Schorndorf

Letzte Chance für den Familienvater

Justizwachmeister PLESER im Amtsgericht Schorndorf
Symbolbild. © Leonie Kuhn

Schorndorf. Weil er im Drogen- und Alkoholrausch seine Freundin vor den Augen ihrer beiden Kinder niedergeschlagen hat, wurde ein 34-Jähriger vom Amtsgericht Schorndorf zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt. Der einschlägig vorbestrafte Mann gelobte vor Gericht Besserung – und wird vorerst die Finger von den Drogen lassen müssen.

Diesmal macht Peter F. (alle Namen geändert) zumindest äußerlich einen aufgeräumten Eindruck. Der 34-Jährige ist offensichtlich nüchtern und beantwortet die Fragen von Richterin Petra Freier freundlich, vernünftig und verständig. Vor drei Monaten sah das noch völlig anders aus. Bereits im Juli hatte das Amtsgericht ihn wegen der gefährlichen Körperverletzung an seiner Lebensgefährtin geladen.

Zur Hauptverhandlung erschien der Angeklagte bereits am frühen Vormittag stark betrunken. Peter F. hatte die Nacht zuvor durchgetrunken und den Tag mit einem Bier gestartet. Sein Eindruck vor Gericht: suboptimal. Was er danach machte: höchst fatal. Denn statt nach der Verhandlung zur Drogenberatung zu gehen, zog es der Angeklagte vor, den nächsten Aldi aufzusuchen, Bier zu kaufen und sich zusammen mit seiner Freundin Jaqueline D. (wegen der er doch vor Gericht stand) zu betrinken. Es kam zum Streit, der Angeklagte schlug zu – und landete in einem beschleunigten Verfahren noch am selben Tag vor derselben Richterin, die ihn zu einer dreimonatigen Freiheitsstrafe verurteilte. Bereits am Nachmittag saß er in Stammheim ein.

„Ich bin Ihnen teilweise dankbar, dass Sie mich von der Straße geholt haben“, sagt Peter F. nun. Es gehe ihm „sehr gut, auf jeden Fall viel besser als davor“. Zum ersten Mal seit langer Zeit sei er weg von Alkohol und Drogen. Er treibe nun viel Sport. Nur dass er seine Kinder nicht sehen könne, „das drückt sehr“.

Die Kinder sind jetzt bei Pflegeeltern

Seit Ende Dezember letzten Jahres befinden sie sich in einer Pflegefamilie. Die Lebensumstände der Eltern waren ihnen nicht mehr zuzumuten, befand das Jugendamt. Marihuana, Speed, Kokain, manchmal auch K.-o.-Tropfen und zuletzt ganz viel Alkohol hatten den Tagesablauf der jungen Familie bestimmt. Ständig gab es Streit. Oft waren die Kinder dann bei den Großeltern.

So auch letztes Jahr am 21. Dezember. Zwei Nächte hatte das Paar da nicht geschlafen, war vollgepumpt mit Speed und trank sich noch einen Rausch in der Kneipe an, bevor die Großeltern die Kinder wieder brachten. Die beiden mussten dabei zusehen, wie sich ihre Eltern, volltrunken und aufgeputscht mit Drogen, böse stritten. Am Abend eskalierte die Situation dann und Peter F. verpasste der Mutter seiner Kinder am Schorndorfer Busbahnhof einen folgenschweren Kopfstoß. Von einem Nasenbeinbruch ist vor Gericht die Rede, auch wenn dies nie ganz bewiesen werden konnte – auch weil die ehemalige Freundin vor Gericht die Aussage verweigert hat. „Es tut mir irgendwie leid“, sagt Peter F., der die Tat unumwunden zugibt. „Da sind mir die Nerven durchgegangen.“

22 Einträge im Vorstrafenregister

Gewaltausbrüche wie diese sind keine Seltenheit in der Biografie von Peter F. Nicht weniger als 22 Einträge umfasst sein Vorstrafenregister, der erste mit 14 Jahren wegen Erpressung und gefährlicher Körperverletzung. Zu dieser Zeit war der gebürtige Schorndorfer bereits von der Hauptschule geflogen und mit ersten Drogen in Kontakt gekommen. Mit 16 musste Peter F. zum ersten Mal eine Jugendstrafe antreten. Es folgten weitere Verurteilungen wegen Drogenhandels, Diebstahl, gefährlicher Körperverletzung oder schwerer räuberischer Erpressung. 2003 hatte er eine Tankstelle überfallen und die Mitarbeiterin eines Brautmodengeschäfts mit einem Messer bedroht. Dies hatte die erste längere Haftstrafe zur Folge. Mit seiner Sozialarbeiterin ging Peter F. dann eine Beziehung ein – und stellte ihr nach der Trennung nach, bedrohte, beschimpfte und würgte sie in betrunkenem Zustand sogar.

Im Rückblick scheint der exzessive Drogen- und Alkoholkonsum des Angeklagten Mitverursacher für seine Ausbrüche zu sein. Aber auch die Beziehung zu Jaqueline D. war wohl nicht unproblematisch. Seine Ex-Freundin leide unter Borderline, sei krankhaft eifersüchtig und neige zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen, behauptet Peter F. Wegen eines Messerstichs von ihr sei er dieses Jahr bereits in klinischer Behandlung gewesen. Angezeigt habe er sie aber – wegen der Kinder – nie. Was sich belegen lässt: Jaqueline D. leidet unter einem Alkohol- und Drogenproblem. Zum Zeitpunkt der Tat hatte sie einen Alkoholpegel von 1,46 Promille, wirkte aber äußerlich kontrolliert und gar nicht betrunken.

Dass es so nicht weitergehen kann, das sei ihm spätestens in der Haft irgendwann klargeworden. Von Drogen und Alkohol will Peter F. daher künftig dauerhaft die Finger lassen. Vor allem wegen der Kinder. „Ich möchte nie wieder so abstürzen“, sagt er „und ein guter Vater sein“.

Drogentherapie statt Gefängnis

Laut Sachverständigen-Gutachten ist Peter F. „polytoxikoman“, also gleich von mehreren Substanzen abhängig. Eine Chance auf Besserung sei darum „nicht gerade sprudelnd, aber sie ist da.“ Dass der 34-Jährige ohne eine Therapie kaum wieder auf die Beine kommt, darüber sind sich letztlich auch Verteidigung, Staatsanwaltschaft und das hohe Gericht einig.

Am Ende wird Peter F. wegen gefährlicher Körperverletzung und dreier kleinerer Diebstähle zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt. Da er die Taten aufgrund seiner Alkohol- und Drogensucht begangen hat, wird er die Strafe, sobald er einen Platz bekommt, in einer Entziehungsanstalt verbringen können. Bricht er ab, muss er zurück ins Gefängnis. „Es tut mir leid, was passiert ist“, sagt Peter F., der die Strafe, ohne zu zögern, akzeptiert. „Das ist meine letzte Chance - mit den Kindern.“