Schorndorf

Kinder dürfen nicht alleine nach Hause

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Eine Mutter unterwegs im Straßenverkehr mit ihrem Kind: Der Heimweg der Kindergartenkinder ist in Remshalden derzeit ein Streitthema zwischen Eltern und Gemeindeverwaltung. © phpetrunina14 - stock.adobe.com

Remshalden. Bisher war es in Remshalden kein Problem, dass Kinder im letzten Kindergartenjahr vor der Einschulung den Weg von der Einrichtung nach Hause allein zurücklegen, sofern die Eltern das für richtig halten. Jetzt erlauben Gemeinde und Betreuungseinrichtungen das aus haftungsrechtlichen Gründen nicht mehr – was unter den Eltern für Ärger und Aufregung sorgt. Ein Blick in die Nachbargemeinden zeigt, dass sich die Sache besser regeln lässt.

Auslöser für das Verbot durch Gemeinde und Kindergärten in Remshalden war ein Infoblatt der Unfallkasse Baden-Württemberg (UKBW). Darin geht es unter anderem um die Verantwortung des Betreuungspersonals für den Heimweg der Kinder, mit der klaren Aussage: „Entlässt die Aufsichtskraft des Kindergartens ein Kind alleine auf den Heimweg, obwohl dieses noch nicht in der Lage ist, diesen Weg ohne Begleitung zurückzulegen, kann sie bei einer grob fahrlässigen Fehlentscheidung für einen Unfall des Kindes haftbar gemacht werden.“

Bisher war es in Remshalden die Praxis, dass ein Kind im letzten Kindergartenjahr vor der Einschulung dann alleine laufen darf, wenn die Eltern es für richtig halten. Das Infoblatt der UKBW, das schon vom Dezember 2017 datiert, hat die Gemeinde jedoch veranlasst, die Leitungen der Betreuungseinrichtungen über die haftungsrechtlichen Risiken zu informieren. Daraufhin fiel für das aktuelle Kindergartenjahr die Entscheidung: Kein Kind wird in Remshalden mehr ohne die Begleitung einer geeigneten Person aus dem Kindergarten nach Hause entlassen, selbst wenn die Eltern das erlauben.

Die Eltern regen sich auf

Der radikale Bruch mit der bisherigen Praxis führte zu Aufregung bei den Eltern. Öffentlich wurde in der Facebook-Gruppe Während manche Verständnis zeigen, überwiegen jedoch Kopfschütteln und Ärger. Viele Eltern beschwerten sich auch bei der Verwaltung direkt.

Zumindest „ein bisschen widersprüchlich“ findet die Gesamtelternbeiratsvorsitzende Patricia Kilian die Sache. Sie fragt sich: „Wenn ich meinem Kind zutraue, dass es den Weg alleine macht, warum soll das nicht gehen?“ Wenn es da ein haftungsrechtliches Problem für die Erzieherinnen gebe, dann müsse man das diskutieren und eine Lösung finden. Sie sei deswegen auch schon in Kontakt mit dem Bürgermeister gewesen. Generell findet Kilian: Die Kinder müssen den eigenständigen Heimweg üben, schließlich sollen sie das als Schulkinder ja dann auch können. Und wenn ein Kind 200 Meter vom Kindergarten nach Hause zurückzulegen habe und reif genug sei, warum solle es dann den Weg nicht alleine machen.

Unfallkasse: Einzelfall muss beurteilt werden

Tatsächlich differenziert auch die UKBW in ihrem Infoblatt: „Ausnahmen, z.B. bei Kindern, die [....] demnächst (z.B. ca. im nächsten halben Jahr) in die Schule kommen, sind denkbar. Hier muss der Einzelfall (Entwicklungsstand des Kindes, Gefährlichkeit des Weges, ...) betrachtet und beurteilt werden.“

Auf Anfrage unserer Zeitung betont Jan Dunzweiler von der UKBW: Für ein pauschales Verbot gebe es keinen Anlass und das sage das Infoblatt auch nicht aus. „Das war von uns nicht beabsichtigt. Seit Jahr und Tag entscheiden das die Kindergärten verantwortungsvoll.“ Die UKBW habe in den vergangenen Jahren nie eine andere Rechtsauffassung nach außen getragen. Es gebe aber auch Unsicherheit in anderen Gemeinden und Remshalden stehe mit dem pauschalen Verbot nicht alleine. „Manche scheuen vielleicht die Verantwortung, dann ist es vielleicht das Einfachste, es komplett zu verbieten“, sagt Dunzweiler.

Remshaldens Nachbargemeinden haben sich mit dem Thema schon vor Jahren befasst und Regelungen gefunden, wie Nachfragen in Winterbach und Weinstadt zeigen. Dort ist es so, dass Kinder alleine nach Hause laufen dürfen, wenn Kindergartenpersonal und Eltern übereinkommen, dass sie gut dazu in der Lage sind, und diese Übereinkunft auch schriftlich festhalten.

„Für die Entwicklung der Kinder kontraproduktiv“

Klar sei, dass eine Erzieherin ein Kind nicht gehen lassen dürfe, wenn sie der Meinung sei, dass dieses den Weg nicht bewältigen könne, betont der Winterbacher Hauptamtsleiter Matthias Kolb. Das heißt: Die Eltern dürfen auch in Winterbach die Entscheidung nicht alleine treffen. Wenn aber die Erzieherinnen ihr Okay geben: „Dann spricht gar nichts dagegen, dass die Kinder den Weg alleine gehen.“


„Uns geht es um Pragmatismus“, sagt der Winterbacher Hauptamtsleiter. Die aktuelle Regelung in Remshalden hält er „für die Entwicklung der Kinder kontraproduktiv“. Streitfälle mit Eltern habe es dabei in Winterbach noch nie gegeben. Sprich: Eltern und Fachpersonal im Kindergarten haben selten eine voneinander abweichende Meinung beziehungsweise sie können sich immer einigen. „Man orientiert sich am Kindeswohl“, sagt auch Holger Niederberger, der Pressesprecher der Stadt Weinstadt. Ob ein Kind in Weinstadt aus dem Kindergarten alleine nach Hause laufen dürfe, das hänge vom jeweiligen Entwicklungsstand und von der Gefährlichkeit des Weges ab und werde zwischen Eltern und Erzieherinnen vereinbart. „Das ist bei uns schon länger so geregelt.“

Wir die Regelung wieder geändert?

In Remshalden überdenkt die Gemeindeverwaltung jetzt ihre Regelung. Man stehe in Kontakt mit den Eltern und sei sich bewusst, dass die Situation für sie unbefriedigend sei, sagt Bürgermeister Reinhard Molt: „Die Gemeindeverwaltung prüft derzeit, ob die bisherige Regelung in Ausnahmefällen gelockert werden kann, ohne dass die Erzieherinnen ein Haftungsrisiko tragen müssen. Wir sind an einem guten Miteinander und an einer zufriedenstellenden Lösung für alle Beteiligten interessiert.“ Eine Entscheidung soll in Absprache mit den Einrichtungsleitungen und der Gesamtelternbeiratsvorsitzenden Anfang November getroffen werden. Bis dahin bleibt die aktuelle Regelung bestehen.


Wann kann ein Kind alleine unterwegs sein?

Wann ein Kind so weit ist, dass es Wege zum Kindergarten, zur Schule oder anderswohin alleine zurücklegen kann, ist sehr individuell zu beurteilen. Die Deutsche Verkehrswacht schreibt dazu: „Die richtige Mischung aus Selbstständigkeit und Sicherheit zu finden, ist nicht immer leicht.“ Eltern sollten sich folgende Fragen stellen, empfiehlt die Verkehrswacht:
 

  • Traue ich meinem Kind zu, in unvorhergesehenen Situationen richtig zu handeln?
  • Kann es sich gut auf den Verkehr konzentrieren oder lässt es sich noch leicht ablenken?
  • Hält es sich an Absprachen? Geht es nur den abgesprochenen Weg?
  • Bin ich mir sicher, dass es mit keinem Fremden mitgeht?
  • Wie verhält sich Ihr Kind in einer Gruppe mit Gleichaltrigen?
     

Die Verkehrswacht empfiehlt, das Kind im Straßenverkehr genau zu beobachten, um sich in diesen Punkten sicher zu sein.

Es kommt aber nicht nur auf das Kind an, sondern immer auch auf die Beurteilung der Frage: Wie gefährlich ist der Weg in die Schule oder in den Kindergarten? Muss das Kind Straßen überqueren?