die über die Realschule nicht erreicht werden, sucht die Gemeinde noch nach dem richtigen Forum, eine Art Jugendversammlung ist im Gespräch, die in einem zweiten Schritt stattfinden könnte.