Schorndorf

Neue Ausstellung von Hartmut Renner und Barbara Lörz in der Q-Galerie Schorndorf

Meeting in Paper
Barbara Lörz und Hartmut Renner im Lichthof der Ausstellung „Meeting in Paper“ in der Q-Galerie für Kunst. © Benjamin Büttner

Kann abstrahierende Kunst überhaupt ein gesellschaftliches Thema haben? Haben wir denn in Zeiten inflationär geposteter Selfies noch ein eigenes Gesicht? Fragen, mit denen man sich aufs Sinnlichste in der neuen Ausstellung in der Q-Galerie für Kunst auseinandersetzen kann. Zu sehen sind unter dem Titel „Meeting in Paper“ Arbeiten des Schorndorfer Architekten und Künstlers Hartmut Renner und der von ihm als Gast eingeladenen Papierkünstlerin Barbara Lörz aus Stuttgart.

In den Raum entblätterte Papier-Poesien

Durchaus erotisch scheinen manche der Papierarbeiten von Lörz zu quellen, zu blühen, sich zum Objekt, zum Gespinst, als Relief von der Fläche in den Raum zu entblättern. Hin zu einer filigranen, verletzlichen, vielleicht sogar vergänglichen Körperlichkeit im Raum.

Arbeiten, bei denen man sich fragen kann, wie weit diese selbstbewussten, aber sich auch provozierend schutzlos präsentierenden Papiergeflechte als genuin weiblich zu verstehen wären. In vier Werkgruppen der Künstlerin wird darauf der Blick in dieser Ausstellung angeboten.

Dass sich Papier von seiner bloß unterwürfigen Funktion als Trägermaterial der Zeichnung oder diverser Druckverfahren emanzipiert hat und selbst zum geradezu aufmüpfigen Gestaltungsmaterial wurde, gehört erst seit knapp 100 Jahren zur Kunstgeschichte, zu der auch die faszinierenden Form- und Bildfindungen von Barbara Lörz gehören, die aus selbst geschöpften Papieren oder Papierabfällen Werke schafft, die die Malerei in eine dritte Dimension überschreiten.

Zu sehen sind Papier-Poesien von ganz eigener Schönheit. Keinesfalls gefällig oder nur dekorativ. Denn Barbara Lörz ist etwas eher Seltenes gelungen, was man konkrete Abstraktion nennen könnte. Sie widmet sich unserem Umgang mit dem, wie dieses Jahr besonders zu spüren, nur vermeintlich immer verfügbaren Element Wasser. Oder den ästhetischen Zurichtungen von Weiblichkeit etwa in dem „Frauenkabinett“ genannten Ensemble mehrerer Objekte im Lichthof der Galerie.

Ein niedliches Horror-Stübchen, in dem gespenstisch Mieder und Kleidchen teils aus Bananenblattpapier herabhängen, putzige Hütchen auf Sockeln drapiert liegen. Ein Leichenschauhaus ausgetrockneter Männerfantasien nicht ohne poetische Subversion: Die Frauenhülsen scheinen der sie versteinernden patriarchalen Projektion auf und davon zu flattern. Zurück bleibt das Nachbild ausgedienter Leichentücher, Museumsstücke aus der – längst nicht – vergangenen Kolonialzeit der Geschlechter.

Das verfällt nun aber nicht ins plakativ Anklagende, sondern findet die Nähe zu uns verstrickenden Traum-Bildern, in denen Abwehr und Begehren zugleich Gestalt annehmen. Auf den Blättern „Aus der Tiefe I und II“ tauchen wir in lichterndes Blau-Geschiller ein, so lockend wie sich in unbestimmte Räume entziehend.

Wir ahnen Undinen-Geheimnisse, die bewahrt werden wollen.

Vom Porträt zum Gesicht und Selfie

Um Rätsel zentrieren sich auch die Arbeiten von Hartmut Renner. „Ein Zeichen sind wir, deutungslos“, sagt Hölderlin im Gedicht „Mnemosyne“. Wer sind wir? Diese Frage treibt Renner um. Es geht ihm dabei, wie er sagt, um die „Ordnung der Identität“. Deren prominenter Schauplatz war besonders in der Malerei seit der Renaissance das Porträt. Eine revolutionäre (bürgerliche) Anmaßung, die das (religiöse) Heiligenbild verdrängte, deren Nimbus aber übernahm.

Doch Renner spricht lieber vom „Gesicht“. Maske, Persona, Porträt und neuerdings das milliardenfach von jederfrau und jedermann gepostete Selfie; dazu digitale Gesichtserkennungstechniken im überwachten öffentlichen Raum. „Wenn ich dich so anschau, ist mir alles andre egal!“ Na, nicht wirklich.

Die in der Ausstellung zu sehenden Gesichtserkundungen Hartmut Renners sind in einer bedrohlich aktuellen, sowohl ästhetischen wie politischen Diskussion eingebettet. Alle wollen irgendwie identisch sein, niemand aber will identifiziert werden! Man meint, diese Zerrissenheit den Gesichtern Renners ablesen zu können. Seine Köpfe sind verstörend von den sie tragenden Körpern getrennt. Seltsame Ent-Hauptungen. Gesichter mit einer gipsernen, totenmaskenähnlichen Fahlheit, aus der alle Lebensfarben ausgetrieben sind. „Wann bin ich ich selbst?“ fragt Hartmut Renner. Die Bild-Antworten, die der Künstler gibt, zeigen eine beunruhigende Krise der Frage nach Individuum und Identität an. Betrifft uns alle.

Info

Die Ausstellung ist bis zum 6. November 2022 in der Q-Galerie für Kunst, Karlstraße 19 zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr. Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr. Es gibt ein Begleitprogramm.

Kann abstrahierende Kunst überhaupt ein gesellschaftliches Thema haben? Haben wir denn in Zeiten inflationär geposteter Selfies noch ein eigenes Gesicht? Fragen, mit denen man sich aufs Sinnlichste in der neuen Ausstellung in der Q-Galerie für Kunst auseinandersetzen kann. Zu sehen sind unter dem Titel „Meeting in Paper“ Arbeiten des Schorndorfer Architekten und Künstlers Hartmut Renner und der von ihm als Gast eingeladenen Papierkünstlerin Barbara Lörz aus Stuttgart.

In den Raum

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