Schorndorf

Nachbar teilt mit Eisenstange aus

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Als der Angeklagte seine Version der Ereignisse schildert, fragt man sich, warum er auf der Anklagebank sitzt. Zwei Schläger hätten ihn abgepasst, bedroht und geschlagen! Er habe sich gewehrt. Als dann aber die Zeugen loslegen, ändert sich dieser Eindruck. Und dann gibt eine Polizistin den entscheidenden Hinweis. 16 Monate, heißt es am Ende. Ohne Bewährung.

Das Urteil nimmt der Mittfünfziger, geboren in Waiblingen, erstaunlich gelassen hin. Der drahtige Deutsche wirkt auch nicht wie jemand, der sich seit Jahren einen erbitterten Nachbarschaftsstreit mit seinem Pächter liefert. Die beiden liegen derartig miteinander im Clinch, dass sie nicht einmal mehr ihr Pachtverhältnis beenden können, denn es geht um Schadensersatzforderungen. Wegen des letzten Vorfalls, einer zertrümmerten Lkw-Scheibe, sitzt der Angeklagte mal wieder vor Richterin Petra Freier im Amtsgericht. Er und sein Nachbar klagen sich gerne mal an. Dieses Mal mit drastischen Folgen für den Angeklagten.

Wegen Sachbeschädigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung fordert die Staatsanwältin ein Jahr und acht Monate ohne Bewährung. Weil der Deutsche im Sommer 2015 wohl mit der Eisenstange zuschlug, erst auf die Scheibe eines Lkws, dann auch noch ins Gesicht eines beauftragten Objektschützers, und diese zweifache Untat durchführte, obwohl er 2014 letztmalig auf Bewährung verurteilt worden war, fiel die Strafe recht deutlich aus. Dabei hatte Petra Freier den beiden Streithähnen schon beim letzten Mal „mit Engelszungen“ die Leviten gelesen und gehofft, die beiden Mittfünfziger würden sich mäßigen. Ohne Erfolg.

Angeklagter sieht sich als Opfer

Der Angeklagte, der einen Job hat, schildert seine Version des Vorfalls. Er wollte eines Abends mit dem Rad einkaufen fahren. Dann kamen ihm auf dem Gelände, das er seinem Kontrahenten verpachtet hat, zwei Männer entgegen, die ihn vom Rad zerrten und nicht gerade liebevoll ins Gebäude schleiften. Er kassierte Schläge, teilte aber auch aus, aus Notwehr, wie er sagt, schließlich habe man ihm die Freiheit rauben wollen. Er versuchte zu fliehen. Dabei ging einiges zu Bruch. Die beiden Männer überwältigten ihn erneut. Die Polizei kam. Der Mann betont, er habe weder die Scheibe des Lkws zertrümmert noch mit einer Eisenstange auf einen der Männer eingeschlagen. Er sieht sich als Opfer. Weil er so normal wirkt, ist man geneigt, ihm zu glauben.

Noch. Denn dann schildern die beiden Männer nacheinander ihre Version der Geschichte. Die klingt völlig anders. Weil sich Pächter und Verpächter immer wieder beharken und der Pächter dem Verpächter vorwirft, ständig bei ihm Scheiben einzuschlagen und zu randalieren, engagierte er zwei Sicherheitskräfte, die aufpassen und den Täter bestenfalls auf frischer Tat ertappen sollten. Eines Samstags war es so weit. Ein Knall ertönte, schildert der erste Zeuge. Er rannte raus, sah einen Unbekannten mit Eisenstange am Lkw hantieren, rief und nahm die Verfolgung auf. Der Mann mit der Stange drehte sich um und verpasste ihm eine ins Gesicht. Er überwältigte den Angeklagten, spätestens als auch der zweite Objektschützer dazustieß. Sie hielten ihn fest. Warum? Der Zeuge schildert: Sie hätten den Angeklagten auf frischer Tat ertappt und er wollte sich nicht ausweisen. Daher habe Fluchtgefahr bestanden. Sie riefen den Pächter. Der kam und rief die Polizei. Die kam vorbei, ermittelte, machte Fotos von den Verletzten, vor allem vom ersten Zeugen, aber auch dem Angeklagten, und der Verwüstung im Gebäude. Eine Polizistin sagt nun als Zeugin aus. Und das bringt den Anwalt des Angeklagten ins Schwitzen.

Als sie und ihr Kollege mit dem Streifenwagen eintrafen, sahen sie zwei ramponierte Männer, den Angeklagten und den Security-Mann, den zweiten Objektschützer und den Pächter. Der Angeklagte, er lag unsanft und unschädlich auf dem Boden, schien nicht unglücklich zu sein, hoffte er doch, dass die Polizei für ihn zum Freund und Helfer werden würde. Er schilderte ihr seine Version, man hätte ihn entführt und geschlagen. Die anderen drei Männer, auch der Pächter sagt aus, sehen den Vorfall bekanntlich ganz anders. Richterin Freier hakt nach. Wo stand das Fahrrad des Angeklagten? Der hatte geschildert, die Männer hätten es in den Graben geschleudert und später an eine Wand gelegt. Ein Fahrrad? Die Polizistin kann sich lediglich an ein Rad erinnern, das ordnungsgemäß am Haus des Angeklagten im Fahrradständer stand. Genüsslich zerlegt der Rechtsanwalt der Nebenklage diesen Umstand. Es sei höchst unwahrscheinlich, also in seinen Worten ausgeschlossen, dass der Angeklagte oder gar die Sicherheitsleute in der „James-Bond-ähnlichen“ Verwüstung Zeit und Muße gefunden hätten, ein Fahrrad zu parken.

Das sieht Richterin Petra Freier ähnlich. Die Aussagen der beiden Objektschützer hält sie, genau wie die Staatsanwältin, für glaubwürdig. Die Verletzungen des Sicherheitsmannes, der erst mit der Eisenstange und im Gebäude noch mal von einer anderen Metallstange getroffen wurde, seien dokumentiert worden. Sie sieht es als erwiesen an, dass der Angeklagte den Security-Mann brutal mit der Eisenstange im Gesicht getroffen hatte. Auch der Schaden am Lkw wurde festgehalten. Sie betont, das weiß sie von vorherigen Verfahren mit den beiden Streithähnen, dass der Angeklagte das Gelände seines Pächters nicht betreten durfte. Hier könne man von Hausfriedensbruch sprechen, denn Freier ist sich sicher, dass der Angeklagte auch den Spiegel des Lkws zerstört hat. Da der Angeklagte kein unbeschriebenes Blatt ist und bereits viermal einschlägig vorbestraft ist, fällt sie das Urteil: ein Jahr und vier Monate.

Der Angeklagte wusste doch, was einem droht, wenn man während einer laufenden Bewährung die nächste Straftat begeht. Doch der Angeklagte habe weitergemacht wie bisher, hält Richterin Petra Freier ihm vor. Der Mittfünfziger nimmt das Urteil recht stoisch hin. Die Verteidigungsstrategie seines Anwalts führte nicht zum Erfolg. Der pochte darauf, dass die Sicherheitsleute seinen Mandaten widerrechtlich festgehalten hatten. Dieser habe sich aus Notwehr gewehrt. Eigentlich müssten die Sicherheitsleute auf der Anklagebank sitzen. Wegen Freiheitsberaubung.