Schorndorf

Müssen am Schorndorfer Krankenhaus covidinfizierte Ärzte und Pflegekräfte arbeiten?

Risikoermittlung
Die Corona-App warnt. Nicht alle Berufsgruppen ziehen daraus die gleichen Schlüsse. © ALEXANDRA PALMIZI

Mehr als 21 Millionen Mal wurde die Corona-Warn-App des Robert-Koch-Instituts (RKI) heruntergeladen. Deren Empfehlungen scheinen allerdings nicht für alle Berufsgruppen zu gelten. Ein Arzt aus dem Familienkreis, der in Nordrhein-Westfalen arbeitet, wurde trotz roter Coronawarnung zum Dienst eingeteilt – doch der Mangel an Medizinern und Pflegekräften hat auch noch drastischere Folgen. In Schorndorf gingen Pflegekräfte, die positiv getestet wurden und keine Symptome hatten, arbeiten, wenn sie dringend gebraucht wurden – das berichtet eine Krankenschwester aus dem Schorndorfer Krankenhaus, die der Redaktion bekannt ist. Dass mit Covid 19 infizierte Mitarbeiter in der Klinik eingesetzt waren, bestätigt ein Sprecher der Klinik auf Anfrage: „Während der Hochphase der ersten Welle (März/ April) war es aufgrund der angespannten Personallage bei uns notwendig, unter Berücksichtigung der RKI-Richtlinie und mit der Zustimmung des Gesundheitsamtes drei Ärzte sowie fünf Pflegekräfte für die Pflege und ärztliche Versorgung in den Covid-Bereichen einzusetzen. Diese Personen waren komplett symptomfrei und haben streng nach den umfassenden Hygienerichtlinien gehandelt.“

Genügend Intensivbetten, aber zu wenig Personal

Der Mangel an Ärzten und Pflegekräften trifft die Krankenhäuser während der Pandemie besonders hart. Das ist nicht nur in Schorndorf und Winnenden der Fall. Im Deutschen Ärzteblatt warnen die Berliner Charité und die Universitätsklinik in Frankfurt vor einem Personalmangel auf den Intensivstationen bei der Bekämpfung der Coronapandemie. Nach Angaben von Ulrich Frei, der an der Charité das Personalmanagement verantwortet, gibt es einen „absoluten Mangel an Intensivpflegekräften schon seit langer Zeit“. Genügend Intensivbetten seien vorhanden, aber nicht das nötige Personal dazu. Auch Uwe Janssens, der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), warnte vor einem „dramatischen Mangel an Pflegekräften“.

Denkbar ist der Einsatz ehrenamtlicher Helfer

In Schorndorf und Winnenden setzen die Kliniken im Kampf gegen Personalengpässe während der Krise inzwischen auf ein Bündel an Maßnahmen. „Präventiv ist die engmaschige Mitarbeitertestung die wichtigste Maßnahme, um mögliche Infektionsketten schnell zu entdecken und zu durchbrechen“, teilt das Rems-Murr-Klinikum mit. Denkbar seien auch Personalumschichtungen oder Personaleinsätze ehrenamtlicher Helfer. Die Ehrenamtlichen könnten über medizinische und pflegerische Bereiche hinaus je nach Qualifikation in anderen Bereichen wie zum Beispiel an der Information oder in der Apotheke eingesetzt werden.

Workshops und Trainings für das Personal

Speziell in der Intensivpflege haben die Rems-Murr-Kliniken die Zeit im Frühjahr genutzt. Die Beatmungskapazitäten für Corona-Kranke seien aufgestockt worden. Zudem seien in Workshops und Trainings zusätzliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für die Versorgung von Covid-19-Patienten geschult worden, um möglichst viel Personal aus anderen Bereichen fit für die Intensivpflege zu machen.

Müssen Menschen, die mit Kranken arbeiten, nicht besonders vorsichtig sein?

Dennoch wundert es angesichts des Mangels an Ärzten und Pflegekräften nicht, dass ausgerechnet in den Krankenhäusern Warnungen der Corona-App nicht beachtet werden. Wenn das digitale Warnsystem dunkelrot leuchtet, informiert es über die im Alltag stattgefundenen Risikobegegnungen. Das heißt: Menschen, mit denen man irgendwie und irgendwo Kontakt hatte, wurden positiv auf das Coronavirus getestet. Was folgt, ist die Anordnung, umgehend nach Hause zu gehen und dort tunlichst zu bleiben, um nicht auch noch andere zu infizieren. Kontakte sollen reduziert werden, mit dem ärztlichen Bereitschaftsdienst oder dem Gesundheitsamt soll dann das weitere Vorgehen abgestimmt werden. Das gilt für die meisten Berufsgruppen, offenbar aber nicht für alle. Die Frage ist: Müssen die Menschen, die mit Alten und Kranken arbeiten, nicht besonders vorsichtig sein? Was geschieht, wenn Klinik-Ärzte oder Pfleger von der App gewarnt werden?

Eine rote Nachricht heißt nicht undingt, dass man infiziert ist

Die Antwort fällt vage aus. Nach Angaben der Klinik-Sprecherin gilt in den patientennahen Bereichen grundsätzlich die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Eine rote Benachrichtigung über die Corona-App bedeute nicht zwangsläufig, dass man infiziert oder Kontaktperson ersten Grades ist, da die App weder Ort noch Zeitpunkt des Kontaktes speichert. „Bei einer roten Benachrichtigung wird der Mitarbeiter in der routinemäßigen wöchentlichen Mitarbeitertestung mit Antigen-Tests vorgezogen, um eine mögliche Infektion so schnell wie möglich auszuschließen“, schreibt die Klinik. Und wenig überraschend: „Ist ein Mitarbeiter symptomfrei und das Testergebnis negativ, kann er unter Einhaltung unserer strengen Hygienevorschriften (wie z.B. Handhygiene, Mund-Nasen-Schutz) weiter seinen Dienst tun.“

Wöchentliche Antigen-Tests für die Mitarbeiter

Unabhängig von der Warn-App hätten die Rems-Murr-Kliniken in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt eine Teststrategie für Mitarbeiter etabliert, die sich an den Empfehlungen des RKI orientiere. Mitarbeiter, die mit Patienten zu tun haben, checken sich demnach täglich auf Symptome, und, so die Kliniksprecherin, „sie werden regelmäßig getestet“. Auf Nachfrage, was regelmäßig bedeutet, schreibt die Klinik: „Dank der kürzlich ausgeweiteten Testkapazitäten können wir unsere Mitarbeiter im patientennahen Bereich künftig einmal wöchentlich mit Antigen-Tests testen.“ Besteht ein Covid-19-Verdacht, werde umgehend im Mitarbeiter-Testzentrum der Kliniken eine PCR-Testung durchgeführt. Die App der Bundesregierung könne bei der Unterbrechung von Infektionsketten unterstützen. „Die rote Risikowarnung ist bei Patienten mit Symptomen und je nach Fall auch bei asymptomatischen Personen Anlass für eine Covid-19-Testung.“ Ein Grund, zu Hause zu bleiben, ist sie für Ärzte und Pfleger allerdings nicht. „Besteht bei einem Mitarbeiter ein begründeter Verdacht auf Covid-19, kann bis zum Vorliegen des Testergebnisses mit entsprechender Schutzausrüstung gearbeitet werden“, so die Klinik-Sprecherin. Und in „absoluten Ausnahmesituationen“ sei es nach den Vorgaben des RKI eben auch denkbar, dass positiv getestete, symptomfreie Mitarbeiter in den Covid-Bereichen eingesetzt werden. Bitter ist es für die Mediziner, Krankenschwestern und Pfleger, wenn sie bei einem Covid-Verdacht morgens zum Dienst antreten sollen, privat aber wie jeder andere ihre Kontakte einschränken sollen. Fakt ist aber auch, dass die Krankenhäuser gerade während der Pandemie nur schwer auf ihre Ärzte und ihr Pflegepersonal verzichten können.

Mehr als 21 Millionen Mal wurde die Corona-Warn-App des Robert-Koch-Instituts (RKI) heruntergeladen. Deren Empfehlungen scheinen allerdings nicht für alle Berufsgruppen zu gelten. Ein Arzt aus dem Familienkreis, der in Nordrhein-Westfalen arbeitet, wurde trotz roter Coronawarnung zum Dienst eingeteilt – doch der Mangel an Medizinern und Pflegekräften hat auch noch drastischere Folgen. In Schorndorf gingen Pflegekräfte, die positiv getestet wurden und keine Symptome hatten, arbeiten, wenn sie

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