Schorndorf

Kneipen-Tour durch Schorndorf: Großer Corona-Frust trotz Ende der Sperrstunde

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Leere Tische im „Café Moser“: Die Corona-Pandemie macht sich bemerkbar - vor allem in den Bars und Kneipen in Schorndorf. © Ralph Steinemann Pressefoto

Wer abends durch die Schorndorfer Innenstadt zieht, begegnet kaum einer Menschenseele. Wenn es dunkel wird, steht das öffentliche und gesellschaftliche Leben still. Schuld daran ist die Corona-Pandemie. Nach fast zwei Jahren haben viele Menschen verlernt, auf die Straße zu gehen – ganz zum Leidwesen der vielen Bars und Kneipen in Schorndorf. Warum der Frust tief sitzt und das Ende der Sperrstunde kaum Hoffnung macht.

Die Sperrstunde hat den Bars und Kneipen das Leben noch schwerer gemacht

Nur einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt liegt das „Oscars“. Nachmittags ein Café, abends eine Bar. Um 20 Uhr ist die Lounge nicht mal zur Hälfte gefüllt. Auf der linken Seite sitzt eine Handvoll junge Männer, trinkt Bier und spielt Karten. Auf der rechten Seite, wo sich auch der Bartresen befindet, sitzen ein paar einzelne Gruppen. „Seit zwei Monaten befinden wir uns jetzt schon in der Sperrstunde“, meint Aaliyah Olschewski, die an der Theke arbeitet. Sie lässt ihre Gäste kurz alleine, um mit uns über die aktuelle Situation zu sprechen. „Es ist unfassbar nervig, was gerade passiert.“

Zuerst musste man monatelang schließen, dann durfte man wieder öffnen, dann kam die Sperrstunde - und ab sofort fällt diese wieder weg. „Man kann überhaupt nicht planen, ständig ändert sich alles“, meint die Mitarbeiterin. Die Sperrstunde habe die eh schon schwierige Situation noch verschlechtert. „Viele Leute sind erst gar nicht gekommen.“ Wenn ein Gast bis 21 Uhr arbeitet, kommt dieser dann noch für knapp eineinhalb Stunden? „Wer hier normalerweise bis 2 Uhr sitzt, hat doch keine Lust, um 22.30 Uhr zu gehen.“ Das sei alles verlorenes Geld.

Inzwischen hat sich Inhaber Dennis Wahl in das Gespräch eingeklinkt. Er leitet die Lounge seit fünf Jahren. „Die Leute gehen einfach weniger weg. Früher hatten wir um die Mittagszeit mehr ältere Gäste da, die zum Kaffeetrinken kamen. Die bleiben aus Angst alle weg.“ Dazu kommt noch das ganze Regel-Chaos, das sei eine Katastrophe. Aus seiner Sicht habe die Sperrstunde keinen Sinn gemacht. „Wenn wir die Leute um 22.30 Uhr rausschmeißen müssen, gehen die ja nicht nach Hause. Die gehen noch weiter, wir kriegen das ja mit.“ Während man in der Bar die Kontaktdaten aufnehme und den Impfstatus kontrolliere, mache das im privaten Umfeld niemand. „Da kontrolliert keiner, da gibt jeder Vollgas. Bei uns in der Bar ist es doch viel sicherer.“

Ständiges Hin und Her: Corona-Chaos frustriert Gäste und Wirte

Was er sich vom Ende der Sperrstunde erhofft? „Erst mal nichts. Ich lasse das komplett auf mich zukommen. Wir wünschen uns natürlich, dass der Laden voll ist, aber wir können es nicht vorhersagen“, so Wahl. Seine Mitarbeiterin Aaliyah Olschewski ist da etwas positiver gestimmt: „Wir gehen mit besten Erwartungen in die nächsten Wochen und hoffen, dass wieder mehr Gäste kommen.“

Nur ein paar Meter weiter befindet sich das „Café Moser“. Gedimmte Lichter sorgen im Innenraum für eine entspannte Atmosphäre, hier lässt es sich aushalten. Doch die Bar ist so gut wie leer. Nur eine Handvoll Gäste sitzt im großen Hauptraum, im Nebenraum sieht es etwas besser aus. „Seit Corona haben wir einen Umsatzverlust von über 50 Prozent“, meint Inhaber Spiros Kapouranis.

Nach monatelanger Zwangsschließung im vergangenen Winter habe die Sperrstunde die Lage noch verschlimmert. „Ab 20 Uhr kommt fast niemand mehr in die Bar, weil knapp zwei Stunden später ja schon wieder Schluss ist.“ Man merkt ihm an, dass ihn die aktuelle Situation frustriert. Freut er sich denn nicht über das Ende der Sperrstunde? „Natürlich, aber es wird sich nichts groß ändern. Die Gäste haben Angst vor Corona und kommen deshalb nicht.“

Solange die Pandemie nicht abflacht, bleiben die Leute weiter zu Hause, sagt Kapouranis. Er muss es ja wissen mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung. „Die Gastronomie gibt alles und versucht viel – aber wir machen die Corona-Regeln nicht.“ Er lässt uns kurz alleine stehen und geht zum Abkassieren. Es ist 21 Uhr - und die Bar wird immer leerer.

"Wir genießen die aktuelle Situation mit Vorsicht"

Nächster Halt: die „Musikbar Engels“. In der Kult-Kneipe ist etwas mehr los. Der Mann hinter der Theke heißt Vladimir Bosancic und nimmt gerade eine Bestellung von vier Hefeweizen entgegen. „Die Sperrstunde hat uns natürlich hart getroffen.“ Er entschuldigt sich kurz, die Hefeweizen müssen an den Mann. „Viele Gäste waren wegen dem ganzen Regel-Chaos verunsichert. Wir haben versucht, sie so gut wie möglich zu informieren.“

Kaum spricht er seinen Satz aus, kommt die nächste Bestellung: „Vladi, fünf Ramazotti bitte.“ Die Gruppe bei den Darts-Automaten ist durstig. Innerhalb von zwei Minuten stehen die Getränke auf dem Tisch. Zurück am Tresen spricht Bosancic über das Ende der Sperrstunde. „Wir freuen uns, dass wir wieder länger offen haben dürfen - so wie jeder andere Wirt auch.“ Keiner habe verstanden, warum es die Sperrstunde gibt. „Zum Glück waren die Gäste immer friedlich und haben verstanden, dass wir sie um 22.30 Uhr rausschmeißen mussten.“

Frust gab es trotzdem: „Aber nicht gegen uns, sondern gegen die Tatsache, dass es diese Sperrstunde überhaupt gibt“, sagt der groß gewachsene Mann. Wird jetzt alles besser? „Es wird noch dauern, bis sich die Gäste an die neue Situation gewöhnen. Wir wissen nicht, wie es in der Zukunft aussieht“, so Vladimir Bosancic. Natürlich nerve ihn das ständige Hin und Her, aber er könne es nicht ändern. „Wir genießen die aktuelle Situation mit Vorsicht - mehr können wir nicht machen.“

Zum Abschluss des Abends erlauben sich die Herren am Nebentisch, die das Gespräch mitverfolgt haben, noch einen kleinen Scherz: Ob der Artikel auch im Wochenblatt kommt? Da könnte man diesen nämlich kostenlos lesen. Lautes Gelächter - und dann wieder voller Fokus auf das Würfelbrett. Immerhin haben sie was zu lachen.

Wer abends durch die Schorndorfer Innenstadt zieht, begegnet kaum einer Menschenseele. Wenn es dunkel wird, steht das öffentliche und gesellschaftliche Leben still. Schuld daran ist die Corona-Pandemie. Nach fast zwei Jahren haben viele Menschen verlernt, auf die Straße zu gehen – ganz zum Leidwesen der vielen Bars und Kneipen in Schorndorf. Warum der Frust tief sitzt und das Ende der Sperrstunde kaum Hoffnung macht.

Die Sperrstunde hat den Bars und Kneipen das Leben noch schwerer

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