Schorndorf

Kinderpornografische Umtriebe im Netz: Bewährungsstrafe

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Wegen der Beschaffung und Verbreitung einer Vielzahl von kinder- und jugendpornografischen Bildern und Videos ist ein 60-jähriger Winterbacher vom Schöffengericht zu einer auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt worden. Dass er, wie ebenfalls angeklagt, seine damals 15- und heute 21-jährige Tochter zweimal sexuell missbraucht hat, konnte dem Angeklagten nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden.

„Fast muss man sagen: leider“, wertete die Vorsitzende Richterin Doris Greiner in ihrer Urteilsbegründung diesen für den 60-Jährigen glücklichen Umstand. Leider deshalb, weil das Gericht ungeachtet – oder gerade wegen – der in mancherlei Hinsicht widersprüchlichen Aussagen der heute 21-jährigen Tochter des Angeklagten davon ausgeht, dass, wie es Doris Greiner sagte, „in dieser Familie Schlimmes passiert ist“.

Wofür nicht zuletzt die vom Verteidiger des Angeklagten als „desolat“ bezeichneten Familienverhältnisse sprechen. Die vor Gericht als Zeugin auftretende 21-Jährige entstammt einer nichtehelichen Beziehung des Angeklagten, der aus zwei gescheiterten Ehen eine weitere, deutlich ältere Tochter und einen ebenfalls 21-jährigen Sohn hat und der seine uneheliche Tochter – auf deren Wunsch hin – erst kennengelernt hat, als diese 13 Jahre alt war.

Sie habe das Haus Hals über Kopf verlassen

Etwa ein Jahr später ist sie bei ihrer Mutter aus- und bei ihrem Vater eingezogen und hat dort gemeinsam mit ihm und ihrem Halbbruder in einer Dreizimmerwohnung etwa zwei Jahre lang gelebt. Warum sie dann wieder zu ihrer Mutter zurück ist, erklärte vor Gericht ihr Vater damit, dass er sie hinausgeworfen habe, weil sie ständig die Schule geschwänzt und weil er ihr den engen und wohl auch sexuellen Kontakt zu ihrem rund 30 Jahre älteren (Noch-)Schwager untersagt habe.

Demgegenüber behauptete die zunächst sehr selbstbewusst auftretende, dann aber unter der Last der ihr vorgehaltenen Widersprüche mehr und mehr zusammenbrechende Zeugin, die zuvor weder von der Möglichkeit des Zeugnisverweigerungsrechts noch von der, die Öffentlichkeit von der Vernehmung ausschließen zu lassen, hatte Gebrauch machen wollen, sie habe das Haus Hals über Kopf verlassen, nachdem sie ihr Vater ein zweites Mal sexuell missbraucht hatte.

Allerdings deckte sich diese Aussage genauso wenig mit ihrer früher gegenüber der Polizei gemachten Aussage wie die zeitlichen Angaben, wann und in welchen Abständen es zu diesen beiden Übergriffen gekommen sein soll. Und auch ihre jeweilige Reaktion hat sie bei der Polizei ganz anders beschrieben als bei Gericht.

Blick in einen Abgrund

Gleichwohl, so die Vorsitzende Richterin, wolle sie nicht so weit gehen zu sagen, die 21-Jährige habe gelogen. Schließlich war da auch noch die Aussage des Halbbruders, der den insoweit übereinstimmenden Behauptungen seiner Halbschwester und seines Vaters, Letzterer habe, nachdem er seiner Tochter das Schlafzimmer überlassen hatte, immer im Wohnzimmer auf einer Klappliege genächtigt, widersprach.

Vielmehr sei es so gewesen, dass sein Vater, der sich im Wohnzimmer entweder Pornos oder seine kinderpornografischen Dateien angeschaut habe, jeden Abend ins Zimmer seiner Tochter gegangen sei und dort geschlafen haben.

Dass es dabei zu sexuellen Handlungen gekommen sei, habe er zwar nicht gesehen, aber aus dem Stöhnen, das er immer wieder gehört habe, geschlossen, sagte der Zeuge, den die Richterin genauso wie seine Halbschwester von Belastungseifer gegenüber dem Vater auch deshalb freisprach, weil beiden den 60-Jährigen damals – und mit damals ist entweder das Jahr 2010 oder 2011 gemeint – nicht angezeigt haben. Die Aussage des 21-Jährigen wertete die Richterin so: „Was er hier gesagt hat, lässt uns in einen Abgrund blicken.“

Eine gefakte Mailadresse

Zur Sprache gekommen ist der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs erst, nachdem die Polizei Jahre später im Zuge von Ermittlungen wegen Kinderpornografie auf eine auf den Namen der Tochter laufende Mailadresse gestoßen ist, die von der heute 21-Jährigen sofort ihrem Vater zugeordnet worden ist.

Und in diesem Zusammenhang hat sie auch den zweifachen sexuellen Missbrauch angezeigt, den der 60-Jährige vor Gericht auch dann noch entschieden bestritten hat, als ihm der Staatsanwalt gegen ein Geständnis eine zur Bewährung ausgesetzte zweijährige Freiheitsstrafe in Aussicht stellte.

„Ich kann doch nichts gestehen, was ich nicht getan habe“, sagte der 60-Jährige. Demgegenüber stellte Doris Greiner in ihrer Urteilsbegründung fest, dass es dem Gericht durchaus auch allein unter Berücksichtigung der kinderpornografischen Aktivitäten des Angeklagten – angeklagt waren insgesamt zehn Fälle – in den Sinn hätte kommen können, die Strafe nicht zur Bewährung auszusetzen, wenn die Ermittlungen zu den aus dem Jahre 2015 datierenden Beschuldigungen nicht so lange gedauert hätten.

So aber könne dem bislang nicht vorbestraften Angeklagten außer dem in dieser Sache umfassenden Geständnis immerhin zugutegehalten werden, dass er sich seit Dezember 2015 nichts mehr zuschulden kommen lassen habe.

„Weil’s mir gefallen hat“

Im Dezember 2015 hat die Polizei im Zuge einer Hausdurchsuchung, die im Zusammenhang mit von Rheinland-Pfalz ausgehenden Ermittlungen vorgenommen wurde, einen PC sichergestellt, auf dem mehr als 100 kinder- und jugendpornografische Videos und rund 200 Bilder gespeichert und aus dem Skipeaufzeichnungen über rund 18 000 Chatkontakte und knapp 1500 gesendete und empfangene Dateien herauszulesen waren. Dateien, die Staatsanwalt, Verteidiger und Richterin angesichts der teilweise gerade einmal vier Jahre alten Opfer übereinstimmend als so ekelhaft, abscheulich und widerwärtig empfanden, dass sie es sich nicht antun wollten, im Gerichtssaal noch einmal einen Blick darauf zu werfen.

Ebenfalls nicht für den Angeklagten gesprochen hat, dass er sich auf der ursprünglich Kindern und Jugendlichen vorbehaltenden Chatplattform Knuddels herumgetrieben hat, die allerdings mittlerweile zu einer vor allem von Erwachsenen mit speziellen sexuellen Neigungen genutzten Plattform mutiert ist.

Er habe das alles nicht getan, um sich sexuell zu erregen, versuchte der Angeklagte dem Gericht zunächst weiszumachen. Er wisse gar nicht so recht, warum er angefangen habe, sich kinderpornografisches Material zu beschaffen und es weiterzuverbreiten. „Weil’s mir gefallen hat“, sagte er, nachdem sogar sein Verteidiger interveniert und die Aussage seines Mandanten als nicht ausreichend und wenig glaubhaft eingestuft hatte.

Umso deutlicher wurde in ihrer Urteilsbegründung die Vorsitzende Richterin Doris Greiner, die dem Angeklagten vorhielt: „Jedes einzelne dieser Bilder ist ein sexueller Missbrauch, an dem Sie sich erfreut haben.“ Wobei auch klar sei, dass das, was ihm nachgewiesen und jetzt verhandelt worden sei, nur die Spitze des Eisbergs darstelle.

Therapie als Bewährungsauflage

Dass sich der Angeklagte bereits um einen Termin bei einem Psychologen bemüht hat, wertete die Vorsitzende Richterin im Gegensatz zum Verteidiger, der für seinen Mandanten eine Freiheitsstrafe in Höhe von einem Jahr und zwei Monaten für ausreichend erachtet hätte, nur bedingt als gutes Zeichen dafür, dass der 60-Jährige ernsthaft gewillt ist, etwas gegen seine Neigung zu tun.

Sie erwartet, dass sich der Täter zielstrebig und zeitnah um eine sexualtherapeutische Psychotherapie kümmert und dass er dem Gericht bis in drei Monaten erste Nachweise dafür vorlegt, dass er entsprechende Schritte unternommen hat. Außerdem muss der 60-Jährige, der als Stapelfahrer arbeitet, 3000 Euro an Pro Familia zahlen – in Raten zu je 200 Euro und beginnend schon im kommenden Monat, nachdem noch im Gerichtssaal alle beteiligten Parteien das Urteil akzeptiert haben.