Schorndorf

Neues Medizinkonzept: Schorndorfer sind schon überzeugt

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Sie standen interessierten Bürgern im Gesundheitszentrum Rede und Antwort: Klinikengeschäftsführer Dr. Marc Nickel, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Kliniken, Landrat Dr. Richard Sigel, Thomas Böttcher und Claudia Bauer-Rabe, die Klinikleiter aus Schorndorf und Winnenden, Chefarzt der Schorndorfer Chirurgie Dr. Christoph Ulmer, Ärztlicher Direktor Prof. Dr. Ralf Rauch sowie die Pflegedienstleiter Matthias Haller und Nina Dölitzsch (von links). © Habermann / ZVW

Schorndorf. 14 Monate lang haben die Rems-Murr-Kliniken um eine zukunftsfähige Medizinkonzeption gerungen. Keine einfache Zeit vor allem für Schorndorf: Mittlerweile scheint die Schließung des Krankenhauses abgewendet. Am Montagabend haben Klinikleitung, Landrat und eine ganze Riege von Chefärzten im Gesundheitszentrum Werbung bei den Schorndorfern gemacht. Doch die waren von ihrem Krankenhaus sowieso schon immer überzeugt.

Der Kreistag und das Sozialministerium müssen der Medizinkonzeption noch zustimmen, aber es müssen vor allem auch die Patienten überzeugt sein, dass die Rems-Murr-Kliniken an den Standorten Winnenden und Schorndorf nicht nur eine Grund- und Regelversorgung bieten, sondern erstklassige Spitzenmedizin. Dies zu vermitteln, dafür haben die Rems-Murr-Kliniken seit Ende März zu insgesamt vier Bürgerinformationsveranstaltungen eingeladen. Nach zurückhaltender Resonanz in Winnenden und vor allem in Waiblingen, war das Interesse in Schorndorf am Montagabend rekordverdächtig. Für Dr. Jürgen Nothwang, Chefarzt der Unfallchirurgie und Orthopädie in Schorndorf, Ausdruck des familiären Charakters des Krankenhauses, das vor einem Jahr noch akut von der Schließung bedroht war.

Konzeption medizinisch und wirtschaftlich am sinnvollsten

Die scheint jetzt abgewendet. Im März konnten die Rems-Murr-Kliniken mit dieser Botschaft an die Öffentlichkeit gehen: Beide Standorte sollen erhalten bleiben; das Klinikum in Winnenden soll mit 100 Betten zusätzlich ausgestattet, das Schorndorfer Krankenhaus für 60 Millionen Euro saniert werden – und: Die Zusammenarbeit der beiden Krankenhäuser wird klar geregelt, die medizinischen Schwerpunkte definiert. Eine Konzeption, von der Geschäftsführer Dr. Marc Nickel, Landrat Dr. Richard Sigel und die am Prozess beteiligten Chefärzte und Klinikleiter überzeugt sind: Sie ist wirtschaftlich und medizinisch am sinnvollsten. Immerhin soll sie helfen, das jährliche Defizit von derzeit 26 Millionen Euro bis 2024 auf 5,5 Millionen Euro zu verringern. Und: Klinikengeschäftsführer Dr. Marc Nickel will den Marktanteil von derzeit 50 Prozent auf 60 Prozent steigern.

Statt Dampfplauderei: Konservative Rechnung

Realistische Ziele? Ebbe Kögel, Gemeinderat aus Kernen, ist davon nicht ganz überzeugt. In seiner Wortmeldung erinnerte er daran, dass Nickels Vorgänger dem Kreisrat einst sogar schwarze Zahlen versprochen hatte. Als „Dampfplauderer“ will Klinikengeschäftsführer Nickel natürlich nicht wahrgenommen werden: „Das, was wir bisher angekündigt haben, haben wir auch erreicht.“ Mittlerweile müssten die Investitionen stufenweise vom Kreistag gebilligt werden – „das war früher anders“. Nickel betonte außerdem: „Wir haben sehr konservativ gerechnet“ – und sich die Konzeption zur eigenen Absicherung von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft absegnen lassen. Und er bleibt offen: Dass sich mit dem Klinikum Geld verdienen lasse, „davon sind wir noch weit entfernt“. Das Ziel sei, den Landkreis so wenig wie möglich zu belasten. Mit den Schwarze-Null-Ergebnissen privater Kliniken könne man ein Krankenhaus unter Trägerschaft des Landkreises und mit kommunalem Versorgungsauftrag nicht vergleichen. Überhaupt: Dass hier beide Kliniken getragen werden und Entwicklungschancen bekommen sollen, das ist für Nickel nicht selbstverständlich, „sondern ein enormes Entgegenkommen“. Dass in der GmbH-Struktur, wie von Kögel beklagt, aber vieles im Geheimen verhandelt werde und am Ende niemand hafte, widersprach Nickel eindeutig: In den Prozessen sei wesentlich mehr Offenheit und Transparenz als früher. Und: Stimmen die Zahlen nicht, „muss ich als Geschäftsführer die Hacken zusammenschlagen.“

Lehren aus der Vergangenheit ziehen

Auch Landrat Dr. Richard Sigel betonte, dass es den Verantwortlichen wichtig war, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen: „Wir haben versucht, die offenen Fragen zu beantworten.“ Vor allem, so Sigel weiter, sei es ihm darum gegangen, von Anfang an sachlich und ohne politische Festlegungen zu diskutieren: „Niemandem wurde im Vorfeld etwas versprochen.“

Arbeitstreffen der Chefärzte, um gemeinsame Visionen zu entwickeln

Und die Stimmung unter den Chefärzten? Alles Friede, Freude, Eierkuchen – nachdem vor einem Jahr zwölf Winnender Chefärzte in einem offenen Brief die Zukunft des sanierungsbedürftigen Schorndorfer Krankenhauses angezweifelt und damit einen Eklat ausgelöst hatten. Ebbe Kögel wunderte sich: „Hat man euch zusammen auf ein Schiff gesteckt?“ Mag Ärztlichem Direktor Prof. Dr. Ralf Rauch das Arbeiten in den Rems-Murr-Kliniken schon „wie auf dem Traumschiff“ vorkommen, Dr. Christoph Ulmer, Chefarzt der chirurgischen Klinik in Schorndorf, schreibt einen großen Effekt den insgesamt sieben Arbeitstreffen zu, in dem die Chefärzte gemeinsam Visionen entwickeln konnten und über der Aufgabe brüteten, wohin die Reise gehen soll: „Was können wir hüben, was drüben und was können wir gemeinsam?“ Ausdruck dieses neues Geistes ist für CDU-Fraktionsvorsitzenden Ulrich Scheurer aus Plüderhausen, der in seiner Wortmeldung die eingekehrte Ruhe lobte, schon allein die Tatsache, „dass die Chefärzte alle hier stehen“.

In der Pflege besser werden

Auch in der Pflege wollen die Rems-Murr-Kliniken besser werden: „Wir dünnen das Personal nicht künstlich aus“, versicherte Nickel und betonte, dass auch der Betriebsrat an der Entwicklung der Medizinkonzeption beteiligt gewesen sei. Im vergangenen Jahr seien 100 zusätzliche Pflegekräfte eingestellt worden. Zudem, erklärte die Schorndorfer Pflegedienstleiterin Nina Dölitzsch, sollen regelmäßige Teambesprechungen sowie Pflegeassistenten etwa bei der Essensausgabe Entlastung bringen – damit examinierten Pflegekräfte auch weiterhin in der Lage sind, Patienten freundlich und empathisch zu behandeln. Freilich: Die Erwartungshaltung der Patienten, merkte Nickel an, habe sich mittlerweile massiv verändert. Und auch für die von Lisa Walter, FDP-Bundestagskandidatin im Wahlkreis Waiblingen, angesprochene Hebammennot, soll es eine Lösung geben. Obwohl sich für Klinikleiter Thomas Böttcher vor allem das Schorndorfer Team – „mit null Fluktuation“ – durch seine Stabilität auszeichnet, haben die Kliniken „aggressiv und erfolgreich“ Hebammen gesucht. Und: Von Anfang Oktober an werden die Rems-Murr-Kliniken in Zusammenarbeit mit dem Bildungszentrum für Gesundheitsberufe Rems-Murr eigenständig Hebammen ausbilden.