Schorndorf

Keine Haft für 18-Jährigen: Amtsgericht Schorndorf urteilt nach Jugendstrafrecht

amtsgericht
Glück für den Täter: Das Jugendstrafrecht kann bis zum 21. Lebensjahr angewendet werden. © Gaby Schneider

Weil er einen Mann unter anderem länger am Hals packte und würgte, musste sich ein 18-Jähriger aus Urbach vor dem Amtsgericht Schorndorf verantworten. Zu seinem Glück wurde der bereits Vorbestrafte nach dem Jugendstrafrecht verurteilt. Anderenfalls hätten mehrere Monate im Gefängnis auf ihn gewartet.

Grund für das Verfahren war eine Auseinandersetzung am Urbacher Marktplatz im Oktober des vergangenen Jahres. Dort habe der 18-Jährige laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft unter 0,4 Promille Alkoholeinfluss einen 30-jährigen Mann für zehn Sekunden am Hals gepackt, bis dieser rot angelaufen sei. Erst als andere Leute eingriffen, habe der Beschuldigte losgelassen. Der Staatsanwalt warf dem Mann in seiner Anklage deshalb gefährliche Körperverletzung vor.

Der Beschuldigte räumte die Tat gleich zu Beginn der Verhandlung vor der Amtsgerichtsdirektorin Doris Greiner, zumindest teilweise, ein. Er sei ein wenig betrunken gewesen und alles sei sehr schnell gegangen. „Ich wollte niemanden gefährden“, so der Beschuldigte. Zudem kämen ihm die von der Staatsanwaltschaft verlesenen zehn Sekunden, die er den Mann am Hals gepackt haben soll, zu lange vor.

Zu laute Musik war der Auslöser

Doch was genau war passiert? Der Beschuldigte gab an, sich an jenem Abend im Herbst mit Freunden auf dem Lidl-Parkplatz direkt beim Marktplatz in Urbach getroffen, Musik gehört und Alkohol getrunken zu haben. Eigentlich, erzählt er, wollte die Gruppe später am Abend noch nach Stuttgart fahren. Beim „Vorglühen“ habe er zwei bis drei Dosen Whisky-Cola und ein bis zwei Bier getrunken.

Irgendwann sei dann der 30-Jährige aus einem nahe gelegenen Eiscafé gekommen und habe die Jugendgruppe „unfreundlich“ gebeten, ihre Musik leiser zu machen. Das habe er gemacht. „Es kann schon sein, dass die Musik für andere zu laut war.“ Doch als der Geschädigte ihm eine Beleidigung zugerufen haben soll, sei er zu ihm gegangen. „Irgendwie bin ich hingefallen und er war auf mir drauf. Dann habe ich ihn am Hals gepackt“, berichtete der Beschuldigte. Er habe irgendwann losgelassen und zwei Freunde hätten ihn weggezogen. Richterin Doris Greiner bohrte mehrfach nach einem möglichen Grund für die Handgreiflichkeiten. Der 18-Jährige betonte, dass ihm vor allem die Art und Weise störte, wie der Mann mit ihm gesprochen habe. Bereits zuvor soll er einem seiner Freunde gegenüber arrogant aufgetreten sein. Man kenne sich nämlich flüchtig aus dem Sportverein. Der 18-Jährige bereute seine Tat gegenüber der Richterin und bezeichnete sich als „komplett unnötig“.

Wortgefecht ging von beiden Seiten aus

Die Geschichte des Geschädigten wich allerdings etwas von der Erzählung des Beschuldigten ab. Er habe im Eiscafé gesessen und sehr laute Musik vom Parkplatz aus wahrgenommen. Die Gruppe habe ihm auf seine Bitte hin erwidert, dass ihn das nichts angehe. Er holte nach eigenen Angaben sogar einen Bekannten mit dazu, jedoch ohne Erfolg. „Mein Kollege sagte, das macht keinen Sinn und wir sind weggelaufen.“ Doris Greiner fragte den 30-Jährigen, ob er im Zuge dessen frech geworden sei: „Das ging von beiden Seiten aus, das war ein Wortgefecht“, so der Geschädigte. Außerdem habe er den Eindruck gehabt, dass sein Gegenüber alkoholisiert gewesen sei. „Vom Reden her, das war aggressiver als normal.“

„Dann ist jemand von hinten auf mich los.“ Er sei zu Boden gestürzt und sei vom Beschuldigten gewürgt worden. Zehn bis 15 Sekunden habe er keine Luft bekommen und habe Angst gehabt, ehe sein Bekannter den Angreifer von ihm wegzog. Irgendwann sei dann die Polizei vor Ort gewesen.

Er erzählte am Tag darauf wegen Nackenschmerzen ins Krankenhaus gegangen zu sein. Zusätzlich habe er einige Tage Kieferprobleme und Schluckbeschwerden gehabt. Der Befund des Rems-Murr-Klinikums in Schorndorf zeugt von Prellungen am Hals und Unterkiefer sowie leichten Schmerzen und Schluckstörungen. Trotzdem verzichte er auf weitere zivilrechtliche Schritte. Der Angreifer habe sich außerdem noch am Urbacher Marktplatz auf Aufforderung der Polizei bei ihm entschuldigt.

Die Amtsgerichtsdirektorin befragte weitere Zeugen, wie den Bekannten des Geschädigten, zum Tathergang. Der 46-Jährige berichtete, dass er im Eiscafé mit Freunden ein Bier trinken wollte. Sein Bekannter, den die laute Musik störte, bat ihn, mit zu den Jugendlichen zu gehen. „Manchmal sind die Jugendlichen da extrem laut“, sagte er.

Situation war eigentlich schon geklärt

Aus dem Versuch normal zu reden sei schnell ein Wortgefecht mit Beleidigungen entstanden. „Da hat jeder getrunken gehabt.“ Daraufhin habe er seinen Bekannten, also den Geschädigten, gepackt und wollte ihn wegbringen. Beim Weggehen habe sich dann der Beschuldigte auf den 30-Jährigen geworfen, ihn umgerissen und gewürgt. Ein andere Jugendlicher habe mit eingegriffen und der 46-Jährige konnte den Angreifer von seinem Bekannten losreißen.

Eine ähnliche Version erzählte auch der letzte Zeuge, den Doris Greiner befragte. Der 61-jährige Urbacher saß zum Zeitpunkt der Tat im selben Café, wie der Zeuge vor ihm. Er habe draußen heftige Diskussionen wegen zu lauter Musik vernommen, woraufhin er nachsehen wollte, was los ist. Als er den Geschädigten auf sich zulaufen sah, dachte er, dass sich der Streit bereits geklärt habe. Doch dann habe der 18-jährige Beschuldigte diesen umgerissen und am Hals gepackt. Er wollte eingreifen und hat den Beschuldigten dabei sogar auf den Kopf geschlagen, damit er von dem am Boden liegenden Mann ablässt, erzählte der Zeuge. „Der hat schon ein rotes Gesicht gehabt.“

Der junge Mann ist Polizeibekannt

Bevor die Verhandlung endete, wies die Amtsgerichtsdirektorin den Beschuldigten auf ein weiteres Problem hin: Seine Vorstrafen. Bereits drei Einträge habe er im Register, unter anderem wegen Diebstahls. Deshalb verbrachte der 18-Jährige auch einige Zeit in Betreuungsweisung. Das ist eine längerfristige Einzelbetreuung der Jugendgerichtshilfe.

Auch deshalb kam der Jugendgerichtshelfer, der den jungen Mann damals betreute, zu Wort. Er berichtete von einer schwierigen Jugend des Mannes und von einem Vater, der sich nie für ihn interessierte. Die Betreuungsweisung sei damals erfolgreich gewesen. Das bestätigte der Beschuldigte und merkte an: „Deshalb habe ich jetzt meine Ausbildungsstelle.“ Der Jugendgerichtshelfer teilte Doris Greiner mit, dass in diesem Fall das Jugendstrafrecht angewendet werden könne und riet ihr eine Geldstrafe.

Auf diesen Vorschlag ging auch die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer ein und forderte eine Strafe von eineinhalb Azubi-Gehältern für eine gemeinnützige Organisation.

Mit 21 wäre der Mann in Haft gekommen

Und so ähnlich, aber sogar etwas strenger, sollte auch das Urteil ausfallen: Der 18-Jährige wurde der gefährlichen Körperverletzung schuldig gesprochen und muss 1500 Euro in drei Monatsraten bezahlen. Doris Greiner begründete ihr Urteil damit, dass der Mann den Sachverhalt weitgehend eingeräumt, aber auch relativiert habe. Außerdem hatte sich der Mann, den er angegriffen hat, bereits von ihm wegbewegt. „Das Ganze passiert aus einem komplett nichtigen Grund und die Situation war eigentlich schon gelöst“, so Doris Greiner. Auch die Vorstrafen haben laut der Richterin eine Rolle gespielt.

Außerdem wies sie ihn darauf hin, dass das Urteil durchaus anders ausgesehen hätte, wäre er nicht nach Jugendstrafrecht verurteilt worden. Wäre er 21 Jahre oder älter hätten nämlich mindestens sechs Monate Haft im Raum gestanden. „Ich hoffe, dass sie die Kurve kriegen“, gab Doris Greiner dem 18-jährigen Urbacher zum Schluss mit auf den Weg.

Weil er einen Mann unter anderem länger am Hals packte und würgte, musste sich ein 18-Jähriger aus Urbach vor dem Amtsgericht Schorndorf verantworten. Zu seinem Glück wurde der bereits Vorbestrafte nach dem Jugendstrafrecht verurteilt. Anderenfalls hätten mehrere Monate im Gefängnis auf ihn gewartet.

Grund für das Verfahren war eine Auseinandersetzung am Urbacher Marktplatz im Oktober des vergangenen Jahres. Dort habe der 18-Jährige laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft unter 0,4

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