Schorndorf

Neue Wohnungen im Stadtzentrum

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Balken aus dem 17. Jahrhundert werden aktuell aus dem Haus an der Johann-Philipp-Palm-Straße herausgelöst. © ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf.
Der Wind pfeift inzwischen rau durchs angeknabberte Gebälk. Das alte Fachwerkhaus an der Johann-Philipp-Palm-Straße 22 wird derzeit abgerissen. Der Eigentümer erklärt: „Wir machen da schon lang dran rum.“ Allerdings hätten die vielen Auflagen den Sanierungsprozess immer wieder herausgezögert. Gekauft hatte einst sein Großvater Reinhold Bürkle das Haus, dann ging’s an dessen Sohn Ulrich Bürkle über. Nach einer Sanierung des Kellers und des Erdgeschosses mit Stahlbeton waren ab den 1966er-Jahren die unteren Räume sowie das erste Obergeschoss als Geschäftsräume vermietet.

Pfarrtöchter unterm Dach, Auto im Schaufenster

Das Möbelhaus Bürkle residierte hier etliche Jahre, später beherbergte das Haus Schuhhändler, in jüngster Zeit verkaufte der Einzelhändler „Ernstings Family“ im Erdgeschoss Kinder- und Damenmode. Die oberen Etagen des alten Fachwerkhauses standen leer. Die Substanz war für Wohnungen nicht ausreichend, nicht einmal Sanitärräume waren vorhanden. Zuletzt war das Gebäude in die Schlagzeilen geraten, als ein Auto ins Schaufenster gekracht war. „Das war tatsächlich der Auslöser, die Sanierung neu anzupacken“, berichtet Ingenieur Bürkle, der mit seinem Bauplanungsbüro den Neubau selbst im Blick hat.

In Zukunft soll das Potenzial des Gebäudes bis unters Dach ausgeschöpft werden. Schließlich ist die zentrale Lage perfekt. Unten sollen wieder Geschäftsräume entstehen, in den oberen Etagen sind insgesamt sechs Wohnungen geplant. Dafür wird das Haus zunächst abgerissen, das sanierte Erdgeschoss und der Keller bleiben erhalten, beziehungsweise werden in den Rohbauzustand zurückversetzt. Die alten Hölzer des Fachwerks müssen entsprechend der Baugenehmigung entsorgt werden. Anschließend wird das Haus in moderner Bauweise neu aufgerichtet, die Fassade neu gestaltet. „Ernsting’s Family“ soll zum Weihnachtsgeschäft bereits wieder einziehen. Die Fertigstellung der Wohnungen wird wohl bis Frühjahr dauern.

Etliche Vorgaben für stadtbildprägende Gebäude

Besondere Schnörkel am Bau sind keine geplant. Wegen seiner zentralen Lage ist das Gebäude durchaus stadtbildprägend, da greifen etliche Vorgaben. Ein Satteldach ist vorgeschrieben, die Abstände zum Nachbargrundstück sind gesetzt. Autostellplätze gibt’s im Künkelin-Parkhaus, Spielgelegenheiten sind wegen der Innenstadtlage nicht vorgeschrieben.

Eine bewegte und vor allen Dingen langjährige Geschichte hat das Haus seit seiner Entstehung durchlebt. Gabriela Uhde von der Frauengeschichtswerkstatt und Nachbarin des Gebäudes hat in Horst Vogts Buch „Großgeworden am Schloss und Ochsenberg“ entdeckt, dass das Gebäude in den Einwohnerbüchern von 1897 und 1904 die Nummer 335 trug. Was diese Zahl zu sagen hat? In jenen Verzeichnissen wurden die Häuser entsprechend ihrer Entstehungsreihenfolge nummeriert. Demzufolge muss das Haus etwa um 1500 herum errichtet worden sein. Allerdings – von dem ursprünglichen Bau dürfte nichts mehr erhalten sein. Beim Schorndorfer Stadtbrand 1634 muss es bis auf die gemauerten Fundamente abgebrannt sein. Also dürfte das Fachwerk, das aktuell abgetragen wird, aus den Jahren danach stammen. Und der historische Keller war ja bereits in den 1960er-Jahren saniert worden.

1833 aber war Marie Schmied, geborene Vreede, mit ihrem frisch angetrauten Mann, einem Rechtskonsulenten, in jenes Haus an der damaligen Hauptstraße 22, heute Johann-Philipp-Palm-Straße eingezogen. Ihr Sohn starb, bevor er ein Jahr alt wurde, die Tochter wurde 1836 geboren. Drei Jahre später starb ihr Mann. Marie Schmid galt als tiefreligiös und besprach mit ihrer Tochter Predigten. Allerdings – in die Gottesdienste, die Dekan Pressel damals hielt, ging sie nicht. Sie las lieber gemeinsam mit Verwandten im Wald eine Predigt. Nachdem ihre Tochter mit 46 Jahren starb, hatte Marie Schmid keine Nachkommen mehr und verfügte, dass das Haus nach ihrem Tod als Pfarrtöchterheim dienen sollte, heißt es im Begleitbauch zum Stadtrundgang der Schorndorfer Frauengeschichtswerkstatt.

Pfarrtöchterheime sollten würdigen Lebensabend ermöglichen

Die ältesten Pfarrtöchter heirateten nämlich früher nicht. Sie waren zunächst zusammen mit der Mutter für die Pflege und Erziehung der jüngeren Geschwister sowie für den Haushalt zuständig, später auch für die Pflege der Eltern. Da sie selbst keine Kinder hatten, waren sie im Alter von ihren Geschwistern abhängig. Pfarrtöchterheime sollten den Frauen einen würdigen Lebensabend ermöglichen.

Also wurde 1901 an der ehemaligen Hauptstraße 22 Platz für zehn bis zwölf Stiftsfräulein geschaffen. Mit Planung und Ausführung wurde Stadtbaumeister a.D. Maier, der Vater Reinhold Maiers, beauftragt. Er schuf laut Archivunterlagen eine moderne Heimstatt mit neun Einzelzimmern. Pro Stockwerk gab’s eine Toilette mit "Aqua- Spülapparaten" und eine Teeküche, ein Bad mit Brauseeinrichtung, sogar eine zentrale Warmwasserheizung.

Weil aber der Bedarf an Pfarrtöchterunterkünften viel größer war, wurde 1914 ein größerer Neubau an der Schlichtener Straße bezogen. In dem heutigen Haus Röder wohnten umgeben von einem herrlichen Garten damals 20 Frauen. 1995 wurde das heutige Marienstift an der Johann-Philipp-Palm-Straße 44 bezogen – inzwischen als gemischtes Altenheim mit 60 Plätzen, zuzüglich der Plätze für betreutes Wohnen.

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Der Wind pfeift inzwischen rau durchs angeknabberte Gebälk. Das alte Fachwerkhaus an der Johann-Philipp-Palm-Straße 22 wird derzeit abgerissen. Der Eigentümer erklärt: „Wir machen da schon lang dran rum.“ Allerdings hätten die vielen Auflagen den Sanierungsprozess immer wieder herausgezögert. Gekauft hatte einst sein Großvater Reinhold Bürkle das Haus, dann ging’s an dessen Sohn Ulrich Bürkle über. Nach einer Sanierung des Kellers und

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