Schorndorf

Junger Syrer über die Flucht vor dem Krieg

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Aus Sorge um seine Verwandtschaft in Syrien möchte Seif Arsalan sein Bild lieber nicht in der Zeitung sehen. Wir haben ihn deshalb unscharf in den Hintergrund gerückt – und sein staunenswertes Buch „Aus Syrien geflüchtet“ ganz nach vorne. © Habermann / ZVW

Winterbach. Als Seif Arsalan, heute 20, vor gut zwei Jahren nach Winterbach kam, sprach er kein Wort Deutsch – in dieser Sprache aber hat er mittlerweile einen autobiografischen Jugendroman verfasst, der in einem angesehenen Schulbuch-Verlag erschienen ist.

Sie könnten mich in zwei Varianten vorstellen: Das ist Seif, ein syrischer Flüchtling. Oder: Das ist Seif, ein junger Mann aus Syrien. Ich mag es überhaupt nicht, wenn man mich als Flüchtling bezeichnet. Ich weiß, dass ich ein Flüchtling bin, ich brauche niemand, der mir noch mal sagt: Du bist ein Flüchtling. Mit dem Buch will ich auch das vorbelastete Bild der Flüchtlinge korrigieren: Hey Leute, guckt mal, ein Syrer hat ein Buch geschrieben. Das ist besonders an die Leute gerichtet, die immer sagen, dass wir nichts draufhaben.

Also: Das ist Seif, ein junger Mann aus Syrien. Er wird in dieser Geschichte in seinen eigenen Worten vorkommen: Die kursiv gedruckten Passagen geben getreu wieder, wie er bei unserer Begegnung formuliert hat, nichts daran ist geschönt oder geglättet, so redet er – man fasst es kaum – tatsächlich. In diesen deutschen Worten, Sätzen, Wendungen tritt ein junger Mensch von staunenswerter Begabung hervor, höflich und reif weit über seine Jahre hinaus.

Seif stammt aus Duma, Ost-Ghouta, jenem Landstrich, der aktuell die Schlagzeilen beherrscht, weil der syrische Machthaber Assad dort jeden Widerstand mit Luftangriffen, Fassbomben, womöglich auch Giftgas zu brechen sucht.


Vor Jahren – Seif war fast noch ein Kind, die Ehe der Eltern zerbrochen und die Lage in Ost-Ghouta wegen des Krieges bereits desolat – floh er mit seiner Mutter und dem älteren Bruder nach Damaskus. Der Bruder half in der syrischen Hauptstadt Entwurzelten aus der Heimatregion, die ohne Dach über dem Kopf in den Straßen hausten, mit Lebensmitteln – und zog so den Zorn des Regimes auf sich. Die Familie musste weiterhasten, erst in die Türkei, dann, im Dezember 2015, in einem Schlauchboot nach Europa.

Von Heidelberg nach Winterbach

In Österreich wurden wir in einen Bus gesetzt, das Ziel wussten wir allerdings nicht. Als wir ankamen, dachte ich, dass ich in einem Gefängnis gelandet bin. Es war ein „village“, ein Dorf, das wie ein Sicherheitstrakt aussah, mit Stacheldraht bezaunt. Ein großes Tor wurde geöffnet. Ich fragte die Security: Wo sind wir? Er sagte: In Deutschland. Dann war ich beruhigt.

Seif war in Heidelberg gelandet – das Gelände war früher eine Wohnanlage für US- Soldaten gewesen. Von hier aus kam er um Weihnachten 2015 mit seiner Mutter nach Winterbach. Wenn in der Flüchtlingsunterkunft Kinder erkrankten, begleitete er sie zum Arzt – und dem fiel auf, wie einfühlsam dieser junge Mann, der arabisch und englisch sprach, sich als Dolmetscher nützlich machte. Der Doktor begann, Geld bei Bekannten zu sammeln für den so offensichtlich ungewöhnlich Begabten.

Kurse erfolgreich absolviert

So konnte Seif nicht nur das übliche Lernprogramm absolvieren. Über die A-Kurse – „elementare Sprachverwendung“ – war er schnell hinaus, die B-Kurse – „selbstständige Sprachverwendung“ – absolvierte er mit „Sehr gut“, den C-1-Lehrgang – „kompetente Sprachverwendung“ – mit „Gut“, den Integrationstest „Leben in Deutschland“ mit 32 von 33 Punkten, das „Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf“ an der kaufmännischen Schule Schorndorf mit einem Schnitt von 1,0.

Eine Kursleiterin notierte: Sie gehe „ohne Bedenken von einem sehr erfolgreichen Abschluss eines zukünftigen Studiums aus“. Nebenbei machte er einen Erste-Hilfe-Kurs und arbeitete als Übersetzer für den Kreisdiakonieverband. Jetzt besucht er das Technische Gymnasium.

Ich wollte den Spendern beweisen, dass sie ihre Gelder nicht in den Sand ... wie sagt man? gesteckt? ... gesetzt haben. Und habe mein Bestes gegeben. In zweieinhalb Jahren habe ich das deutsche Abitur hoffentlich in der Tasche.

Die Idee vom eigenen Buch

Eine Lehrerin empfahl, er solle, um seine Sprachkenntnisse zu schulen, einfach geschriebene Jugendromane lesen, eine Bücherei-Angestellte drückte ihm ein Buch namens „Abgehauen“ in die Hand.

Ich habe es ausgeliehen, sofort gelesen und war sehr berührt. Ein jugendlicher Autor berichtete über sein schweres Leben, eine Autorin, Annette Weber, hat ihm beim Formulieren geholfen. Ich dachte: Mensch, Seif, du hast auch einiges zu berichten. Ich habe die Mail-Adresse von Annette Weber ausfindig gemacht und ihr von meiner Idee erzählt. Ich dachte: Vielleicht antwortet sie nicht, sie hat bestimmt viel zu tun. Damals war mein Deutsch wirklich sehr mager. Am nächsten Tag kam die Antwort. Sie hat mir geschrieben, dass sie meine Idee toll findet – aber wer ein Buch schreiben will, muss viel Durchhaltevermögen haben. Sie hat mir empfohlen, ein Kapitel zu schreiben, danach sagt sie mir: weiter schreiben oder nicht weiter schreiben.

"Durch das Schreiben habe ich wirklich unglaublich viel gelernt"

Ehrenamtliche Betreuerinnen in der Winterbacher Unterkunft lasen seine ersten Versuche: Frauke und Ingeborg; er nennt sie „Ersatzgroßmutter“ und „die Sonne“.

Wir haben fast an jedem Satz – wie sagt man? gefeilt? Durch das Schreiben habe ich wirklich unglaublich viel gelernt. Ich habe ein Kapitel Annette geschickt. Nach zwei Tagen bekam ich das grüne Licht, weiterzuschreiben. Ich war sehr überglücklich! Dann habe ich halt weitergeschrieben und weiter und weiter. Ich bekam einen Autorenvertrag.

Zeit auf der Flucht war die schönste Zeit seines Lebens

Bei der Arbeit musste er Verdrängtes aus Seelentiefen bergen, Schmerzliches vergegenwärtigen, noch einmal die Ängste der Kindheit und Jugend durchleben und die Fahrt mit dem Schlauchboot.

Die Zeit auf der Flucht – das hört sich vielleicht verrückt an – war die schönste Zeit meines bisherigen Lebens. Ich hatte mir immer einen jüngeren Bruder gewünscht, auf einmal war er da: Ich lernte auf der Flucht Hisham kennen. Wir haben alles zusammen durchgestanden. Je näher wir an Deutschland waren, desto trauriger waren wir. Das Ziel meiner Mutter war Deutschland, das Ziel meines Freundes war Schweden. Da die Chemie zwischen uns gestimmt hat und da er mir so ans Herz gewachsen ist – und ich ihm auch –, haben wir die ganze Zeit lebhaft diskutiert, welches Land für uns das beste ist. In Heidelberg musste ich eine Entscheidung treffen. Ich war kopflos. Ich habe leider unsere Mutter im Stich gelassen, habe ihr einen Kuss auf die Wange gegeben und bin Hisham gefolgt.

Nach wenigen Kilometern hielt er inne und kehrte um – doch am „Village“ in Heidelberg ließ die Security ihn nicht mehr durchs Tor: Er könne sich ja nicht ausweisen.

Ich habe gesagt: Auch wenn du mich dafür erschießt – ich gehe jetzt rein. Da hat er mir geglaubt, dass meine Mutter drin ist. Ich fand meine Mutter, sie war verheult. Dann haben wir zusammen geweint.

Gedanken an die Heimat quälen ihn

Seifs Geschichte leuchtet nicht nur in Goldfarben: Er ist ein Kriegskind, er trägt einen Rucksack voller böser Erinnerungen mit sich herum. Er ringt auch mit Depressionen, Medikamente helfen ihm durch Zeiten der Schwärze. Und Gedanken an die alte Heimat quälen ihn.

Meine Lieblingsschwester lebt in Ost-Ghouta im Keller mit ihrer Familie. Ich gucke nicht mehr Nachrichten, weil ich nur Kopfschmerzen bekomme, wenn ich sehe, wie viele Bomben geworfen werden – und ich lebe in Sicherheit und kann alles essen! Wenn ich in die Schule gehe, weiß ich nicht, woran ich denken soll: an den Unterricht oder an Syrien.

Gute Menschen in Winterbach gefunden

Neulich sandten ihm die Verwandten eine Tonbotschaft. Während er ihren Stimmen lauschte, zählte er im Hintergrund 60 Detonationen. Aber hier in Winterbach und Schorndorf hat er gute Menschen gefunden: die ehrenamtlichen Helferinnen; den Kinderarzt, den Seif einen „väterlichen Freund“ nennt; eine Familie auf dem Engelberg, die eine Einliegerwohnung frei hatte. Die Zimmerwirtin sagt: „Es ist wirklich so, dass er unser aller Leben bereichert. Sogar das von unserer Katze. Es ist einfach eine Freude, mit ihm Zeit zu verbringen.“

Kein Flüchtlingsboot auf dem Cover

Das Buch gedieh. Halbe Nächte arbeitete Seif durch, um es zu runden. Zunächst wollte der Verlag ein Bild von einem Flüchtlingsboot auf den Umschlag setzen.

Aber dann hätte ich nur das bestätigt, was die Menschen denken: Flüchtling. Krieg. Ich wollte ein Cover, das anders ist von der Gestaltung: ein Mensch, der die Kindheit verlässt und in eine Welt geht, die er noch nicht kennt.

Also: Seif in Rückenansicht, einen Koffer in der Linken. Er trägt eine Jacke, sie schützt gegen die deutsche Kälte, er geht durch eine deutsche Landschaft, Wiese, Feld, schattengrünem Wald entgegen. Hinter dem Wanderer auf dem Weg liegt, Symbol der frühen Jahre, ein Teddybär.

Klar und unverstellt geschrieben

140 Seiten in angenehm großer Schrift, der Verlag hat das Buch mit der Kennzeichnung „ab 13 Jahre“ versehen: Hier schreibt ein junger Mensch so klar, so unverstellt und ehrlich, dass man beim Lesen glaubt, seine Stimme zu hören, als stünde er direkt vor einem, von Begegnungen und Trennungen, Hoffnung und Schmerz, Herausforderungen und Entscheidungen, Flucht und Ankommen. Schulen sollten es kaufen, Schüler sollten es lesen. Denn dieses Buch hilft zu verstehen: nicht nur mit dem Kopf – mit dem Herzen. Es beginnt so:

Salem Aleikum! Das bedeutet Friede sei mit dir. Mit diesen Worten begrüßen wir uns in Syrien. Dieses Grußwort passt sehr gut zu meiner Situation, denn ich bin aus Syrien nach Deutschland gekommen, um hier in Frieden leben zu können.


Hintergrund

Seif Arsalan ist ein Pseudonym: Der junge Mann möchte, da sein älterer Bruder vom Assad-Regime verfolgt wurde, aus Sorge um die Verwandtschaft in Syrien seinen richtigen Namen lieber nicht öffentlich machen. „Außerdem“, schreibt er, „gebe ich in diesem Buch viel von mir preis.“

Das Buch von Seif Arsalan mit Annette Weber, „Aus Syrien geflüchtet – ein autobiografischer Jugendroman“, ist erschienen im Verlag an der Ruhr und kostet 6,50 Euro. Der Verlag an der Ruhr gibt Bücher heraus, die für die Verwendung in Kindergarten und Schule geeignet sind. Unter anderem hat der Verlag im Auftrag des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen vier Hefte für geflüchtete Kinder und Jugendliche erstellt, die neu nach NRW kommen.

Derzeit sucht Seif auch eine Wohnung für seine Mutter und seinen Bruder, der in Stuttgart ein Studium beginnen will. Wer eine Idee oder ein Angebot hat, kann sich wenden an peter.schwarz@zvw.de.