Schorndorf

Neues Angebot für Analphabeten in Schorndorf: Lesen üben im Café

Alpha-Cafe
Ansprechpartnerinnen für das Projekt: Sabine Daunderer (zuständig für den Bereich Armutsprävention) und Annika Roth (rechts) vom Fachbereich Sozialplanung und Bürgerschaftliches Engagement (Familie und Soziales). © Gabriel Habermann

Laut der Unesco-Kommission gibt es weltweit mehr als 773 Millionen Analphabeten. Etwa 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht gut lesen und schreiben. „In Schorndorf sind es rund 3000 Menschen, die gar nicht lesen oder schreiben können oder eine Schwäche darin haben“, ergänzt Annika Roth vom Schorndorfer Fachbereich Sozialplanung und Bürgerschaftliches Engagement. Sie leitet federführend das neue Projekt „Lesen üben im Café“, das am 7. September im Familienzentrum startet – passend zum Welttag der Alphabetisierung einen Tag später am 8. September. Unterstützt wird Annika Roth von Sabine Daunderer. Sie ist hauptsächlich für den Bereich Armutsprävention zuständig.

Nicht gut schreiben, lesen oder rechnen können ist für Betroffene eine ständige Herausforderung und oft mit Scham besetzt. „Uns ist es ein Anliegen, Erwachsene mit niedrigen Schrift- und Sprachkompetenzen zu erreichen und sie zu motivieren“, erläutert Daunderer. Dabei solle es nicht um das „Vermitteln trockenen Lehrstoffs“ gehen, oder um das „stupide Lernen eines Textes“, so Roth. Sondern vielmehr darum, in der Praxis lebensorientiert zu lernen. „Beispielsweise werden wir im Café vielleicht auch mal was backen, dann müssen wir das Rezept lesen, oder wir gehen in den Supermarkt einkaufen und vergleichen die Preise“, führt Annika Roth aus. Wichtig sei dem Team, dass die Menschen Spaß an der Sache haben und das „Klima im Café“ gut ist.

Nicht einfach, die Zielgruppe zu erreichen

Viele Betroffene haben Hemmungen, klassische Lernangebote, wie zum Beispiel Volkshochschulkurse, zu besuchen. Sabine Daunderer: „Unsere Angebote sollen die Menschen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld abholen.“

Im Rahmen einer Kooperation mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung den vom BMFSFJ geförderten Mehrgenerationenhäusern finanzielle Mittel bereit für Angebote, die zur Förderung der Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen Erwachsener beitragen. So auch für das Mehrgenerationenhaus Schorndorf.

„Mit dem Angebot der Ausfüllhilfe haben wir schon ein Projekt, das vom Bund gefördert wird“, so Simone Halle-Bosch von der Sachgebietsleitung Familie und Prävention und Leiterin des Familienzentrums und Koordinatorin Mehrgenerationenhaus.

Nun wolle man mit dem Angebot des „Alpha-Cafés“ eine weitere Unterstützung anbieten. Dass man sich da einer Herausforderung stellt, dessen sind sich Annika Roth und Sabine Daunderer bewusst: „Es ist nicht einfach, die Zielgruppe zu erreichen, weil sich die Betroffenen oft schämen und jegliche Ausreden parat haben, wenn es darum geht, ihr Handicap zu verbergen.“ Dabei kämen eine ausgeprägte Kreativität und Trickserei zum Tragen, ergänzt Roth.

Oftmals eine vielfältige Problematik

Eine Lese- und/oder Schreibschwäche hat nichts mit mangelnder Disziplin oder Schlamperei zu tun. Manchmal stecke viel mehr dahinter, sagt Daunderer: „Die Problematik ist oft vielfältig.“ Sei es, dass es Probleme im familiären Umfeld oder soziale Schwierigkeiten gibt. „Auch da wollen wir unterstützen. Wir sind gut vernetzt und können dann auch weiter Hilfestellungen anbieten oder weitervermitteln.“

Beachtlich sei die Zahl – rund 60 Prozent – der Betroffenen, die mit einer Lese- und/oder Schreibschwäche in einem festen Arbeitsverhältnis stehen. „Viele haben beispielsweise Hochschulabschlüsse oder studieren – das ist oft kaum vorstellbar, wie sie dadurch kommen, ohne richtig schreiben zu können. „Auch das überschreitet ein gewisses Klischeedenken“, sagt Annika Roth.

Sabine Daunderer weist auf den Gleichstellungsgedanken, der ihr am Herzen liegt, und auf das Grundsatzpapier zur Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung (2016-2026) hin: „Bildung ist so ein wichtiges Element. Wir wollen im Bereich Alphabetisierung die Kompetenzen verbessern und die Öffentlichkeitsarbeit zudem verstärken.“ Annika Roth ergänzt: „Deshalb werden wir, bevor das Alpha-Café Anfang September startet, auch auf dem Wochenmarkt einen Stand haben und auf unser Angebot und das Thema aufmerksam machen.“

Außerdem haben die beiden engagierten Damen in der Stadt viele Flyer verteilt und beispielsweise in Apotheken, Banken, Arbeitsagenturen oder Kirchen ausgelegt, um auf das Angebot „Lesen im Café“ aufmerksam zu machen. „Wir suchen außerdem Ehrenamtliche, die uns bei dem Projekt unterstützen und sich der Betroffenen annehmen“, so Annika Roth. Was das „Alpha-Café“ angeht, hofft Annika Roth, dass Betroffene das Angebot wahrnehmen und ihre Scham überwinden.

Kontakt übers Familienzentrum

Lesen, Schreiben und Rechnen üben im Café – mittwochs 15 bis 17 Uhr (kostenlos). Davor wird ein günstiges Mittagessen angeboten. Gerne einfach vorbeikommen. Wer Fragen hat, darf sich mit Annika Roth vom Familienzentrum (Karlstraße 19; Telefonnummer 0 71 81/88 77 00) in Verbindung setzen oder sich an Sabine Daunderer wenden (Mail: Sabine.Daunderer@schorndorf.de).

Laut der Unesco-Kommission gibt es weltweit mehr als 773 Millionen Analphabeten. Etwa 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht gut lesen und schreiben. „In Schorndorf sind es rund 3000 Menschen, die gar nicht lesen oder schreiben können oder eine Schwäche darin haben“, ergänzt Annika Roth vom Schorndorfer Fachbereich Sozialplanung und Bürgerschaftliches Engagement. Sie leitet federführend das neue Projekt „Lesen üben im Café“, das am 7. September im Familienzentrum startet –

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