Schorndorf

Kooperation von Erlacher Höhe und Stadt Schorndorf: Hilfe, bevor die Wohnung weg ist

Wohnungssuche
Wer von Wohnungsverlust bedroht ist, sollte sich möglichst früh an die Fachstelle für Wohnungssicherung wenden. © Gabriel Habermann

Allein die Vorstellung, plötzlich auf der Straße zu stehen, lässt den Blutdruck in die Höhe steigen: Wer heute wegen Eigenbedarfs von seinem Vermieter gekündigt wird oder aus anderen Gründen seine Wohnung verliert, hat schlechte Karten, bald wieder etwas Passendes zu finden. Und das betrifft längst nicht mehr nur den Bereich des preisgünstigen Wohnens, sondern den gesamten Wohnungsmarkt. „Es ist eine Katastrophe“, mit diesen drastischen Worten beschreibt Anton Heiser, Abteilungsleiter ambulante Hilfen Rems-Murr bei der Erlacher Höhe, die Situation in Schorndorf – und im gesamten Rems-Murr-Kreis, wo der Wohnungsmarkt aus seiner Sicht kollabiert und nahezu zum Erliegen gekommen ist.

Um Wohnraum zu sichern und Obdachlosigkeit zu verhindern, haben sich die Stadt Schorndorf und die Erlacher Höhe zusammengetan und mit finanziellen Mitteln der „Aktion Mensch“ eine Fachstelle für Wohnungslosenprävention eingerichtet, die mit 270 000 Euro 90 Prozent der in den kommenden fünf Jahren anfallenden Personalkosten finanziert; die Erlacher Höhe beteiligt sich mit 30 000 Euro und die Stadt Schorndorf mit rund 8000 Euro. Für fünf Jahre ist die Finanzierung gesichert, ab dem sechsten Jahr muss die Stadt die Kosten übernehmen.

Vor allem Alleinstehende und Alleinerziehende in der Beratung

Im September 2021 hat die Fachstelle ihre Arbeit aufgenommen und in dem halben Jahr ihres Bestehens schon 77 Personen beraten. Hilfe gesucht haben dabei zum Großteil Alleinstehende und Alleinerziehende, ein großer Teil der Hilfesuchenden hat einen Migrationshintergrund. In der Hälfte der insgesamt 134 Beratungsgespräche, die Christina Spaich und Jasmin Frank-Leistner seither geführt haben, ging es um Wohnungsverlust, bei einem Drittel war Unterstützung bei der Wohnungssuche gefragt und beim Rest waren Mietangelegenheiten das Thema sowie vermittelnde Hilfen bei Fragen der Kostenübernahme und Verschuldung.

Und obwohl die Erlacher Höhe auch versucht, Wohnungen zu kaufen und kostengünstig weiterzuvermieten, und in Ausnahmefällen sogar als Hauptmieter auftritt und Wohnungen untervermietet, ist das eigentliche Ziel der Fachstelle, Wohnraum zu sichern. Darum, sagt Abteilungsleiter Anton Heiser, sei ein möglichst frühes Eingreifen auch so enorm wichtig – bestenfalls bevor eine Räumungsklage im Raum steht und Menschen, die durch einen Wohnungsverlust bedroht sind, in eine existenzielle Krise geraten. Schließlich lassen sich in einer frühen Phase in Gesprächen mit dem Vermieter womöglich noch Probleme aus dem Weg räumen oder eine Eigenbedarfskündigung sogar abwehren. „Oft sind Kündigungen gar nicht rechtens“, wissen Christina Spaich und Jasmin Frank-Leistner, die im Hintergrund von einer Anwältin unterstützt werden, die auch den Mieterschutzbund juristisch berät.

Die Fachstelle unterstützt beim Schriftverkehr mit Vermietern, bei der Einleitung rechtlicher Beratungs- und Prozesskostenhilfen und begleitet die Hilfesuchenden bei Räumungsklagen auch während des kompletten Mahn- und Klageverfahrens. Die beiden Beraterinnen, die sich eine Dreiviertelstelle teilen, haben eine Adressliste der Wohnungsbaugesellschaften zusammengestellt und eine Checkliste mit Tipps und Tricks für die Wohnungssuche erarbeitet, die nicht nur auf Deutsch vorliegt, sondern auch in englischer und russischer Sprache und die bald auch auf Türkisch erscheinen soll.

Eine wichtige Rolle spielen für Abteilungsleiter Anton Heiser aber auch Multiplikatoren in Vereinen, Verbänden, sozialen Einrichtungen und Betrieben: Diese könnten Menschen, wenn Wohnungsverlust droht, rechtzeitig an die Fachstelle verweisen. Mittwochs von 9 bis 12 Uhr biete diese im Fachbereich Familien und Soziales in der Karlstraße 15 eine offene Sprechstunde an, weitere Beratungszeiten gibt es nach Vereinbarung in den Räumen der Erlacher Höhe in der Gmünder Straße 65.

Von 15 befragten Personen haben fünf eine Wohnung gefunden

Wohnungsverlust, sagt Anton Heiser, werde nicht selten als existenzielle Bedrohung wahrgenommen, die auch dazu führen kann, dass Menschen, die ihr Leben eigentlich im Griff haben, den Kopf in den Sand stecken. Und so ist die Arbeit in der Fachstelle wie ein kleiner Lichtblick auf dem angespannten Wohnungsmarkt: Von 15 befragten Personen haben mittlerweile fünf eine Wohnung gefunden, eine ist bei Verwandten untergekommen, vier sind noch auf der Suche und fünf haben auf die Anfrage nicht geantwortet. Mit diesem Ergebnis sind Christina Spaich und Jasmin Frank-Leistner durchaus zufrieden. Hoffnung macht Abteilungsleiter Anton Heiser auch die Erfahrung, die in den Landkreisen Ludwigsburg und Reutlingen mit solchen Stellen gemacht wurden: „Da klappt das gut.“

Für die Stadt ist die Arbeit der Fachstelle ein echter Gewinn: Schließlich muss die Kommune, wenn Menschen ihre Wohnung verlieren und obdachlos werden, eine ordnungsrechtliche Unterbringung veranlassen. „Die Stadt“, weiß Heiser, „hat da keinen Spielraum.“ Und Obdachlosigkeit ist die schlechteste Lösung: Nach dem Wohnungsverlust ist eine soziale Reintegration extrem aufwendig, langwierig und für alle Beteiligten sehr teuer, und in Verbindung mit der aktuellen Wohnungsnot natürlich extrem schwierig. „Die Sicherung von Wohnraum“, sagt Heiser, „bedeutet damit eine Win-win-Lösung für alle.“

Info

Kontakt zur Fachstelle für Wohnungssicherung: Christina Spaich ist telefonisch unter 01 73/6 53 62 65 zu erreichen, Jasmin Frank-Leistner unter 01 73/2 57 78 64. Eine Kontaktaufnahme ist aber auch per E-Mail an fachstelle-ahrm@erlacher-hoehe.de möglich.

Allein die Vorstellung, plötzlich auf der Straße zu stehen, lässt den Blutdruck in die Höhe steigen: Wer heute wegen Eigenbedarfs von seinem Vermieter gekündigt wird oder aus anderen Gründen seine Wohnung verliert, hat schlechte Karten, bald wieder etwas Passendes zu finden. Und das betrifft längst nicht mehr nur den Bereich des preisgünstigen Wohnens, sondern den gesamten Wohnungsmarkt. „Es ist eine Katastrophe“, mit diesen drastischen Worten beschreibt Anton Heiser, Abteilungsleiter

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