Schorndorf

Luftfilter in Schulen und Kindergärten: Warum es in Schorndorf noch keine Lösung gibt

Sommertourburggym
Im Neubau des Burggymnasiums gibt es derzeit in Schorndorf die einzige kontrollierte Be- und Entlüftungsanlage, die einen coronakonformen Unterricht ermöglicht. © Gaby Schneider

Waiblingen will die Fördergelder des Landes in Anspruch nehmen und die Schulen mit mobilen Luftfiltern ausstatten. Im Schorndorfer Rathaus indes sitzen Bedenkenträger: Bürgermeister Thorsten Englert stellte im Technischen Ausschuss klar, dass er und Oberbürgermeister Matthias Klopfer, „Stand heute“ dem Gemeinderat keinen entsprechenden Beschlussvorschlag machen werden. Obwohl sie beteuern, dass ihnen die Gesundheit der Kinder und die bestmögliche Bildungs- und Betreuungssituation am Herzen liegen, halten sie mobile Luftfilter nicht für den richtigen Weg und die geeignete technische Lösung, um den Präsenzunterricht an den Schulen im Herbst und Winter zu sichern.

Tatsächlich sieht auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann den Einsatz von mobilen Luftfiltern kritisch: Sie ersetzten nicht das Lüften und sollten vorrangig in Räumen eingesetzt werden, die nicht belüftbar sind, ließ er in einer Pressemitteilung verlauten. Der Städte- und Gemeindetag, von dem sich auch Schorndorf vertreten sieht, ist ebenfalls nicht überzeugt und empfiehlt mobile Luftfilter nur in Ausnahmefällen. Dazu kommt: Die 60 Millionen Euro reichen nach Englerts Rechnung, bei Anschaffungskosten von 6000 Euro pro Gerät, für gerade mal 10.000 Klassenräume – „und in Baden-Württemberg gibt es 67.000 Klassenzimmer“. Für Englert ist das Förderprogramm also alles andere als auskömmlich finanziert. Mehr als eine Ankündigung gebe es vom Land bisher nicht, in schriftlicher Form liege noch gar nichts vor. Für Englert gilt darum nach wie vor: Das Land muss klare Vorgaben machen, die Städte sieht er in der Umsetzerrolle. Und: „Wer bestellt, der bezahlt auch.“

Stationäre Luftfilter: Nicht mal mittelfristig zu realisieren

Was mittlerweile aber auch klar sein dürfte: Für den Einbau von stationären Lüftungsanlagen, wie sie es in Schorndorf einzig im Neubau des Burggymnasiums gibt, ist es zu spät, auch weil der Bund ein entsprechendes Förderprogramm erst am 10. Juni 2021 aufgelegt hat und mit einem Einbau frühestens im Sommer 2022 begonnen werden könnte. Selbst mittelfristig ist mit einer entsprechenden Ausstattung der Schulen nicht zu rechnen – allenfalls in Neubauten wie dem Pavillon der Fuchshofschule, in der Sommerrain- und der Rainbrunnenschule können solche Systeme eine Rolle spielen. Stationäre Luftfilteranlagen für alle 280 Klassenräume an Schorndorfer Schulen und Kindergärten würden mit 2,3 bis 2,5 Millionen Euro zu Buche schlagen.

Klaus Konz, Fachbereichsleiter Gebäudemanagement, sieht dennoch in der langfristigen Strategie den einzig gangbaren Weg und rät von Wunschdenken und mobilen Luftfiltern ab. „Man muss“, stellte er im Technischen Ausschuss fest, „zu dem Punkt kommen, die Situation an den Schulen nach und nach zu verbessern und keine Schnellschüsse zu machen“. Immerhin würde die Ausstattung aller Klassenzimmer in Schorndorf mit mobilen Luftfiltern an die 1,7 Millionen Euro kosten plus 110.000 Euro im Jahr für Wartung und Betrieb. Lange Lieferzeiten kämen hinzu. In Schorndorf, das hatte auch Englert zuvor schon erläutert, seien alle Klassenzimmer belüftbar – mobile Luftfilter im Grunde also unnötig. Das zentrale Gegenargument für den Bürgermeister und seinen Fachbereichsleiter ist aber: „Es gibt kein wissenschaftliches Gutachten, dass der Einsatz dieser Lüftungsgeräte den Präsenzunterricht gewährleistet.“ Die beste Luftreinigung ist für sie immer noch das geöffnete Fenster.

Luftfilter in Schule und Kitas: „Das Topthema der Woche“

Doch genau das ist für viele Eltern und Kinder das große Problem: Wie im vergangenen Herbst und Winter bibbernd an offenen Fenstern zu sitzen, mit Mütze, Schal und Schlafsack Klassenarbeiten schreiben und dann vielleicht doch im Fernunterricht zu landen – das soll sich auf keinen Fall wiederholen. Und das sehen auch die Mitglieder des Technischen Ausschusses so – auch wenn sie sich noch nicht einig sind, wie sie das Problem angehen wollen.

Eigentlich, das war der Plan, wollten Englert und Klopfer die Sache im Ältestenrat vorberaten. Nachdem das Thema – nach kritischer Berichterstattung – zum „Topthema der letzten Woche geworden ist“ (Englert) und eine politische Dimension bekommen hat, die FDP/FW-Fraktion einen entsprechenden Prüfantrag stellte, befassen sich in dieser Woche der Technische und am Donnerstag der Verwaltungs- und Sozialausschuss mit Luftfiltern in Schulen und Kindertagesstätten – und am Donnerstag, 22. Juli, auch der Gemeinderat.

Schwarzer Peter an Bundes- und Landespolitik

Dass das Thema in die Gremien gekommen ist, das begrüßte zunächst FDP/FW-Fraktionsvorsitzenden Gerhard Nickel: Die OBs sind dagegen und dann wird’s nicht gemacht – so läuft’s für den Stadtrat nicht. Letztendlich schiebt aber auch er der Bundes- und Landespolitik den Schwarzen Peter zu: „Der Skandal ist, dass sich in Berlin und Stuttgart keiner Gedanken gemacht hat, wie es weitergehen kann.“ Doch auch die Stadt habe viel Geld für Vereine, Firmen und den Einzelhandel ausgegeben, „da kann es nicht sein, dass wir kein Geld für die Schulen haben“. Dran bleiben und die Nöte im Auge behalten, das ist für Nickel das Gebot der Stunde.

Auch CDU-Fraktionsvorsitzender Hermann Beutel fand zunächst kritische Worte für die Oberbürgermeister, die das Thema offenbar unterschätzt haben – „und wir müssen es ausbaden“. Auch ihm ist bewusst, dass die Eltern verlässlichen Unterricht erwarten und nicht mehr die „unerträgliche Belastung im Home-Schooling“. Tatsächlich sieht aber auch er das Land in der Pflicht: Aus seiner Sicht kann es nicht sein, dass reiche Kommunen Luftfilter für die Schulen anschaffen können, weniger wohlhabende aber nicht. Dennoch hält er mobile Geräte nicht für die schlechteste Wahl und plädierte dafür, sie zumindest für die Grundschulen anzuschaffen: Damit könnte das Lüften in den Klassenzimmern auf die Pausen beschränkt werden.

Die Kinder im kalten Klassenzimmer sitzen lassen will auch SPD-Rätin Sabine Reichle nicht. Auch sie kritisierte, dass die Politik zu zögerlich agiert – und plädiert dennoch dafür, nach vorne zu blicken und „gemeinsam nach Lösungen zu suchen“. Grünen-Rätin Kirsten Katz wollte in diesem Zusammenhang wissen, mit welcher Strategie der Fachbereich Schulen in den Herbst geht – und wurde deutlich: „Ich erwarte Ideen.“ Die wird es aber wohl nicht geben: Englert, der den Fachbereich aus der Schusslinie nehmen will, erinnerte daran: Die Stadt ist Schulträger und braucht klare Vorgaben des Landes. „Der Fachbereich hat damit nichts zu tun.“ Vielmehr habe das Land im letzten Jahr die Augen zugemacht.

Selbst die AfD ist nicht überzeugt von mobilen Luftfiltern

Ganz überzeugt von den mobilen Luftfiltern ist auch die AfD nicht. Ulrich Bußler, der stationäre Luftfilter für die eleganteste, aber nicht realisierbare Lösung hält, glaubt nach Ausführungen des Umweltbundesamtes, dass die Geräte, die auf dem Markt sind, „alle auf Dauer nicht geeignet sind“, und warnt davor, in großem Umfang zu investieren. Für ihn sind mobile Luftfilter kein Allheilmittel in der Corona-Pandemie. Allenfalls in einem Pilotprojekt, in dem in einzelnen Räumen Erfahrungen gesammelt werden, kann er sich deren Einsatz im Moment vorstellen. Auch sein Fraktionskollege Franz Laslo will keine Schnellschüsse, sondern schloss sich lieber der Haltung der Stadtverwaltung an – auch, was die Kritik an Bundes- und Landespolitik angeht.

GLS-Rat Werner Neher und Einzelstadtrat Andreas Schneider indes wollten nicht in die allgemeine Schelte einstimmen. Das Virus sei noch zu neu, als dass es perfekte Lösungen geben könnte. Auch Grünen-Rätin Friederike Köstlin wertet die Schuldzuweisung als fatales Zeichen: „Wichtig ist, dass wir eine pragmatische Lösung fürs nächste Schuljahr finden.“ Sie empfiehlt einen Runden Tisch mit den Schulen und Lehrkräften – und dass sich alle Erwachsenen impfen und testen lassen, um die Kinder zu schützen.

An einer pragmatischen Lösung ist auch SPD-Rat Jürgen Erdmann interessiert – und zog in der Ausschusssitzung die Rechnung der Stadtverwaltung in Zweifel: 6000 Euro für mobile Lüftungsgeräte hält er für zu hoch gegriffen. Bei einer Winnender Firma habe er geeignete Geräte für gerade mal 700 Euro gefunden. Und das Beste ist für Erdmann: „Die liegen da auf Lager“.

Waiblingen will die Fördergelder des Landes in Anspruch nehmen und die Schulen mit mobilen Luftfiltern ausstatten. Im Schorndorfer Rathaus indes sitzen Bedenkenträger: Bürgermeister Thorsten Englert stellte im Technischen Ausschuss klar, dass er und Oberbürgermeister Matthias Klopfer, „Stand heute“ dem Gemeinderat keinen entsprechenden Beschlussvorschlag machen werden. Obwohl sie beteuern, dass ihnen die Gesundheit der Kinder und die bestmögliche Bildungs- und Betreuungssituation am Herzen

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