Schorndorf

Maier am Tor: Mit Kohle fing alles vor 140 Jahren in Schorndorf an

Maier am Tor
Auf einer Postkarte aus dem Jahr 1911: Das neue Firmengebäude von Carl Friedrich Maiers Kohlenhandlung an der Urbanstraße. © Sammlung Schaukal

Obwohl das Schorndorfer Unternehmen schon einige Jahre nicht mehr existiert, Alteingesessenen ist „Maier am Tor“ noch ein Begriff. Erhard Schaukal, der sich für die Schorndorfer Vergangenheit interessiert und eine beeindruckende Sammlung alter Postkarten hat, erinnert an die lange Firmengeschichte – und weiß: Durch den industriellen Aufschwung ab dem Jahr 1882 benötigte die Industrie viel Kohle, um die Dampfmaschinen zur Erzeugung von Strom am Laufen zu halten, gleichzeitig mussten auch die Fabrikanlagen im Winter für die Arbeiter beheizt werden. Der Kohleverbrauch stieg von Jahr zu Jahr.

Firmengründer Carl Friedrich Maier wurde am 4. August 1853 geboren, machte eine Ausbildung zum Industriekaufmann in Heidenheim – und erkannte den Wert der Kohle für die industrielle und gewerbliche Entwicklung. Mit 28 Jahren kehrte er in seine Heimatstadt Schorndorf zurück und gründete mit wenig Geld sein eigenes Unternehmen.

Im elterlichen Haus in der Unteren Hauptstraße (später Gottlieb-Daimler-Straße) eröffnete Carl Friedrich Maier sein in erster Linie auf Kohlen, aber auch auf Baumaterialien ausgelegtes Geschäft. Am 18. Juni 1881 wurde in der örtlichen Tagespresse, dem „Schorndorfer Anzeiger“, das neue Kohlen-, Coaks- und Baumaterialien-Lager der Öffentlichkeit vorgestellt. Da das Geschäft in der Nähe des ehemaligen Unteren Tores der herzoglichen Festung stand, fügte Maier seinem Geschäftsnamen die Bezeichnung „am Tor“ hinzu.

Außer Kohle gab’s Kartoffeln, Saatgut und Düngemittel

Es ist für Schaukal bezeichnend für das wirtschaftliche Denken Carl Friedrich Maiers, dass es neben dem sorgfältig geführten Kohlegeschäft auch einen weit verzweigten Vertrieb von Baumaterialien gab. Außerdem richtete Maier den Verkauf von Saatkartoffeln, Saatgut und Düngemitteln für die Landwirte ein, nebenbei versicherte er die Bauern über die Hamburger Versicherung auch gleich gegen Hagel. Und er verschaffte den vielen Auswanderern, die den drückenden sozialen Verhältnissen entkommen wollten, eine günstige Überfahrt nach Amerika.

Durch den stetig steigenden Bedarf und den Vertragsabschluss mit dem Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat, der damals einzigen den Preis regulierende Verkaufsstelle, war das Geschäft zu klein geworden. 1892 erwarb die Firma in der Urbanstraße ein größeres Gebäude. Als 1899 die Stuttgarter Firma Reisser die Konzession für ein Elektrizitätswerk in Schorndorf bekam, begann auch in Schorndorf das industrielle Zeitalter.

Am Anfang wurde die Kohle noch mit einem Handwagen und mit einem Mietfuhrwerk zur Kundschaft gebracht. Dann wurde das erste Pferdegespann mit den Namen „Jakob und Sarah“ angeschafft, später kamen weitere Pferdegespanne dazu – und der Fuhrmann Albert Nübel war im ganzen Remstal bekannt.

Mitten in seinem Arbeitsleben starb Carl Friedrich Maier am 18. September 1911. Nun musste der älteste Sohn Fritz, geboren am 12. Mai 1893, zusammen mit seiner Mutter Christiane Maier das väterliche Geschäft weiterführen. Als sich Fritz Maier freiwillig zum Heer meldete, war seine Mutter mit dem Unternehmen auf sich alleine gestellt – und musste schwere Schicksalsschläge hinnehmen: Sohn Karl war am 29. März 1918 gefallen. Zum Glück hatte Christiane Maier ihren jüngsten Sohn Erich, geboren am 11. September 1899, Anfang 1926 gebeten, ins väterliche Geschäft einzutreten: 1917 musste Fritz Maier nach einer schweren Verwundung ein Bein amputiert werden. Er konnte erst 1921 wieder in der Firma an der Seite seiner Mutter mitarbeiten, erweiterte dann aber den Großhandel und baute direkt an der Bahnlinie ein Lagerhaus. Am 29. Juli 1926 starb Christiane Maier. Nun leiteten die beiden Brüder Fritz und Erich die Firma weiter. Durch langwierige, doch erfolgreich geführte Verhandlungen hatten sie erreicht, dass „Maier am Tor“ beim Rheinischen Braunkohlen-Verkauf Mannheim Direktabnehmer wurde.

Lastwagen, um den großen Kohlebedarf bedienen zu können

Als Fritz Maier am 27. Dezember 1932 an seiner schweren Kriegsverletzung ganz unerwartet verstorben war, musste die Witwe Alice Maier zusammen mit ihrem Schwager Erich die Firma weiterführen. Ihm gelang es, das Geschäft wesentlich zu vergrößern. Um den großen Bedarf an Kohle in Schorndorf und Umgebung bedienen zu können, schafften sie mehrere Lastwagen an.

1929 heiratete Erich Maier Helene Öttinger, ihr Vater war Teilhaber der Firma Weible. Aus der Ehe gingen drei Töchter und ein Sohn hervor: Renate, Rose, Erika und Carl Friedrich. 1931 konnte das 50-jährige Firmenjubiläum gefeiert werden. Erich Maier galt als vorausschauend, beobachtete stets den Markt und hatte nach Schaukals Einschätzung stets einen guten Riecher, wenn es galt, auf neue Anforderungen einzugehen: Als nach dem Zweiten Weltkrieg das Öl immer mehr an Bedeutung erlangte, unterzeichnete er einen Liefervertrag mit der Firma Shell.

1973 übergab er das Ruder seinem 1938 geborenen Sohn Carl Friedrich. Die Firma musste mit der wirtschaftlichen Entwicklung stets Schritt halten. 1974 startete „Maier am Tor“ den Versuch eines Baumarkts in der Künkelinstraße, 1979 erfolgte die Zusammenarbeit mit der Firma „Hagebau“ , 1981 konnte Erich Maier, schon lange im Ruhestand, das 100-jährige Firmenjubiläum mitfeiern. 1982 eröffnete man den ersten „Hagebaumarkt“ im Siechenfeld. Dort richtete man auch eine Fliesen- und Bäderabteilung ein. In der Langen Straße, beim Güterbahnhof, wurde ein moderner Baustoff-Fachhandel eröffnet, außerdem wurde ein Sand- und Kieslager angelegt. Am 22. Januar 1988 starb Erich Maier.

Am 3. November 2008 aus dem Handelsregister gelöscht

Auch Carl Friedrich Maier war für Veränderungen offen: Er legte nach Schaukals Einschätzung zwar auf die Familientradition großen Wert, hat es aber verstanden, auf die veränderten Anforderungen des Marktes zu reagieren. 1987 wurde er Vorsitzender des Südwestdeutschen Brennstoffhandels. In der Zwischenzeit hatte er sich Werner Nübel, der seine Ausbildung zum Kaufmann im Unternehmen gemacht hatte, als Geschäftsführer geholt. Die beiden wollten neue Ziele ansteuern. Mit moderner Computertechnik, der Vernetzung von verschiedenen Dienstleistungen, Optimierung des Servicebereichs und Kompaktlösungen sollte das Unternehmen konkurrenzfähig gemacht werden. Das Ergebnis sollte sein: „Das Eigenheim komplett bei Maier am Tor zu bestellen.“ Leider zerplatzte dieser Traum. Die gesamte Firma musste Insolvenz anmelden. Ein alteingesessenes Unternehmen verschwand aus dem Stadtbild. Am 3. November 2008 wurde die Firma im Handelsregister gelöscht.

Obwohl das Schorndorfer Unternehmen schon einige Jahre nicht mehr existiert, Alteingesessenen ist „Maier am Tor“ noch ein Begriff. Erhard Schaukal, der sich für die Schorndorfer Vergangenheit interessiert und eine beeindruckende Sammlung alter Postkarten hat, erinnert an die lange Firmengeschichte – und weiß: Durch den industriellen Aufschwung ab dem Jahr 1882 benötigte die Industrie viel Kohle, um die Dampfmaschinen zur Erzeugung von Strom am Laufen zu halten, gleichzeitig mussten auch die

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