Schorndorf

Kein Vergessen: Warum die NSU-Ausstellung im Club Manufaktur brandaktuell ist

NSU Austellung
Josef Mommert (Mitte) und Gratian Riter (rechts) geben erste Einblicke in die Ausstellung. © Benjamin Büttner

„Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen.“ Dieses Zitat von Albert Einstein wiederholte Yvonne Boulgarides 2013 bei einer Kundgebung zum Beginn des NSU-Prozesses. Ihr Mann Theodoros war zu diesem Zeitpunkt bereits seit fast acht Jahren tot – erschossen in seinem Geschäft in München, das siebte Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds.

„Dieses Zitat könnte auch das Motto dieser Ausstellung sein“, sagt Josef Mommert vom Club Manufaktur in Schorndorf. Vom 12. bis 27. März ist dort „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ zu sehen. Die Wanderausstellung im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus zeigt: Auch über 10 Jahre nach den Morden des Terror-Trios bleiben viele Fragen offen – und brandaktuell.

NSU-Mordopfer im Fokus: „Terror gegen Migranten“

Im Zentrum der Ausstellung stehen die zehn Menschen, die vom NSU ermordet wurden. Neun Kleinunternehmer mit Migrationsgeschichte – Händler, Imbissbesitzer, Schneider – und die Polizistin Michèle Kiesewetter.

Der Zugang ist ein intimer: Angehörige erzählen Persönliches, Kindheitsfotos schauen die Besucher an, man bekommt ein Gefühl dafür, welcher Mensch das war, der von den Rechtsterroristen aus dem Leben gerissen wurde.

„Der Blick auf die Opfer zeigt, dass es den Tätern einzig und allein um Terror gegen Migranten ging“, sagt Josef Mommert beim Pressegespräch. Die rassistischen Motive seien offensichtlich. Die Ausstellung soll einen Eindruck davon vermitteln, vor welchem Hintergrund der NSU-Terror stattfand.

Baseballschlägerjahre: Die rechte Gewalt der Nachwendezeit

„In den 90er Jahren gab es Dutzende Morde durch Rechtsextremisten“, sagt Mommert. „Eine Tatsache, die praktisch ignoriert wurde“. Rapper Hendrik Bolz und Journalist Christian Bangel prägten für die rechtsextreme Gewalt der Nachwendezeit den Begriff „Baseballschlägerjahre“.

„Man stelle sich mal vor, eine Art RAF wäre durchs Land gezogen, und hätte so viele Menschen getötet.“ Die Reaktionen von Politik bis Polizei wäre sicherlich eine andere gewesen, sagt Mommert. Überhaupt werde die „skandalöse Rolle der Behörden“ in der Ausstellung thematisiert. Nicht nur in Bezug auf den NSU.

Rechtsextremismus: Sind die Behörden dem Problem gewachsen?

Gratian Riter vom Schorndorfer Bündnis gegen Rassismus und Rechtsextremismus sagt in diesem Zusammenhang: „Ich denke, hier muss man die Institutionsfrage stellen.“ Eine Diskussion beginnt, in der Schlagworte wie „Hans-Georg Maaßen“ und „NSU 2.0“ fallen. „Man gewinnt den Eindruck, dass die bestehenden Behörden den Herausforderungen der Gegenwart nicht gewachsen sind“, so Riter.

Ein Hoffnungsschimmer, das stellt sich in der Diskussion deutlich heraus, ist die neue SPD-Innenministerin Nancy Faeser. Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Horst Seehofer (CSU) habe sie die Gefahr, die von Rechtsextremismus ausgeht, zumindest klar benannt. Alles Weitere, so der Tenor, werde sich zeigen.

Rassismus, Rechtsextremismus, die Rolle der Behörden: „Genau diese Punkte sind heute aktuell“, sagt Josef Mommert. Und meint damit nicht nur den Anschlag von Hanau, dem die Ausstellung ebenfalls Raum gibt. „Die Netzwerke, die in den 90ern entstanden sind, sind aktiver denn je. Sie versuchen, weiter mit der gesellschaftlichen Mitte anzubandeln – zum Beispiel über Corona-Proteste.“

Junge Leute erreichen: Schulklassen können Termine vereinbaren

Der Club Manufaktur und das Schorndorfer Bündnis zeigen die die Ausstellung gemeinsam im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus. Die Veranstalter hoffen, damit auch junge Leute zu erreichen. Menschen, die sich bislang vielleicht noch nicht intensiv mit Rechtsextremismus auseinandergesetzt haben – aber die es nicht weniger betrifft.

„Wir würden uns wünschen, dass Schüler kommen“, sagt Josef Mommert. Schulklassen könnten sich direkt an die Manufaktur wenden und einen Termin vereinbaren (Tel:: 07181 – 6 11 66, E-Mail: info@club-manufaktur.de).

Rahmenprogramm: Wenn Opfer unter Tatverdacht stehen

Auch ein Rahmenprogramm zur Ausstellung wird geboten: Am 15. März spricht ZVW-Chefredaktionsmitglied Peter Schwarz um 19.30 Uhr in der Manufaktur über „Deutschland und die Verbrechen des NSU“.

Am 20. März liest Kutlu Yurtseven, Gründungsmitglied der Rap-Pioniergruppe „Microphone Mafia“, um 19 Uhr aus seinem Buch „Eine ehrenwerte Familie“. Es geht um Rap als Protestform gegen rechte Gewalt, Auftritte mit der mittlerweile verstorbenen Esther Bejarano, die das KZ Auschwitz überlebte, und die eigene Erfahrung mit rechtem Terror: Yurtseven erlebte den NSU-Brandanschlag in der Kölner Keupstraße 2004 aus nächster Nähe.

Um diesen rassistischen Anschlag dreht sich auch der letzte Beitrag des Rahmenprogramms: Am 25. März zeigt der Club Manufaktur um 18 Uhr den Dokumentarfilm „Der Kuaför aus der Keupstraße“. Regisseur Andreas Maus spricht darin mit Überlebenden, die durch Ermittlungen plötzlich unter Tatverdacht standen – und darüber, was das mit ihnen machte.

Die Ausstellung: Zeiten und Infos

„Die Ausstellung hätte eigentlich schon vor zwei Jahren gezeigt werden sollen“, sagt Josef Mommert. Helmi Dietz vom Bündnis gegen Rassismus und Rechtsextremismus hat alles organisiert und sich um die Finanzierung gekümmert. Corona machte der Planung einen Strich durch die Rechnung.

Dass nun weitere Lockerungen im Ausstellungszeitraum geplant sind – für die Veranstalter eine Erleichterung. Denn: Bei Veranstaltungen und Kinobetrieb ist die Ausstellung in jedem Fall zugänglich. Alle weiteren Zeiten finden Sie auf der Website unter www.club-manufaktur.de.

„Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen.“ Dieses Zitat von Albert Einstein wiederholte Yvonne Boulgarides 2013 bei einer Kundgebung zum Beginn des NSU-Prozesses. Ihr Mann Theodoros war zu diesem Zeitpunkt bereits seit fast acht Jahren tot – erschossen in seinem Geschäft in München, das siebte Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds.

„Dieses Zitat könnte auch das Motto dieser Ausstellung sein“, sagt Josef Mommert vom Club Manufaktur in Schorndorf. Vom 12. bis 27. März ist

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