Schorndorf

Krönung der Queen auf den einzigen Fernseh-Schirmen in Oberberken und Schlichten

Elektro Dobler
Roland Kettenbachs Enkel Klaus Dobler in seinem Geschäft an der Stadtkirche. © Alexandra Palmizi

„Es war, als seien wir in London unmittelbar dabei.“ So titelte die NWZ/Schorndorfer Nachrichten enthusiastisch am Tag danach. Die Rede ist von den Krönungsfeierlichkeiten der gerade verstorbenen Queen Elizabeth II. vor fast 70 Jahren am 3. Juni 1953. Ein grandioses Spektakel, das weltweit live übertragen wurde und zu einem der ersten großen Medienereignisse im noch jungen Fernsehen wurde.

Über 30 Millionen Menschen sollen damals vor den Geräten gesessen haben. Und Oberberken und Schlichten waren mit dabei. Möglich gemacht von Roland Kettenbach, der in Schorndorf ein Radiohaus gegründet hatte.

Da es unten im Remstal aber noch keinen guten Empfang gab, stellte der gelernte Elektriker in Oberberken kurzerhand eine 15 Meter hohe Funkempfangs-Antenne auf. So wurde es möglich, die Krönungsfeierlichkeiten in den kleinen Röhrenfernsehgeräten mit 20 Zentimetern Bildbreite nicht nur im Gasthaus Lamm in Oberberken, sondern auch in der Turnhalle in Schlichten zu empfangen.

Was für eine pfiffige Werbeidee, für die Kettenbach ein paar Tage zuvor eine Anzeige aufgegeben hatte. „Krönung in London“, hieß es da. „Wir laden Sie ein, an diesem großartigen Ereignis am Fernseh-Schirm teilzunehmen. Dienstag 10.15 bis 23.30 Uhr.“ Um Anmeldung wurde gebeten. Ins Lamm sollen 70 Leute gekommen sein!

Im Juni 1953 gab es in der Bundesrepublik gerade mal 2292 Fernsehteilnehmer

Begeistert berichtete dann unsere Zeitung: „Gespannt verfolgten die Zuschauer den Bildstreifen, der mit erstaunlicher Genauigkeit die Vorgänge auf den Straßen der britischen Hauptstadt und in der Westminster-Abtei wiedergab.“ Nun, die Geräte in ihren Kinderschuhen zeigten noch Mucken. „Zwar traten hin und wieder kleine Störungen auf, die aber jeweils sehr schnell behoben wurden. Auch die Tonwiedergabe war tadellos.“

Die PR- und medienbewusste Elizabeth selbst wollte ihre Krönung übertragen haben. Und das Ereignis wirkte durchaus mit als Schub für die Verkaufszahlen der TV-Geräte. Man wollte dabei sein.

Gab es im Juni 1953 in West-Deutschland gerade mal 2292 Fernsehteilnehmer. So waren es nur drei Jahre später, im Juni 1956, schon 455 096 Geräte in privaten Haushalten. Ende 1959 war dann die Zahl der neuen Glotzen mit drei Millionen Apparaten geradezu explodiert. Ein boomendes Absatzgeschäft also. Sicher auch für den lokalen Elektro- und Fernsehhandel.

„Die Krönungsübertragung war die Initialzündung für das Fernsehen“

Auf diese Geschichte aus den Anfängen der weltweiten Live-Übertragungen aufmerksam gemacht hat uns Klaus Dobler, der Enkel von Roland Kettenbach. Er führt die Tradition des Firmengründers, der sein Stammhaus am Unteren Marktplatz hatte, weiter. „Mein Großvater war vom jungen Medium Fernsehen begeistert“, sagt er. „Die Krönungsübertragung war die Initialzündung für das Fernsehen in Großbritannien und Deutschland.“

Die Glotze, das war von den 50er bis noch in die 60er Jahre, weil eben noch nicht jeder ein Gerät hatte, ein großes Gemeinschaftserlebnis. Ein Stück medialer Sozialgeschichte, die noch geschrieben werden müsste. Vor einem Bildschirm, erzählt Klaus Dobler, waren dann bei Großereignissen, etwa wie dem Fußball-WM-Finale zwischen Deutschland und Ungarn 1954, „alle Nachbarn“ auf Sofa, Sesseln und Teppich im Wohnzimmer des großzügigen Fernseh-Gastgebers versammelt. Auch bei Kettenbachs.

Und wer erinnert sich nicht an die späteren, nächtlichen Gemeinschaftserlebnisse, vor flimmerndem Schirm, als die Mondlandung übertragen wurde? Oder an die Boxkämpfe des Muhammad Ali? Das Rock-Konzert „Live Aid“? Später dann die sich einbrennenden Bilder von den sich in die Twin Towers in New York stürzenden Flugzeugen?

Nun wird die Queen feierlich beerdigt werden. Aber auch das Fernsehen scheint mittlerweile tot.

„Es war, als seien wir in London unmittelbar dabei.“ So titelte die NWZ/Schorndorfer Nachrichten enthusiastisch am Tag danach. Die Rede ist von den Krönungsfeierlichkeiten der gerade verstorbenen Queen Elizabeth II. vor fast 70 Jahren am 3. Juni 1953. Ein grandioses Spektakel, das weltweit live übertragen wurde und zu einem der ersten großen Medienereignisse im noch jungen Fernsehen wurde.

Über 30 Millionen Menschen sollen damals vor den Geräten gesessen haben. Und Oberberken und

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