Schorndorf

Krise des Einzelhandels in Schorndorf: Was jetzt noch hilft

Stadtentwicklung
Osiander-Chef Christian Riethmüller in seinem Impulsreferat in der Künkelin-Halle. © Gabriel Habermann

Als Chef der Tübinger Buchhandelskette Osiander kennt Christian Riethmüller die Sorgen des Einzelhandels genau. Aber nie waren sie seiner Erfahrung zufolge so drückend wie in den vergangenen drei Jahren. Während Corona seien die Händler im Land drangsaliert worden wie nirgends sonst. Discounter bedrohten die Einzelhändler, weil sie mittlerweile zu 30 bis 40 Prozent innenstadtrelevante Sortimente im Angebot hätten, jetzt explodierten die Kosten aufgrund der Inflation. Zudem habe der Handel ein Riesenproblem, Arbeitskräfte zu finden, konstatierte er in seinem Impulsreferat bei einer Veranstaltung der CDU zum Thema Stadtentwicklung. Eine Debatte, die nach Meinung Riethmüllers 15 Jahre zu spät kommt: Vorschläge wie die von der CDU geforderten Bäume, Sitzmöbel und ein Wasserspiel auf dem Marktplatz könnten den Handel nicht retten: „Diese Maßnahmen halten nicht auf, dass ein Anteil der inhabergeführten Geschäfte sterben wird.“

Was nach Ansicht des Osiander-Chefs aber helfen könnte, wäre schnelle Hilfe von Bund und Land: Für Waren des stationären Einzelhandels sollte die Mehrwertsteuer gesenkt werden, zudem müssten die Interessen der Händler gebündelt werden und der Wert attraktiver Innenstädte ins Bewusstsein rücken. Die Kommunalpolitik müsse Druck auf die Politik machen, um die Branche zu entlasten. „Ich appelliere dafür, Arbeitsgruppen zu bilden“, sagte Riethmüller. Alle Generationen und Vertreter der Innenstadt müssten an einen Tisch. Die Rahmenbedingungen müssten von der Politik geschaffen werden, aber auch die Händler sieht er in der Pflicht. Der Einzelhandel müsse sich weiterentwickeln, die Händler dürften nicht nur jammern: „Wir brauchen geile Konzepte.“

Klar ist für Riethmüller, dass ganz unterschiedliche Zielgruppen berücksichtigt werden müssen. Das sind für ihn auch, aber nicht nur die Älteren, sondern auch die Jungen, die wie Riethmüllers Töchter gern vor dem Handy sitzen. In die Buchläden strömen sie seiner Erfahrung nach derzeit trotzdem, weil sich viele für Manga-Comics interessieren. „Plötzlich haben wir eine Riesenchance“, berichtete er. Wo eingekauft wird, das entscheiden laut Riethmüller bis zu einem gewissen Alter die Kinder, weshalb die Stadt auch für Kinder attraktiver werden müsse. Dabei riet er zu individuellen Konzepten, aber auch dazu, ein Bewusstsein für den Wert des Einzelhandels zu schaffen, wie es die Fridays-for- Future-Bewegung für den Klimaschutz geschafft habe. Für den Handel gehe niemand auf die Straße, sagte Riethmüller, der seine Buchläden gern an allen vier Sonntagen im Advent öffnen würde.

OB Hornikel wirbt für gemeinsames Konzept für Unteren Marktplatz

Ein gesamtgesellschaftliches Problem und nicht nur eins des Einzelhandels ist die lebendige Innenstadt für Oberbürgermeister Bernd Hornikel. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion warb er dafür, gemeinsam ein Konzept für den Unteren Marktplatz zu suchen, der aktuell absolut nicht schön sei: „Da hältst du dich nicht auf“, sagte er. Entschieden trat er dem „Gerücht“ entgegen, ein Autofeind zu sein. Das Parken müsse organisiert werden, in der Altstadt sehe er allerdings keine Autos. Letzteres veranlasste Moderator Steffen Krötz zu der Frage, ob Leute woanders einkaufen würden, wenn sie gezwungen werden würden, vom Auto aufs Rad umzusteigen. Zwingen könne man niemanden, meinte Claudia Maurer-Bantel, Geschäftsführerin vom Kaufhaus Bantel und Vorstand von Schorndorf Centro: „Wenn man keine Alternative hat, gehen die Kunden aber auf die grüne Wiese.“ Auch aus ihrer Sicht muss am Unteren Marktplatz was passieren. Die Außengastronomie müsse vergrößert, der Platz begrünt werden. Doch die Händler müssten noch angefahren werden können. Hier widersprach auch OB Hornikel nicht, einen Parkplatz kann er sich auf dem Unteren Marktplatz in Zukunft indes nicht mehr vorstellen. Auswärtige nähmen dort momentan nur den Parkplatz wahr: „Das schreckt ab. Da müssen wir rangehen.“ Sein Credo für Archiv- und Marktplatz: „So autofrei wie möglich.“ Gute Chancen für den Marktplatz sah auch Claudia Maurer-Bantel, sofern Alternativen fürs Parken gefunden werden. Sie kündigte an, dass sich Schorndorf Centro bei dieser Frage und anderen Belangen der Innenstadt stärker einbringen wolle.

Riethmüller: Es wird Gewinner und Verlierer geben

Wie kann das Land die Händler unterstützen? Auf diese Frage von Moderator Steffen Krötz forderte Christian Riethmüller erneut die Senkung der Mehrwertsteuer. Schon jetzt kündigte er an, dass es Gewinner und Verlierer geben werde. Durch Maßnahmen, die die Innenstädte attraktiver machen, werde man Händler verlieren, andere würden folgen. Eine Zuhörerin forderte, die ganze Innenstadt, nicht nur den Unteren Marktplatz in den Fokus zu nehmen, Claudia Maurer-Bantel verlangte, „in Quartieren“ zu denken. OB Hornikel versprach einen ganzheitlichen Blick, will aber dennoch schon jetzt starten: „Man muss anfangen zu denken“, sagte er. „Mein Plan ist, 2024 Nägel mit Köpfen am Unteren und Oberen Marktplatz zu machen.“ Auch die Weststadt dürfe nicht verschlafen werden.

Als Chef der Tübinger Buchhandelskette Osiander kennt Christian Riethmüller die Sorgen des Einzelhandels genau. Aber nie waren sie seiner Erfahrung zufolge so drückend wie in den vergangenen drei Jahren. Während Corona seien die Händler im Land drangsaliert worden wie nirgends sonst. Discounter bedrohten die Einzelhändler, weil sie mittlerweile zu 30 bis 40 Prozent innenstadtrelevante Sortimente im Angebot hätten, jetzt explodierten die Kosten aufgrund der Inflation. Zudem habe der Handel

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