Schorndorf

Karl-Otto Völker wird 70

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Gemeinderatsmüde schon, aber sonst kein bisschen müde, sondern noch für vieles offen ist Karl-Otto Völker an seinem 70. Geburtstag. Für ihn ist das Alter Chance, nicht Last. © Jamuna Siehler
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So sahen sie 1978 aus, als der eine aus dem Gemeinderat ausgeschieden und der andere für ihn nachgerückt ist: Werner Schretzmeier und Karl-Otto Völker. © Jamuna Siehler

Schorndorf. „Alle wollen lange leben, aber keiner will alt werden“, weiß Karl-Otto Völker. Der wird heute 70 und hat damit kein Problem, weil er Älter- und Altwerden nicht als Last und Demütigung empfindet, sondern als Chance begreift, noch einmal etwas anderes und ganz Neues zu machen. Dazu gehört aber auch, dass mancher Ballast abgeworfen und unter manches Kapitel ein Schlussstrich gezogen werden muss: Bei Karl-Otto Völker heißt das, dass er noch in diesem Jahr sein Amt im Gemeinderat aufgibt.

Über Gottlieb Daimler, in dessen Rolle er als Stadtführer regelmäßig schlüpft, hat Karl-Otto Völker zusammen mit seiner Frau Renate schon ein Buch geschrieben, über das, wen und was er in 38 Jahren im Gemeinderat so alles erlebt hat, wird er wohl keines schreiben. Wiewohl es da viel Spannendes und Unterhaltsames zu berichten gäbe. Zu den Personen, die in einem solchen Buch vorkommen könnten, würden neben vielen anderen ganz bestimmt seine frühere Ochsenberg-Nachbarin Lina Kächele, sein erster Fraktionsvorsitzender Karl Wahl, ein paar andere Originale aus dem Gemeinderat und die vier Oberbürgermeister zählen, mit denen es der Jubilar in seiner Zeit als Stadtrat und Fraktionsvorsitzender zu tun hatte. Lina Kächele, weil sie ihn immer schon in aller Herrgottsfrühe angerufen hat und mit dem konfrontiert hat, was da aus dem Gemeinderat wieder ruchbar geworden ist. Karl Wahl, der sich zunächst einmal mit den Mitte der 1970er Jahre in den Gemeinderat drängenden und den 68ern entsprungenen Ex-Jusos so schwergetan hat und der mit dem Waldsterben schon deshalb nichts anfangen konnte, weil, wie er gerne sagte, die Bäume vor seinem Haus doch auch noch ganz normal wüchsen. Die vier Oberbürgermeister, von denen immerhin zwei SPDler waren und sind, was aber allein nicht erklärt, warum Karl-Otto Völker nur zu einem überhaupt nie einen Draht gefunden hat (und der nicht zu ihm): zu Winfried Kübler. Woran sich bis heute nichts geändert hat.

Der richtige Zeitpunkt, um Platz für Jüngere zu machen

Bei insgesamt 15 Wahlen ist Völker seit 1971 angetreten. Angefangen hat alles mit einer erfolglosen Kandidatur für den Kreistag und mit einer auch nicht auf Anhieb erfolgreichen Kandidatur für den Gemeinderat im Jahre 1975. Als allerdings Werner Schretzmeier das Gremium drei Jahre nach seinem Einzug aus beruflichen Gründen schon wieder verlassen hat, ist Karl-Otto Völker nachgerückt und hat sich noch zu Zeiten eines Oberbürgermeisters Bayler unter so alten Haudegen wie Karl Wahl und, um auch einen aus einer anderen Fraktion zu nennen, August Benseler, der sich während der Sitzung mit dem Taschenmesser die Fingernägel geschnitten hat, behaupten müssen. „Ich hätte in hundert kalten Wintern nicht gedacht, dass daraus einmal 38 Jahre werden“, sagt Karl-Otto Völker mit Blick auf überwiegend spannende und aufregende Zeiten. Das sind sie auch jetzt noch, und trotzdem hat er sich entschlossen, sich noch in diesem Jahr aus der aktiven Kommunalpolitik zurückzuziehen. Durchaus auch mit ein bisschen Wehmut, weil ihm die Arbeit mit und unter Oberbürgermeister Matthias Klopfer Spaß macht und weil auch das interfraktionelle Klima meistens stimmt, gleichzeitig aber auch leichten Herzens und mit der festen Überzeugung, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, Platz für Jüngere und für deren Ideen und Visionen zu machen, auch wenn er sich mit denen nicht immer gänzlich identifizieren kann.

„Aber wir haben in der Vergangenheit auch nicht immer alles richtig gemacht“, sagt der 70-Jährige, der eines immer unbedingt vermeiden wollte: „Dass die Leute irgendwann sagen: Jetzt wird’s Zeit, dass er geht.“ Wann seine letzte Gemeinderatssitzung sein wird, das weiß der Jubilar, der 1996 mit einem Ergebnis, von dem die SPD derzeit nur träumen kann (deutlich über 20 Prozent), auch einmal für den Landtag kandidiert hat, schon ganz genau: am 29. September. Wobei zur Wahrheit über diese 38 Jahre in der Rückschau für Völker auch gehört, dass es anstrengende Jahre auch für die Familie und auch für die beiden Söhne waren, die irgendwann am Telefon das Wort „Waldwichtel“ nicht mehr hören konnten und die auch nicht verstanden haben, warum ihr Vater am Sonntagmorgen angerufen wurde, wenn beim Hirschbrunnen der Papierkorb übergelaufen ist. Karl-Otto Völker freilich hat Rat gewusst: „Rufad Se dr Herr Erdmann a, der wohnt gegenüber“, hat er zu dem besorgten Bürger gesagt, der sein Ansinnen damals wenigstens noch einigermaßen freundlich vorgetragen hat, was heute – in den sozialen Netzwerken sowieso – immer seltener der Fall ist. Auch das erleichtert den Abschied von der Kommunalpolitik.

Werner Schretzmeier wäre der erste Gast bei „Talk im Phoenix“

Den Blick zurückzuwerfen, das muss – zumal wenn eine solche Zäsur ansteht – schon mal erlaubt sein. Aber Karl-Otto Völker wäre nicht der, der er ist, wenn er nicht auch an seinem 70. Geburtstag über den Festtag hinaus denken und überlegen würde, was er denn mit der Zeit, die er gewinnt, wenn er nicht mehr ständig Sitzungen und andere mit dem kommunalpolitischen Mandat verbundene Termine wahrnehmen muss, anfangen könnte. Seine neueste Idee: einmal im Monat einen „Talk im Phoenix“, also im Figurentheater Phoenix, zu machen, nachdem sich seine ursprüngliche Idee, einen „Talk im (Post)turm“ zu machen, wegen der für diesen Zweck nicht idealen Räumlichkeiten nicht realisieren lassen hat. Im Phoenix ist seine Idee begeistert aufgenommen worden, und wen er als Erstes einladen würden, weiß Völker auch schon: seinen alten Kampf- und Weggefährten Werner Schretzmeier. Und vielleicht kommt ja auch mal Winfried Kretschmann zu so einem Talk, sei es als amtierender oder als ehemaliger Ministerpräsident. Schließlich ist Kretschmann schon einmal neben Karl-Otto Völker auf einem Sofa gesessen. 1983 war’s in der damaligen Wohnung der damals noch nicht verheirateten Völkers in der Archivstraße, wo Kretschmann gemeinsam mit dem späteren Solarpapst Hermann Scheer nach einer energiepolitischen Diskussion in der Volkshochschule zu Gast war. Apropos Papst: Von Papst Franziskus sei er begeistert und vor allem von seinem Satz, wonach „Gleichgültigkeit das Ende der Barmherzigkeit“ sei (Sozialdemokraten würden Barmherzigkeit wohl mit Solidarität übersetzen), sagt der Jubilar und meint scherzhaft, er sei „kurz davor zu konvertieren“.

Geschenk: Nach dem Krieg geboren und 70 Jahre in Frieden gelebt

Grund, in persönlicher Hinsicht dankbar froh zu sein, habe er aus verschiedenen Gründen, sagt Karl-Otto Völker. Da sind zum einen seine Frau Renate, mit der er seit 1984 verheiratet ist, und die beiden Söhne Nico und Robin, die „auf einem tollen Weg“ seien. Und auch wenn solche Studiengänge mitunter ein finanzieller Kraftakt seien, so seien sie doch die beste Investition überhaupt, sagt Völker, der sich gerade als einer, der sich solche Kraftakte leisten kann, immer wieder gefragt hat, wie das andere machen, die finanziell schlechter gestellt sind, und für sich aus dieser Frage die Forderung abgeleitet: „Bildung darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen.“ Ein Grund, dankbar zu sein, sei aber ganz besonders für einen, der im ersten Nachkriegsjahr geboren worden ist, 70 Jahre in Frieden gelebt zu haben. „Das muss eine Generation als Geschenk empfinden“, sagt der Jubilar und schlägt den Bogen zu den aus Kriegsgebieten kommenden Flüchtlingen, mit denen in Schorndorf vorbildlich umgegangen werde. Was in erster Linie das Verdienst von Oberbürgermeister Matthias Klopfer sei, der dieses Thema von Anfang an zur Chefsache gemacht und seine ganze Verwaltung mitgenommen habe. Aber auch, dass es im Gemeinderat einen breiten Konsens gebe, trage zum guten Gesamtklima in der Stadt bei diesem schwierigen Thema bei.


„Dass Karl-Otto schon 70 ist, glaub’ ich einfach nicht“, sagt kurz und knapp Grünen-Fraktionschef Werner Neher.

„Er ist für mich ein wichtiger Ansprechpartner – fair, offen, den Konsens suchend. Dadurch lassen sich viele kommunalpolitische Probleme leichter lösen“, sagt FDP/FW-Fraktionschef Peter Erdmann.

„Ich kenne Karl-Otto schon seit Jugendtagen und unsere Freundschaft hat sich durch die gemeinsame Arbeit in der Kommunalpolitik bewährt und vertieft. Ich schätze seine kreative, humorvolle und motivierende Art. Ich bin sicher, dass das die ganze SPD-Fraktion genau so sieht. Ihm ist es zu verdanken, dass die SPD-Fraktion ein starker, verlässlicher und anerkannter Faktor der Schorndorfer Kommunalpolitik ist“, sagt Völkers Fraktionskollege Martin Thomä.

„Karl-Otto Völker gehört zum lebenden Inventar des Gemeinderates. Trotz teilweise unterschiedlicher Ansichten in der Kommunalpolitik schätze ich ihn als kompetenten und engagierten Kollegen sowie als waschechten Sozialdemokraten, dem vor allem soziale Belange wichtig sind. Die zunehmende Altersmilde hat dazu geführt, dass wir fraktionsübergreifend vertrauensvoll zusammenarbeiten“, sagt CDU-Fraktionschef Hermann Beutel.

Nicht im Kesselhaus

Wo Karl-Otto Völker seinen Geburtstag feiert, soll nicht verraten werden, wo er ihn ganz bestimmt nicht feiert, schon: im Kesselhaus.

Das ist insofern einer zumindest scherzhaften Erwähnung wert, als der Jubilar seinen 60. Geburtstag just in der Gaststätte gefeiert hat, die in letzter Zeit durch die AfD-Kritik seines Sohnes Robin zum Politikum geworden ist. Aber eigentlich will Karl-Otto Völker zu diesem Thema gar nichts mehr sagen.


Sprecher für Senioren und Patienten

Auch als stellvertretender Vorsitzender des Landesseniorenrates legt Karl-Otto Völker Wert darauf, dass Altwerden nicht in erster Linie oder gar ausschließlich als „Leidensdiskussion“ und unter den Aspekten Pflege und Barrierefreiheit gesehen und empfunden wird. „Zwei Drittel der 70- bis 85-Jährigen sind noch fit“, sagt er und kann nicht nachvollziehen, wenn sich 70-Jährige schon wie „scheintot“ vorkommen. Er selber, so der Jubilar, sei davon weit entfernt und halte es da lieber mit Helmut Schmidt, der einmal auf die Frage, was es für ihn bedeute, 70 zu werden, gesagt haben soll: „Nichts, weil sich für mich nichts ändert.“

Wenn sich für Karl-Otto Völker etwas ändert, dann vor allem, dass er immer wieder neue Aufgaben sucht. Seit kurzem ist er gemeinsam mit Dr. Irmgard Reichl Patientenfürsprecher an der Schorndorfer Rems-Murr-Klinik. Dort macht er seit Anfang Februar allwöchentlich in einem extra dafür eingerichteten Büro „niederschwelliges Beschwerdemanagement“, indem er sich die Sorgen und Nöte von Patienten anhört und diese dann an die zuständigen Stellen weitergibt. Dabei kann es ums Essen in der Klinik und um die Parkgebühren genauso gehen wie um (subjektiv so empfundene oder tatsächliche) Behandlungsfehler.