Schorndorf

Ob Astrazeneca oder Biontech: Impfneid in der Hausarztpraxis

Dr Michael Hagen
Michael Hagen, Hausarzt in Weiler. © Benjamin Büttner

Wer in der Gemeinschaftspraxis von Dr. Frieder Schmidt und Michael Hagen anrufen will, braucht derzeit eine Menge Geduld. Das Telefon klingelt fast ohne Unterbrechung, denn seit Montag dürfen sich bei niedergelassenen Ärzten fast alle Menschen gegen Corona impfen lassen. Die Impfpriorisierung ist aufgehoben. Ist damit alles gut? Leider nur theoretisch. Praktisch gibt es noch längst nicht genügend Impfstoff. Die Unzufriedenheit bei vielen Impfwilligen steigt. Selbst das bei vielen weniger beliebte Astrazeneca bleibt in der Praxis in Weiler nicht lange liegen.

Und das ist gut so, sagt Hausarzt Michael Hagen. Impfen gegen Corona, das ist für ihn die Hoffnung, eine vierte Welle zu verhindern und die Pandemie besiegen zu können. „Die Leute wollen wieder ein normales Leben führen“, sagt der Arzt. Mit schweren Folgen sei nach einer Impfung nicht zu rechnen, von großen Komplikationen habe man wenig gehört. Dass viele Patienten speziell bei Astrazeneca verunsichert sind, versteht Michael Hagen allerdings durchaus: Schließlich waren die unterschiedlichen Impfempfehlungen für das Vakzin in der Vergangenheit ein einziges Durcheinander. „Die Leute lehnen Astrazeneca ab, das verstehe ich“, sagt er. Er selbst empfiehlt den Impfstoff gesunden Menschen über 60 Jahren und rät Patienten, die sich bereits mit Astrazeneca haben impfen lassen und den Impfstoff gut vertragen haben, von einem Wechsel bei der zweiten Impfung ab: Auch wenn die Wirkung zweier Impfstoffe gleich gut sein soll, würde er aber bei der gleichen Impfung und sogar beim gleichen Produkt bleiben, erklärt er.

Wer bereit ist, sich mit Astrazeneca impfen zu lassen, ist schneller dran

Astrazeneca ist der unbeliebteste Impfstoff – übrig bleibt er in der Hausarztpraxis in Weiler trotzdem nicht. Für die Impfwilligen werden verschiedene Wartelisten angelegt, auf der die gewünschten Vakzine aufgeführt sind: Wer bereit ist, sich auch mit Astrazeneca impfen lassen will, hat gute Chancen, schneller dranzukommen als bei einem anderen Impfstoff. Kommt ein Impfwilliger dann doch nicht zum vereinbarten Termin, wird dafür umgehend ein anderer einbestellt. „Wir haben genug Patienten, die sich impfen lassen wollen“, sagt Michael Hagen.

Impfneid innerhalb einer Familie

Tatsächlich stehen auf den drei Wartelisten derzeit insgesamt rund 240 Namen. Demgegenüber stehen für diese Woche gerade mal 30 Impfdosen für Erstimpfungen zur Verfügung. Viel zu wenig also, um all die Impfwilligen versorgen zu können. Das ist nicht nur für die Patienten ein Problem. Auch in der Hausarztpraxis wird der Ton rauer. „Manche sind unverschämt“, sagt Michael Hagen, der mittlerweile nicht nur einen Impftourismus von einer Arztpraxis zur anderen, sondern auch eine gute Portion Impfneid unter den Patienten konstatiert. „Die Leute sagen uns, sie wollen den Hausarzt wechseln. Aber nur, weil sie ihr bisheriger Hausarzt nicht impft“, weiß er. Dass es auch unter den Ärzten Impfgegner aus Überzeugung gibt, könne er respektieren, auch wenn er selbst ein Impffreund sei, sagt Hagen. In seiner Praxis werden allerdings weiterhin ältere und gefährdete Menschen zuerst geimpft und diejenigen, die schon seit April auf der Warteliste stehen. Klar ist für ihn: „Wir impfen zuerst unsere eigenen langjährigen Patienten.“ Das andere Problem ist der zunehmende Impfneid, den der Arzt sogar innerhalb von Familien registriert hat. Wie etwa die Frau, die sich über die Impfung ihrer Nichte beschwerte, weil sie selbst noch nicht an der Reihe war. Die Nichte hatte sich mit Astrazeneca impfen lassen wollen und das auch bekommen, während die Tante Biontech wünschte und darauf noch warten musste.

Seit Anfang April wird in der Gemeinschaftspraxis in Weiler geimpft. Jeden Tag, Pausen gibt es nur wenige. So langsam, sagt Michael Hagen, gehe es die Substanz. Freitags bekommt die Praxis die Mitteilung, mit wie viel Impfstoff sie in der darauffolgenden Woche rechnen kann. Dann werden die Patienten einbestellt. Neben der normalen Sprechstunde findet die Impfaufklärung statt. Nach der Impfung bleiben die Patienten noch eine Weile in der Praxis, um Reaktionen abzuwarten. Und das Telefon klingelt ... Dass inzwischen die Hausärzte selbst entscheiden, wer geimpft wird, stellt die Mediziner teilweise vor schwierige Situationen. Jeder Patient habe seine Gründe, weshalb er geimpft werden will, wobei die Kriterien für die Impfungen in seiner Praxis weiter das Alter und das Risiko der Patienten seien. Anfang Juni, hofft er, soll die Impfstoff-Knappheit vorbei sein. Die Zahl derer, die zum zweiten Mal geimpft sind, werde dann rapide nach oben gehen. Im Juli, August könnten dann rund 60 Prozent der Menschen geimpft sein, „Prinzipiell sind wir auf einem guten Weg“, ist Michael Hagen überzeugt. In Deutschland halte man sich an die Regeln, anders als in den USA, wo viele Leute zur Zweitimpfung gar nicht mehr erschienen.

Jetzt auch die Menschen in engen Wohnungen impfen

Dass die Infektionszahlen aktuell sinken, ist für ihn allerdings in erster Linie eine Folge der Kontaktsperre. „Die Impfungen werden sich erst später auswirken“, glaubt er. „So verhindert man die vierte Welle.“ Menschen mit vielen Kontakten und Risiken sollten nun rasch geimpft werden – auch und gerade diejenigen, die nicht in den Arztpraxen oder Impfzentren auftauchen. Eigentlich, sagt Michael Hagens Kollege Frieder Schmidt, müsse man jetzt dahin gehen, wo es brennt. Wie etwa im Kölner Brennpunkt-Viertel Chorweiler müssten die Menschen in Risiko-Wohngebieten und in engen Wohnverhältnissen geimpft werden. Fakt ist: Die Höhe der Inzidenz hängt nicht zuletzt vom sozialen Umfeld ab.

Wer in der Gemeinschaftspraxis von Dr. Frieder Schmidt und Michael Hagen anrufen will, braucht derzeit eine Menge Geduld. Das Telefon klingelt fast ohne Unterbrechung, denn seit Montag dürfen sich bei niedergelassenen Ärzten fast alle Menschen gegen Corona impfen lassen. Die Impfpriorisierung ist aufgehoben. Ist damit alles gut? Leider nur theoretisch. Praktisch gibt es noch längst nicht genügend Impfstoff. Die Unzufriedenheit bei vielen Impfwilligen steigt. Selbst das bei vielen weniger

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