Schorndorf

Nach Unwetter: Mehr Rückhaltebecken, bitte!

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Das Hochwasser in Schwäbisch Gmünd Ende Mai forderte zwei Todesopfer. © Leticia Sprunck
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Wildwasser: Die Rems bei Waldhausen am Sonntagabend. © Habermann / ZVW
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Partnerschaftstreffen MEISSEN und Rems-Murr-Kreis in Winterbach  - RUECKHALTEBECHEN
Staubauwerk an der Rems: Wenn die Flut kommt, senkt sich hier der eiserne Vorhang herab (aufgenommen in Winterbach). Archivbild. © Pavlovic / ZVW

Schorndorf. Am Sonntag, als in Gmünd die Rems brutal über die Ufer trat, hat sich flussabwärts das Hochwasserschutz-Konzept wieder einmal bewährt. Grund zur Entwarnung ist das aber nicht: Wegen des Klimawandels werden wir künftig häufiger mit extremen Wetter-Phänomenen rechnen müssen. Dringend nötig ist es deshalb, weitere Rückhaltebecken entlang dem Fluss zu bauen.

Extrem-Regen

Die Entladung

Szenen spielten sich ab am Sonntagabend in Schwäbisch Gmünd, als hätte ein Katastrophenfilm-Macher Regie geführt: Blaulicht, das sich in Seenlandschaften spiegelte, Autos, die in der Flut trieben; der Bahnhof unter Wasser, die Innenstadt unpassierbar; eine 3,70 Meter hohe Bahnunterführung, bis fast unter die Decke vollgelaufen, verwandelte sich in ein Flussbett. Zeugen mussten entsetzt mit ansehen, wie ein 21-Jähriger von den Wassermassen umgeworfen und in einen Schacht eingesogen wurde. Ein Feuerwehrmann versuchte zu helfen – und verschwand ebenfalls. Am Montagmittag bargen Spezialkräfte die Leichen.

Ein „kreiswirbeliges Tiefdruckgebiet“ mit etwa 200 Kilometern Durchmesser tobte am Sonntag über dem Stuttgarter Raum: Das Unwetter zog nicht weiter, sondern biss sich auf der Stelle fest. Besonders massiv betroffen war Schwäbisch Gmünd, das Nass krachte auf die Stadt herab wie ein Brett, „schlagartiger Extremregen“ entlud sich, sagt Hans-Peter Sieg, technischer Geschäftsführer des Wasserverbandes Rems: 60 Liter pro Quadratmeter und Stunde, „ein Wahnsinn“. Zur Einordnung: Von Starkregen sprechen die Experten ab einer Menge von mehr als 17 Litern. Wikipedia schreibt: Dass „in 30 Minuten 30 Liter auf den Quadratmeter fallen“, sei „in Mitteleuropa relativ selten“. Früher galt die Faustregel: Starker Regen dauert nicht lang, anhaltender Regen nieselt eher schwach. In Gmünd aber schüttete es Stunde um Stunde um Stunde mit Urgewalt.

Und doch blieb die Lage flussabwärts vergleichsweise entspannt. In Schorndorf schwoll der Remspegel zwar zwischenzeitlich auf 3,50 Meter, blieb aber klar unter der kritischen Marke von 4,50. Warum? Hätte die Rems nicht wie eine Woge, eine Lawine das Tal hinabrollen und allerorten über die Ufer treten müssen? Der Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer gibt eine bündige Antwort: „Der vorbeugende Hochwasserschutz hat sich bewährt.“

Wasser-Parkplätze

Ein Konzept bewährt sich

Ein Hochwasserrückhaltebecken – kurz: HRB – ist im Grunde einfach Grünland; unbebaute, von einem Damm umfasste Fläche: ein Wasserparkplatz gewissermaßen. Und als Platzanweiser dient ein eiserner Vorhang: Quer über den Fluss spannt sich ein Staubauwerk – wenn zu viel Wasser kommt, senkt sich ein stählernes Falltor herab, nur noch ein Teil der Flut rauscht unten durch, die oberen Wassermassen werden abgewiesen und kontrolliert zur Seite hinausgeleitet in die Weite. Sinkt der Fluss-Pegel, wird ihm das geparkte Wasser wieder zugeführt.

1998 gründete sich der Wasserverband Rems. Sein Ziel: mit Rückhaltebecken den Fluss zu zähmen. Der damalige Vorsitzende Winfried Kübler warb gegen anfangs zum Teil heftige Widerstände für das Konzept. Zwei dieser Überflutungsflächen haben am Sonntag die Gemeinden westlich von Gmünd vor Schlimmerem bewahrt.

Das HRB beim Reichenhof zwischen Gmünd und Lorch, betriebstüchtig seit 2006, und das HRB bei Lorch-Waldhausen, aufnahmebereit seit 2008, fassen jeweils rund eine Dreiviertelmillion Kubikmeter Wasser. Im einen staute sich am Sonntag die Gischt bis etwa 30 Zentimeter unter die Dammkrone, das andere war „bordvoll“, sagt Wassermanager Sieg. „Die Hochwasserspitze hat grade so reingepasst.“

Das dritte und größte der bislang gebauten Becken, jenes zwischen Weiler und Winterbach, blieb am Sonntag unbefüllt. Es hätte weitere 1,2 Millionen Kubikmeter verkraften können. Diese bereits 2005 eingeweihte Anlage hat ihre große Bewährungsprobe im Jahr 2011 bestanden. Was damals geschah, mutete an wie eine Traumvision: Als habe der Weltenschöpfer aus einer kreativen Laune heraus mit den Fingern geschnipst, räkelte sich dort, wo eben noch nichts als Grün gewesen war, plötzlich, wie hingezaubert, ein See, und als die Nacht hereinbrach, spiegelten sich die Lichter der nahen Häuser glitzernd im Wasser.

Zusammengefasst: Zwei Becken haben am Sonntag gereicht, um alle Kommunen von Lorch bis Waiblingen vor dem Hochwasser zu schützen, das dritte wurde nicht gebraucht. Alles halb so wild also? Moment.

Glück gehabt

Was alles schiefgehen kann

Dass das Remswasser „so extrem rasant ansteigt“ wie am Sonntagabend in Gmünd, hat der Schorndorfer OB Matthias Klopfer noch nie erlebt. Das war keine langsam sich aufschaukelnde, lange sich ankündigende Welle, über Tage hinweg genährt von immer heftiger strudelnden Zuflüssen, typischerweise im Februar oder März, nach der Schneeschmelze – das war eine Sturzflut aus heiterem Himmel. Es ist, wie Hans-Peter Sieg sagt, „alles viel zu schnell gekommen“. In der entscheidenden Phase gegen 20 Uhr zählte deshalb jede Minute. Umgehend ließen die Stauwärter die eisernen Vorhänge runter, alles andere musste warten – danach erst, als bereits die ersten Wogen in die Rückhaltebecken schossen, stellten die Fluss-Bezähmer an den Wegen, die ins Gebiet führen, die Warnschilder auf: „Achtung Hochwasser, Lebensgefahr!“

Und auch wenn die Beflutung der Becken perfekt funktionierte und gegen Mitternacht alles im grünen Bereich schien – eine Stunde später musste sich Sieg doch noch einmal Sorgen machen: Aus Gmünd kam die Meldung, dass der Remspegel, der sich zwischenzeitlich stabilisiert hatte, erneut zu steigen beginne. Hätte der Himmel nun den Hahn noch mal mit voller Wucht aufgedreht, „hätten wir ein Problem gehabt“. Erst gegen zwei Uhr morgens gab es endgültig Entwarnung. Die Rems toste von Gmünd her mit kontrolliertem Schub, beim Blick auf Radaraufnahmen sah Sieg ein „aufgelockertes Wolkenbild“. Durchatmen. „Wir haben einfach Glück gehabt, das muss man sehen.“

Diverse günstige Umstände kamen am Sonntag zusammen. Erstens: Die Wieslauf schäumte nicht besonders gewaltig – wäre aus dem Seitental ein weiterer brachialer Schwall gekommen, hätten die Schorndorfer bangen müssen. Zweitens: Keine entwurzelten Baumstämme trieben flussabwärts. Wenn sich solche Trümmer an einem der Staubauwerke verklemmen, kann es passieren, dass der eiserne Vorhang nicht mehr vernünftig steuerbar ist.

In so einer Nacht „kann viel passieren“, sagt Sieg. „Ich bin jedes Mal froh, wenn der Pegel fällt.“

Klimawandel

„So was kommt künftig öfters“

Das Rückhalte-Konzept hat sich wieder einmal bewährt – und doch bietet das Ereignis vom Sonntag keinerlei Anlass, sich in Sicherheit zu wiegen. Im Gegenteil: Dies war eine dringliche Warnung. Um ein wirklich monumentales Hochwasser, wie es etwa alle hundert Jahre vorkommt, zu meistern, reicht die derzeitige Parkplatz-Fläche beim Reichenhof, in Waldhausen und Winterbach nicht aus. „Wir haben nur die Hälfte des benötigten Stauvolumens“, sagt Sieg, „wir müssen noch einige Becken bauen.“

Immerhin, die Weichen sind gestellt: Im Frühjahr 2017 soll Baubeginn sein für das lange umstrittene Becken bei Plüderhausen. Der Wasserverband hat „einige Planänderungen“ vorgenommen, um den anfänglichen Unmut der Plüderhäuser zu befrieden, die Zusammenarbeit klappe jetzt „wunderbar, wir sind auf einem gemeinsamen Weg“. Das nächste Projekt auf der Dringlichkeitsliste wäre dann das zwischen Urbach und Schorndorf. Hier hakt es derzeit noch wegen diverser Naturschutzbedenken. Vollendet ist das Konzept erst, wenn auch noch die beiden „Flutpolder“ Winterbach Nord und Weinstadt Süd eingerichtet sind – eingedeichte Bereiche, die als landwirtschaftliche Fläche nutzbar bleiben, aber in allerhöchster Not befüllt werden können.

All das ist notwendig, Sieg lässt da nicht den geringsten Zweifel. Denn die Regel, dass starke Regenfälle sich nur kurz austoben, gilt als Auslaufmodell. Ein Sommergewitter dauert nur eine halbe Stunde? Darauf können wir uns nicht mehr verlassen. Ein stundenlanges Tosen wie in Gmünd „hat es früher in der Form nicht gegeben bei uns“ – aber der Klimawandel breche sich Bahn: „Ich kann Ihnen garantieren, dass so was künftig öfter vorkommt.“

Kübelweise

Ohne irgendjemandem Angst machen zu wollen – die 60 Liter pro Quadratmeter und Stunde, die auf Gmünd herniedergingen, sind im internationalen Maßstab noch bei weitem nicht der Gipfel. Im Juli 1975 fielen in Shangdi, China, binnen 60 Minuten 400 Liter, und im November 1970 auf Guadeloupe 38 Liter – pro Minute. Alles weit weg? Das geht uns gar nichts an? Nun ja. Juni 2011, Hamburg: 80 Liter pro Quadratmeter innerhalb von 45 Minuten. Juli 2014, Münster: Fast 300 Liter pro Quadratmeter binnen sieben Stunden. Extreme Wetter-Phänomene gibt es nur in fernen Ländern? Von dieser bequemen Sicht müssen wir uns wohl verabschieden.