Schorndorf

Luftfilteranlagen für Schulen: Stadt Schorndorf sieht das Land in der Pflicht

PKLuftfilter
Um zu erklären, warum die Stadt in Sachen Luftfilteranlagen in Schulen keine Vorreiterrolle einnehmen will, hat Oberbürgermeister Matthias Klopfer (Mitte) zur Pressekonferenz in den Großen Sitzungssaal im Rathaus geladen. Mit dabei: Bürgermeister Thorsten Englert und der Schorndorfer Kinderarzt Dr. Ralf Brügel (vorne von links) sowie die Fachbereichsleiter Marcus Weiß, Tina Werner und Klaus Konz. © Gaby Schneider

16 Monate Corona-Pandemie, die Delta-Variante ist auf dem Vormarsch – und die Schulen und Kindergärten steuern wieder auf einen Herbst und Winter zu mit einem Wechsel aus Stoßlüften, Wechselunterricht und Home-Schooling. Nach dem Nein der Oberbürgermeister der Großen Kreisstädte im Rems-Murr-Kreis zum Einbau von stationären Luftfilteranlagen in den Schulen und Kindergärten und der kritischen Berichterstattung darüber, spürt OB Matthias Klopfer „maximalen politischen Druck“ – und verweist in einer eigens am Montag einberufenen Pressekonferenz mit aller Deutlichkeit auf die Landespolitik.

Sollte Ministerpräsident Winfried Kretschmann tatsächlich ein Machtwort für den Einbau von Luftfilteranlagen sprechen, dann müsse das Land nicht nur die Anschaffung, sondern auch die laufenden Kosten bezahlen. In einer Vorreiterrolle sieht auch Bürgermeister Thorsten Englert die Stadt Schorndorf nicht, sondern ganz klar „in einer Umsetzerrolle“: Ohne klare Vorgaben, ohne Zahlen, Daten, Fakten „können wir keine Entscheidung treffen“.

Lüftungsanlagen für 280 Räume: 2,5 Millionen Euro-Investition

Erst seit zwei Wochen, erinnert Englert, gebe es das Luftfilter-Förderprogramm des Bundes und erst da habe er anfangen können, zu recherchieren. Betroffen sind in Schorndorf nach Englerts Rechnung 70 Grundschulklassen, 120 Klassen in weiterführenden Schulen und 90 Kindergartenräume – andere städtische Räumlichkeiten in der Jugendmusikschule, der Volkshochschule oder Sportstätten gar nicht mitzählt. Ein Einbau von stationären Lüftungsanlagen würde für Schorndorf mit 2,5 Millionen Euro zu Buche schlagen und mit gut 120.000 Euro im Jahr für die Wartung und für Stromkosten. „Da geht’s um richtig viel Geld“, gibt Englert zu bedenken. Allein das Gutachten, das für eine solche Investition notwendig wäre, würde nach seiner Rechnung 400 000 Euro kosten – und sechs bis acht Wochen Zeit in Anspruch nehmen. „Ich tu’ mich schwer“, so Englert weiter, „dem Gemeinderat in diesen schwierigen Zeiten so etwas vorzulegen“.

Dazu kommen die Ausschreibung, lange Lieferfristen, ausgebuchte Handwerker, ein knappes Zeitfenster von gerade mal vier Wochen im Jahr für Bauarbeiten in den Schulen – vor September 2022 könnte mit dem Einbau von Lüftungsanlagen gar nicht begonnen werden. Und auch nur, „wenn’s ganz schnell geht und mit viel Glück“, ergänzt Klopfer und sieht in einer klaren Leitlinie für die 1100 Kommunen im Land den einzig richtigen Weg. Zur Wahrheit gehört für Englert, der die Kommunen in die Ecke gedrängt sieht, auch das: Das Bundesförderprogramm reicht für 30.000 Klassenzimmer – „und allein Baden-Württemberg hat schon 65.000“.

Ob Luftfilter in Schulen und Kindergärten der Weisheit letzter Schluss und das alleinige Mittel sind, das weiß auch der Schorndorfer Kinderarzt Dr. Ralf Brügel nicht: „Ich bin Mediziner, kein Physiker oder Umwelttechniker.“ Doch gar nichts zu tun und nach den Sommerferien, wie es Ministerpräsident Kretschmann vorschwebt, wieder eine zweiwöchige Maskenpflicht an den Schulen anzuordnen, das hält er nach 16 Monaten Corona-Ausnahmezustand für den falschen Weg . In einer von ihm vor einer guten Woche initiierten Online-Petition fordert er, „dass endlich alles daran gesetzt wird, damit im nächsten Schuljahr ein geregelter Schulunterricht gefahrlos und zumutbar erfolgen kann“. Fast 50.000 haben seine Petition „Herr Spahn, Luftfilter in die Schulen, jetzt!“ bereits unterschrieben.

Kinderarzt Dr. Brügel fordert einen Plan B

Und tatsächlich sei es ihm, der auch zur Pressekonferenz ins Rathaus geladen war, nicht darum gegangen, explizit die Stadt anzugreifen. Brügel, der viele Kinder und Familien durch zwei Schullockdowns begleitet hat, will aber nicht noch einmal „sehenden Auges in die Katastrophe steuern“ – und fordert von der Politik einen Plan B. Finanzargumente, dass eine Ausstattung der Schulen mit Luftfiltern zu teuer wäre, lässt Brügel dabei nicht gelten: „Wir haben die letzten Monate das Geld mit beiden Händen ausgegeben.“ Allein die Vergütung der Schnelltests und die Ausstellung der digitalen Impfpässe mit jeweils 18 Euro empfindet Brügel als „lächerlich viel“.

Und obwohl der Einbau von Luftfiltern in den Schulen und Kindergärten eine enorme Investition wäre, Bürgermeister Thorsten Englert beteuert: „Es geht nicht ums Geld.“ Die Stadt wäre bereit, zu investieren, und hat dies bei der Digitalisierung der Schulen aus seiner Sicht auch in vorbildlicher Weise getan, doch Englert fehlt nicht nur die klare Vorgabe des Landes, sondern auch der Beweis, dass Luftfilter tatsächlich etwas bringen. „Es fehlt die wirklich verlässliche Einschätzung“, bekräftigt auch Klaus Konz als Fachbereichsleiter Gebäudemanagement und sieht vor allem in mobilen Luftreinigungsgeräten keine Alternative zum Querlüften. Förderfähig waren diese mobilen Anlagen bisher nicht.

Eine Ausstattung von allen Klassenzimmern und Kindergärten mit mobilen Geräten würde die Stadt 1,7 Millionen Euro kosten plus 110.000 Euro für den Unterhalt im Jahr. Dass Eltern Lüftungsanlagen bezahlen, lehnt Bürgermeister Englert aber kategorisch ab, weil in den Einrichtungen „gleiche Standards für alle“ gelten sollen. Die einzige moderne Be- und Entlüftungsanlage für einen coronasicheren Unterricht gibt es derzeit im Burggymnasium. Im Neubau-Pavillon der Fuchshofschule ist eine Be- und Entlüftung eingeplant. An allen anderen Schulen und Kindergärten müssten stationäre Anlagen mit großem Aufwand eingebaut werden.

Waiblinger OB Hesky distanziert sich

Auch die Stadt Waiblingen wird „die mobilen Lüftungsgeräte anschaffen, wenn das Land es wünscht“, kündigt OB Hesky in einer Stellungnahme an, in der er sich davon distanziert, dass es eine gemeinsame Haltung oder gar eine gemeinsame Pressemitteilung der Oberbürgermeister der Großen Kreisstädte gegeben habe. Er sei persönlich nicht gegen Lüftungsanlagen, die es an einer Waiblinger Schule bereits gibt, sieht aber ebenfalls das Land am Zug.

16 Monate Corona-Pandemie, die Delta-Variante ist auf dem Vormarsch – und die Schulen und Kindergärten steuern wieder auf einen Herbst und Winter zu mit einem Wechsel aus Stoßlüften, Wechselunterricht und Home-Schooling. Nach dem Nein der Oberbürgermeister der Großen Kreisstädte im Rems-Murr-Kreis zum Einbau von stationären Luftfilteranlagen in den Schulen und Kindergärten und der kritischen Berichterstattung darüber, spürt OB Matthias Klopfer „maximalen politischen Druck“ – und verweist in

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