Schorndorf

Mit fast 80 noch mal auf dem Jakobsweg

Pilgern
Barbara Mallinckrodt hat sich noch einmal auf den Jakobsweg gemacht. © privat

Barbara Mallinckrodt wollte es noch einmal wissen: „Kann ich mit meinen jetzt fast 80 Jahren ein Stück Jakobsweg laufen?“ Mit 68 hat sich die pensionierte Grundschullehrerin, die sich auch als Sprachhelferin in der Flüchtlingsarbeit engagiert, erstmals auf den Weg nach Santiago de Compostela gemacht. Von der Haustür in Schorndorf in Richtung Schwarzwald, Vogesen, durch Frankreich, immer in Etappen von zwei bis drei Wochen. Die letzten 800 Kilometer von den Pyrenäen bis Finistère ist sie dann am Stück in viereinhalb Wochen gewandert.

Und die Faszination hat nicht nachgelassen. Zwei Jahre später war die Etappe Porto-Santiago dran und vor zwei Jahren das Teilstück Strasbourg - Guebwiller im Elsass. „100 Kilometer bei schönstem Herbstwetter durch die Weinberge der Vogesen“, schwärmt Mallinckrodt noch heute und hat sich in diesem Jahr im Spätsommer den sogenannten Schwabenweg von Konstanz nach Kloster Einsiedeln vorgenommen. Ein Erlebnis, von dem sie in diesen tristen Wintertagen noch immer zehrt: „Ich nehm den Sommer einfach mit ...“ Als sie kürzlich diesen Spruch vor der Gärtnerei Benz an der Burgstraße hängen sah, war ihr klar: Genau so geht’s ihr mit ihrer Reise.

100 Kilometer auf Tour: Wie immer ohne Begleitung

Und dabei war es durchaus offen, ob sie dieses Abenteuer überhaupt bestehen würde – ganz allein unterwegs, 100 Kilometer mit einem acht Kilogramm schweren Rucksack bei Temperaturen von 25 bis 30 Grad. Außerdem mussten die Übernachtungsmöglichkeiten in Pilgerherbergen, in Klöstern oder auf Bauernhöfen vorgeplant werden – schließlich sind in Corona-Zeiten Mehrbettzimmern tabu.

Doch sie ist losmarschiert: Aus dem Stand, ohne wochenlanges Training, ein letzter Kaffee im Café de Ville, dann stellte sich die bekannte Aufbruchstimmung ein. Mit der Gäubahn ging’s bis nach Singen, mit dem „Seehas“ bis Konstanz. Nach einem Stadtbummel marschierte Barbara Mallinckrodt am Münster los, an der im Pflaster eingelassenen Jakobsmuschel – und kam bis Kreuzlingen.

Es folgte die erste 14-Kilometer-Etappe bis Märstetten, wo sie in einer alten Pilgerherberge übernachtete, die von Ehrenamtlichen betreut wird. Jeden Tag ab 17 Uhr ist ein anderer dafür zuständig, die Herberge aufzuschließen, die Gebühr von 25 Schweizer Franken zu kassieren und Pilgerpässe zu stempeln. Ein Großvater mit seinen beiden fünf und sieben Jahre alten Enkelinnen, erinnert sich Mallinckrodt, „waren außer mir die einzigen Gäste’“.

Weiter ging’s nach Tobel. Das Höhenprofil für diesen Tag zeigte keine großen Anstiege auf der Strecke, wegen der großen Hitze war die 15-Kilometer-Etappe aber trotzdem anstrengend. Übernachtungsziel war ein Bio-Bauerhof – mit einer freundlichen Bäuerin: Als die hörte, dass eine fast 80-jährige Pilgerin ziemlich erschöpft in einem Vorort von Tobel sitzt, kam sie, nach der Arbeit auf dem Acker mit dem Auto und holte sie dort ab. Wunderbar!

Das  Höheprofil: "eine Grausamkeit"

Das Höhenprofil für den nächsten Tag war dafür „eine Grausamkeit“ mit 600 Höhenmeter Auf- und Abstieg von der steilsten Art. Da sich die Pilgerin von Anfang an nicht unter Druck setzen wollte – „wenn ich’s schaffe, dann schaffe ich’s“ – hat sie nach einer 16-Kilometer-Wanderung kurzerhand am Fuße dieses „Hörnli“ in der Pilgerherberge „Schwendi-Stübli“ übernachtet. In guten Zeiten, erfuhr sie, waren dort bis zu 20 Pilger zu Gast. Wegen Corona war in diesem Jahr kaum was los.

Am nächsten Tag also der Anstieg zum „Hörnli“! An einem Zaun am Wegrand las Mallinckrodt den passenden Spruch: „Respektieren Sie Ihre persönlichen Grenzen!“ Diesen Ratschlag nahm sie sich zu Herzen – und hat alle 20 Meter eine Verschnaufpause eingelegt. Die Belohnung dann war grandios: ein 360-Grad-Panorama mit Fernsicht auf Rigi, Pilatus, Säntis und das Züricher Unterland. Nächstes Quartier nach einer weiteren 14-Kilometer-Etappe war eine Selbstversorgerherberge auf einem Bauernhof. Neben der Vollerwerbslandwirtschaft hatte die Bäuerin einen Teil des alten Bauernhauses für Pilger so eingerichtet, dass in der Küche alles zu finden war, was man für ein Abendessen und für das Frühstück braucht.

Die letzte Etappe mit dem Zug

„An diesem Abend“, erinnert sich Mallinckrodt, „waren wir zu fünft, zwei Freunde aus Karlsruhe, die auch schon in Santiago waren, eine jüngere Deutsche und ein Schweizer. Die Männer haben Spaghetti aglio e olio gekocht. Es war ein unvergesslicher Abend mit interessanten Gesprächen.“ Und so beschlossen die fünf, den nächsten Abend – nach 18 weiteren Kilometern – wieder zusammen zu verbringen und einigten sich auf den Erlebnisbauernhof Lützelhof oberhalb von Pfäffikon mit Blick auf den Zürichsee.

Als der Outdoor-Führer für den nächsten Tag mit dem Etzelpass ein noch brutaleres Höhenprofil als beim „Hörnli“ anzeigte, beschloss Barbara Mallinckrodt, ganz gemütlich mit der Bahn nach Einsiedeln zu fahren. „So etwas“, sagt sie, „wäre mir auf meinem ganzen Weg nach Santiago nie in den Sinn gekommen.“ Da gab es den Ehrenkodex, jeden Meter zu laufen, auch durch hässliche Vorstädte und Industriegebiete wie in Burgos. Schließlich, so die Philosophie, könne man sich im echten Leben auch nicht nur die schönen Teilstücke raussuchen.

Bei der Schwarzen Madonna

Nach der Besichtigung der eindrucksvollen Klosterkirche mit der Schwarzen Madonna – seit 1000 Jahren wichtigstes Pilgerzentrum in der Schweiz – und einem Bummel durch die Altstadt Einsiedelns, hat die Schorndorfer Pilgerin dann die Heimreise angetreten. Von den vielen Begegnungen, die sie am Wegrand hatte, hat sie vor allem zwei im Gedächtnis behalten:

An einer Landstraße zwischen zwei Dörfern gibt es die alte Pilgerherberge „Gasthaus zur Biene“. Schon viele Kilometer vorher erfuhr Barbara Mallinckrodt, dass die 95-jährige Besitzerin dort allein lebte. Als die Schorndorfer Pilgerin ihr Ziel erreichte, las sie an der Tür: „Bis auf weiteres geschlossen“. Als sie sich trotzdem in den Garten setzte und gevespert hat, kam nach ein paar Minuten die Wirtin heraus, mit gewickelten Beinen und einer Krücke, und setzte sich dazu. Die beiden Frauen unterhielten sich eine Stunde lang höchst angeregt. Zum Schluss meinte die Wirtin, sie würde sie gerne zum Essen einladen, aber wegen Corona ginge das nicht. Also brachte sie ihr von der Gemüsesuppe etwas in den Garten.

Am Tag darauf kam Barbara Mallinckrodt an einem üppigen, mit Blumen geschmückten Haus vorbei. Der 85-jährige Besitzer bot in seinem Garten selbstgepressten Apfelsaft an. Auf meine Frage, ob das Auflesen dieses Jahr nicht sehr mühsam sei, weil die Äpfel doch so klein seien, meinte er, das mache ich gar nichts aus. Er hätte auch keine Probleme beim Ernten seiner „Bücklibohnen“, wie die Buschbohnen in der Schweiz heißen.

Die Faszination für den Jakobsweg ist ungebrochen: Die nächsten Etappen Richtung Genf hat Barbara Mallinckrodt sich schon angeschaut. Wer weiß – schließlich lautet das Motto der Pilger: „Immer weiter“.

Barbara Mallinckrodt wollte es noch einmal wissen: „Kann ich mit meinen jetzt fast 80 Jahren ein Stück Jakobsweg laufen?“ Mit 68 hat sich die pensionierte Grundschullehrerin, die sich auch als Sprachhelferin in der Flüchtlingsarbeit engagiert, erstmals auf den Weg nach Santiago de Compostela gemacht. Von der Haustür in Schorndorf in Richtung Schwarzwald, Vogesen, durch Frankreich, immer in Etappen von zwei bis drei Wochen. Die letzten 800 Kilometer von den Pyrenäen bis Finistère ist sie dann

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