Schorndorf

Kunstverein Schorndorf: Das hat die Jahresausstellung in der Q-Galerie zu bieten

KunstvereinFreiheit
Beeindruckende Vielfalt der Stile, Formen und Materialien in der Jahresausstellung „Essenz“ des Kunstvereins. © Gaby Schneider

Die Künste als Seismografen, die auf das Beben gesellschaftlicher Verwerfungen empfindlich reagieren. So jedenfalls präsentiert sich so bissig wie nachdenklich die aktuelle Jahresausstellung des Kunstvereins Schorndorf in der Q-Galerie.

Der Dreiklang aus „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ der Französischen Revolution wurde im Zuge der einschränkenden Pandemiemaßnahmen der vergangenen drei Jahre zur teilweise schrillen Disposition gestellt. Querdenker und Montagsspaziergänger strichen die Gleichheit (keine Privilegien) und die Brüderlichkeit (Solidarität) zugunsten einer teilweise militanten, narzisstisch aufgeladenen Vorstellung von Bewegungs- als Ellbogen-Freiheit. Auf einmal tat sich da ein Riss zwischen Familien, Freundschaften, ja der Nation auf. Brandgefährlich und kein bisschen ausgestanden.

Hardy Langers Trauermarsch auf die zu Grabe gelegte soziale Empathie

Mit dem ihm eigenen drastischen Witz geht Hardy Langer das Thema in seiner Installation „Der Spaziergang“ an. Auf sechs quadratisch am Boden angebrachten Eisenplättchen erheben sich je vier Stäbe, an deren Spitze entweder Handspiegel oder Schneebesen angebracht sind. Die Köpfe als hohle Schäumchen-Schläger, die hier auf ihrem stummen Montags-Gänsemarsch ihren gekränkten Narzissmus bespiegeln.

Und tatsächlich konnte einem im Gespräch mit Querdenkern vor allem deren ästhetisch aufgeladener Gesundheitsoptimismus sprachlos machen. Ihr: „Ich lebe so gesund, so bio, so im Einklang mit der Natur und meinem yogazarten Body, dass Corona mir gar nichts kann.“ Wen’s erwischt, ist selber schuld. „Me Me Me“. Hardy Langers „Spaziergang“, ein Trauermarsch auf die zu Grabe gelegte soziale Empathie.

Mythos und Moderne verschränkt Hardy Zürn mit seiner Büchsen-Objekt-Collage „Pandora (ver)zweifelt“. Aus rostiger Dose beugt sich das schöne Barbie-Püppchen-Pandora, die „Alles-Geberin“, und bestaunt in Kotz-Haltung einen Haufen Corona-Teststreifen als üble Begleiterscheinung eines global wuchernden Warenverkehrs, der auch eine ungehinderte Viren-Wanderung zur Folge hat. One World, One Love.

Und es stimmt ja: Freiheit ist vielleicht zu allererst Bewegungsfreiheit. Ein indes weltweit seltenes Privileg, wie uns das Teddybär-Gebirge „Tortilla Curtain“ von Annette Schock deutlich macht. Auf einer weichen Plüschtier-Pyramide sitzt eine weiße Knabenpuppe und kuschelt mit einem der Tierchen. Eingezäunt, Gated Community, von einem Ring aus Stacheldraht. Davon ausgeschlossen ein hockendes mexikanisches Mädchen mit Sehnsuchtsblick über diese Grenze. Aber es gilt: Ohne den richtigen Pass kein Durchgang, „no pasaran!“

Mit diesen und vielen weiteren Arbeiten lädt diese Ausstellung, sich so sinnlich wie reflektierend, den Zumutungen unserer Gegenwart zu stellen - und macht dabei Mut. Etwa zum Perspektivwechsel. Wie im gerade 50 Millionen Mal geklickten Song von Taylor Swift mit dem Refrain: „It’s me, hi. I’m the Problem.“ Ich bin’s, hallo. Ich bin’s Problem. „MeMeMe“.

Die Künste als Seismografen, die auf das Beben gesellschaftlicher Verwerfungen empfindlich reagieren. So jedenfalls präsentiert sich so bissig wie nachdenklich die aktuelle Jahresausstellung des Kunstvereins Schorndorf in der Q-Galerie.

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Der Dreiklang aus „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ der Französischen Revolution wurde im Zuge der einschränkenden Pandemiemaßnahmen der vergangenen drei Jahre zur teilweise schrillen Disposition gestellt. Querdenker und

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