Schorndorf

Niemand muss auf der Straße erfrieren

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Seit 30 Jahren im Dienst der Erlacher Höhe: Sozialarbeiter Anton Heiser, der die Abteilung ambulante Hilfe leitet. © Habermann / ZVW

Schorndorf. Minusgrade können mitunter tödlich sein für Menschen ohne Obdach. Den großen Ansturm auf die Notunterkünfte in den Wintermonaten wie früher gibt es aber nicht mehr. Das hat auch viel mit der präventiven Arbeit der Erlacher Höhe zu tun.

In den 1990er Jahren ist es nicht selten vorgekommen, dass die Notunterkünfte mit Matratzen auslegt wurden, so groß war die Not, wenn die Temperaturen unter den Gefrierpunkt sanken. Mit einem Kältemobil sind die Mitarbeiter der Erlacher Höhe damals durch die Stadt gefahren, immer auf der Suche nach Menschen, die es vor dem Erfrieren zu retten galt.

Kaum jemand, der auf der Straße schläft

„Heute gibt es kaum jemand mehr, der auf der Straße schläft“, sagt Anton Heiser. Seit 30 Jahren ist der Sozialarbeiter bei der sozialen Einrichtung, die sich seit jeher in der Wohnungslosenhilfe engagiert. Gut 25 Jahre leitet er nun die Abteilung ambulante Hilfen. Und hat dabei vor allem einen Wandel bei der Einstellung der Kommunen erlebt. Denn die Städte und Gemeinden sind es, die akut Hilfe leisten müssen, wenn ein Mensch vom Kältetod bedroht ist.

Kommunen müssen wohnungslosen Personen ausreichend Schlafplätze bereitstellen

„Niemand darf im Freien nächtigen, wenn es selbstgefährdend ist“, erklärt Heiser. „Eigentlich muss deshalb auch niemand auf der Straße erfrieren.“ Allerdings müssten die Kommunen dazu ihrer Verpflichtung nachkommen und wohnungslosen Personen ausreichend Schlafplätze bereitstellen. In der Vergangenheit habe das oft nur leidlich funktioniert, wodurch die Notunterkünfte, sobald es kalt wurde, sehr voll waren. „Aktuell gibt es das Problem nicht – trotz Kälte haben wir keine höhere Nachfrage.“

Vorrang: Menschen akut vor der Witterung schützen

In Schorndorf jedenfalls laufe es relativ gut. Auch wenn es immer wieder Kritik an den Zuständen des Heims im Hammerschlag gegeben habe: „Eine tolle Unterkunft muss das ja nicht gleich sein, sondern die Menschen erstmal akut vor der Witterung schützen.“ Zumindest im Winter gehe es vor allem darum, Leben zu schützen.

Das Hilfesystem funktioniert besser, die Not ist aber nach wie vor groß

Drohende Wohnungslosigkeit sei aber nach wie vor ein drängendes Thema. Vor allem aus drei Gründen: Erstens wegen des hart umkämpften Wohnungsmarkts, auf dem immer mehr Menschen miteinander konkurrieren und Heisers Klienten immer häufiger leer ausgehen oder zumindest länger suchen müssen, um dann schlechtere Wohnungen zu finden. Zweitens weil die Agenda 2010 – „das schlechteste Gesetz, das in den letzten 20 Jahren gemacht wurde“ – den Druck auf die ohnehin prekären Lebensverhältnisse der ärmeren Schichten erhöht hat. Und die Mieter inzwischen wissen, dass Arbeitslosen auch das Mietgeld gekürzt oder gleich ganz gestrichen werden kann, wenn sie sich nicht regelkonform verhalten. Und drittens weil durch die Agenda der Druck zugenommen hat, wirklich jeden Job anzunehmen – auch wenn das Geld am Ende kaum zum Leben reicht. Immerhin: Der Mindestlohn sei da eine dringend notwendige Korrektur gewesen, findet Heiser.

Armuts-Prävention: Damit jemand gar nicht erst wohnungslos wird

Einsam umherziehende Männer mit Rauschebärten, die früher das Bild bestimmte, seien heute ohnehin eher die Ausnahme. Bei den meisten, die auf die Hilfe der Erlacher Höhe angewiesen sind, handelt es sich um fest im Rems-Murr-Kreis lebende Menschen, die noch ein Dach überm Kopf haben. Die Organisation setzt mit ihrer Arbeit nämlich viel früher an: Die Menschen sollen nicht erst von der Straße geholt werden, es soll möglichst gar niemand mehr auf der Straße landen.

Im Winter von den Eltern aus der Wohnung geschmissen

Was natürlich trotzdem immer wieder passiert. Vor kurzem etwa hatte Anton Heiser Kontakt zu einem jungen Schorndorfer. Seine Eltern hatten ihn mitten im Winter aus der Wohnung geschmissen. Ein paar Tage lang schlug er sich auf der Straße durch, bevor er sich an die Erlacher Höhe wendete, die ihn vor den Gefahren der eisigen Temperaturen bewahren konnte.

Hilfesystem setzt vor allem auf Prävention

„Im Rems-Murr-Kreis gibt es ein ausgeprägtes Hilfesystem“, sagt der Sozialarbeiter. Eines, das vor allem auf Prävention setzt. „Denn wenn wir früh eingreifen, können wir helfen, Wohnungslosigkeit zu verhindern.“ Im Ambulanten Betreuten Wohnen gehen die Sozialarbeiter deshalb direkt zu den Menschen nach Hause. Sie bieten soziale und psychologische Unterstützung für diejenigen, die noch eine Wohnung haben, denen aber die Probleme über den Kopf wachsen. Sie reden bei Mietrückständen mit dem Mieter, zeigen Wege aus den Schulden auf oder helfen bei der Jobsuche. Von Schorndorf aus werden im Oberen Remstal rund 25 Haushalte betreut. Oft handle es sich dabei um Alleinstehende oder Alleinerziehende, oft lange Zeit arbeitslos.

Für akut betroffene gibt es zwei Wohnheime in Backnang

In der Stadt bietet die Erlacher Höhe daher einen Wiedereinstieg in die Arbeit an: in Garten- und Landschaftspflege sowie in „Strandgut“ auf dem Schock-Areal, wo Langzeitarbeitslose Wohnungsauflösungen, Entrümpelungen und Kleintransporte durchführen. Und das Erlacher-Höhe-Mobil bringt jeden Montag ein warmes Mittagessen ins Martin-Luther-Haus. Dabei kommen die Mitarbeiter mit jenen ins Gespräch, die von Armut und Wohnungslosigkeit bedroht sind. Für akut Betroffene – ein Drittel davon sind Frauen – gibt es zudem zwei Wohnheime in Backnang, in denen auch Notschlafstellen eingerichtet sind.

Viel Verständnis für Frauen, gnadenlose Klischees bei Männern

Frauen, so Heisers Erfahrung, könnten in ihrer Not eher mit Verständnis aus der Gesellschaft rechnen. „Wenn Frauen wohnungslos werden, gilt das meist als nicht selbstverschuldet“. Bei Männern hingegen sei die Gesellschaft in der Regel gnadenlos. „Da gelten nach wie vor die Klischees: Der ist faul, der hat’s zu nix gebracht.“ Mit der Folge, dass es ehrenamtliches Engagement oder Spenden für die Arbeit mit Wohnungslosen quasi nicht gebe, was Heiser ausdrücklich bedauert.

Denn auch wenn die Situation im Moment nicht so dramatisch erscheint: Das könnte sich womöglich bald ändern. Durch Flüchtlinge, die einen sicheren Status bekommen und aus den Wohnheimen ausziehen müssen. „Da habe ich schon die Sorge, dass wieder mehr Menschen auf der Straße landen.“

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Wer wohnungslose Menschen sieht, die hilflos oder in einer Notsituation sind, sollte unbedingt die nächste Polizeidienststelle unter dem Notruf 110 darüber informieren – oder bei akuter gesundheitlicher Gefährdung direkt den Rettungsdienst unter 112 anrufen.

Die Polizei ist übrigens auch dann zum Einschreiten verpflichtet, wenn ein akut vom Kältetod bedrohter Mensch Hilfe ablehnt.

Wer die Arbeit der Erlacher Höhe ehrenamtlich unterstützen möchte, kann sich telefonisch an die Koordinatorin Jutta Ehrlinger unter 07193/57-107 wenden oder eine E-Mail an jutta.ehrlinger@erlacher-hoehe.de schreiben.

Die Erlacher Höhe hat auch ein Spendenkonto bei der Kreissparkasse Waiblingen IBAN: DE38 6025 0010 0000 7001 04, BIC: SOLADES1WBN