Schorndorf

Krise der Kirche: Schorndorfer Dekan Wolfgang Kessler zur Lage vor Ort

katholische Kirchen
Dekan Wolfgang Kessler und Sabine Laitenberger, die gewählte Vorsitzende des Kirchengemeinderats. © ALEXANDRA PALMIZI

Ein Beben erschüttert die Katholische Kirche. Die Gläubigen werfen zuhauf das Handtuch und treten aus der Kirche aus, auch in Schorndorf. Nach den jüngsten Missbrauchsskandalen und offenen Debatten über die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen kann und wird sich die Kirche in Deutschland ändern, davon sind viele Gläubige, aber auch Priester und Bischöfe überzeugt. „Vor zehn Jahren haben die Bischöfe das weitergegeben, was in Rom gesagt wurde“, sagt der katholische Dekan Wolfgang Kessler. „Jetzt aber hören sie auf die Gemeinde.“ Es gehe um die Menschen und um ihr Leben, darum, sich den Menschen zuzuwenden. Dass es ein mühsamer Weg zu den Veränderungen ist, das ist Wolfgang Kessler bewusst. „Aber ich nehme wahr: Auf die Bischöfe ist Verlass.“

Priesterinnen, Abschaffung des Zölibats: Was undenkbar schien, wird nun gefordert

Die Abschaffung des Zölibats, Frauen im Priesteramt, die Segnung von gleichgeschlechtlichen Ehen: Was noch vor kurzem undenkbar schien, wird nun mit Vehemenz gefordert. „Die Dinge sind benannt und diskutiert“, sagt der Dekan. Die Beschlüsse des Synodalen Wegs seien mit 75 bis 90 Prozent der Stimmen bekräftigt worden. „Ein starkes Zeichen“, findet er. Die starken Zeichen: Es scheint, als würden sie derzeit an der Basis gesetzt. Genau da findet nach Ansicht Kesslers Kirche aber auch statt. „Die Frage ist doch, was prägt die Kirche?“, sagt er. „Hat man einen Bezug zur Ortsgemeinde?“ Die Gemeindeerfahrung präge den Menschen, umso schwieriger sei es für Menschen, die keinen Kontakt zu ihrer Gemeinde hätten und Kirche nur mit Rom identifizierten. Das meint auch Kirchengemeinderatsvorsitzende Sabine Laitenberger. Was in Rom und in der oberen Liga geschehe, sei für die Basis schwer nachvollziehbar.

Als demokratisch, integrierend und aufgeschlossen erleben Kessler und Laitenberger ihre Kirchengemeinde. Als Ort, an dem die Menschen Verantwortung übernehmen und zusammen das Gemeindeleben prägen. In den Seelsorgeeinheiten, die vor Jahren aufgrund des grassierenden Pfarrermangels entstanden, haben die Laien Aufgaben übernommen, Arbeitskreise sind entstanden. „Der Pfarrer muss nicht mehr überall dabei sein – weil er es auch nicht kann“, bringt es Kessler auf den Punkt. Die Aufgabe des Pfarrers sei, zu motivieren und spirituelle Impulse zu setzten.

Menschen, die sich einbringen, mitgestalten und mitbestimmen wollen, sind das eine. Das andere sind Pfarrer und Priester, die wissen, dass sich in der Kirche was bewegen muss – obwohl auch klar ist, dass es unter den Bischöfen immer noch Bremser gibt. So hat sich jüngst der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst erneut gegen die Abschaffung des Zölibats ausgesprochen, und gegen Frauen im Priesteramt ist er sowieso. Seine theologische Begründung im Interview mit dem Zeitungsverlag Waiblingen: „Jesus hatte im Zwölferkreis der Apostel keine Frau.“ Es sei gesichert, dass die Evangelien in diesem Punkt nicht irrten.

Die Kirche ist durch die Kultur vor Ort geprägt. Das hat Konsequenzen

Kein Wunder, dass Dekan Kessler die Katholische Kirche „erst am Anfang des Weges“ sieht. „Jetzt“, sagt er, „beginnt die harte Arbeit.“ Weltweit sei die Kirche durch die jeweilige Kultur vor Ort geprägt. In Europa seien die Vielfalt der Lebensformen, Gleichberechtigung der Menschen und Frauen in allen Berufen selbstverständlich. Das sei in anderen Kontinenten längst nicht so, sagt Kessler, für den nicht mehr nachvollziehbar ist, warum Frauen in Europa keine Aufgaben im sakramentalen Amt übernehmen können – und zwar nicht nur als Diakoninnen, sondern auch das Priesteramt, wie er jüngst im Interview gesagt hat. Die Herausforderung sei zu erkennen, was biblische Botschaft und was die kulturelle Ausprägung sei.

Verheiratete katholische Priester gibt es bereits 

Ein Beispiel sind für Kessler Gottesdienste, die früher auf Latein gehalten worden seien und mittlerweile in der Landessprache gefeiert werden. Trotzdem sei es noch derselbe Gottesdienst. „Einheit ist nicht Einheitlichkeit“, bringt es der Dekan auf den Punkt. Verbindend sei der Kern des Glaubens. Auch das Diakonat für verheiratete Männer, das nach dem zweiten vatikanischen Konzil eingeführt wurde, sei nicht verpflichtend gewesen. „Jedes Land entschied für sich“, erklärt er. Und in der katholischen Ostkirche gebe es seit langem verheiratete katholische Priester – für Kessler ein deutliches Beispiel für eine mögliche Vielfalt in der Kirche.

Geprägt von der jeweiligen Kultur des Landes ist die Kirche, geprägt von ihrer Kultur sind aber auch die Pfarrer, die aufgrund des weltweiten Priestermangels munter durchgemischt werden. „Die italienische Gemeinde in Schorndorf wird durch einen Priester aus Afrika betreut“, sagt Wolfgang Kessler. Priestermangel sei die Situation in ganz Europa, auch in Polen zeichne er sich ab, und in Südamerika sei er noch drastischer als in Europa.

Austritt aus der Kirche ist Austritt aus der Gemeinde vor Ort

Eine Austrittswelle haben die Gemeinden nach dem Münchner Missbrauchsgutachten zu verzeichnen. Auch in Schorndorf. Alle, die das Handtuch warfen, bekamen Anfang Februar Post von Wolfgang Kessler und Sabine Laitenberger. Darin hätten sie versucht, ihr Engagement vor Ort deutlich zu machen, dass sie für ihre Gemeinde stünden, sagt der Dekan. „Austritt aus der Kirche ist ja immer Austritt aus der Gemeinde vor Ort.“ Viele, glaubt Sabine Laitenberger, wüssten gar nicht, was die Gemeinde mache. Und auch nichts über deren finanzielle Unterstützung der Kitas, Gemeindezentren und Gruppen, ergänzt Kessler. Wie wichtig die Gemeinschaft vor Ort ist, hat übrigens auch Corona gezeigt: Die Gruppen seien durch die Krise sehr belastet gewesen. Nun müssten sie wieder belebt werden.

Ein Beben erschüttert die Katholische Kirche. Die Gläubigen werfen zuhauf das Handtuch und treten aus der Kirche aus, auch in Schorndorf. Nach den jüngsten Missbrauchsskandalen und offenen Debatten über die Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen kann und wird sich die Kirche in Deutschland ändern, davon sind viele Gläubige, aber auch Priester und Bischöfe überzeugt. „Vor zehn Jahren haben die Bischöfe das weitergegeben, was in Rom gesagt wurde“, sagt der katholische Dekan Wolfgang

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