Schorndorf

Online-Handel: Ja, aber in Schorndorf nur im Kleinen

Mariposa
Mariposa-Geschäftsführerin Natalija Nazor macht mit dem Handy Fotos von ihrer Ware und postet sie bei Instagram und Facebook. © Gabriel Habermann

Die Vorstellung ist reizvoll: Um nicht noch mehr von Amazon und anderen digitalen Giganten abgehängt zu werden und obendrein in Corona-Zeiten von Ladenschließungen unabhängig zu sein, könnten lokale Händler doch einfach einen Online-Marktplatz für ihre Geschäfte nutzen. Zuletzt hatte Einzelstadträtin Andrea Sieber dieser Idee mit einem Haushaltsantrag auf die Sprünge helfen wollen. Jedoch ohne Erfolg. Lars Scheel, Leiter des Eigenbetriebs „Tourismus und Citymanagement Schorndorf“, ist vom Aufbau eines solchen Angebots für den inhabergeführten Einzelhandel in Schorndorf nicht überzeugt.

Die Einführungskosten, begründet er seine Zurückhaltung, seien für lokale Lösungen sehr hoch, die technischen Hürden für die Teilnahme der Händler führten häufig zu niedrigen Teilnahmequoten und diese wiederum zu einer lückenhaften und stark eingeschränkten Darstellung des lokalen Angebots. Das begrenzte Angebot ist nach Scheels Dafürhalten für Kunden und Besucher wenig attraktiv, insbesondere vor dem Hintergrund der Warenverfügbarkeit im Internet. „Die Reichweite ist auf das lokale beziehungsweise regionale Umfeld beschränkt, die Besuchs- und Transaktionszahlen sind dementsprechend insgesamt gering, wodurch die Umsätze auf Seiten der Händler in der Regel sehr niedrig ausfallen.“

Als Beleg für seine ablehnende Haltung dienen ihm gescheiterte beziehungsweise wieder eingestellte Initiativen aus Deutschland (locafox in Berlin, allyouneedcity Bonn) und der Schweiz (Kaloka Bern/Zürich). Erfolglos blieb nicht zuletzt ja auch das mittlerweile eingestellte „Kaufhaus Waiblingen“. Auch bei dem von Andrea Sieber angeführten Beispiel aus Wuppertal stehen Kosten und Nutzen für Scheel in keinem Verhältnis: Bei Online-City Wuppertal seien – bei 350 000 Einwohnern – Angebote von gerade mal 40 Händlern zu finden, der monatliche Gesamtumsatz der Plattform betrage insgesamt unter 1500 Euro – und subventioniert wurde das Projekt mit mehr als 200 000 Euro vom Land Nordrhein-Westfalen.

Erfolg mit speziellen Produkten und in Nischen

Auch für Schorndorf, versichert Scheel, habe er eine solche Idee geprüft – und ist zu dem Schluss gekommen, dass Online-Handel im Kleinen dann am besten funktioniert, „je spezieller das Produkt, je nischenhafter der Bereich ist“. Mit Amazon & Co. konkurrieren zu wollen mache wenig Sinn: Dafür fehlen dem lokalen Handel oft die technischen und die räumlichen Voraussetzungen. Denn: Wer im Internet Produkte verkaufen wolle, der müsse schnell reagieren und seinen Shop ständig aktualisieren. „Das ist ein großer Aufwand.“ Dazu kommen die Schwierigkeiten, die Versand und Retouren mit sich bringen. Viele Händler, weiß Scheel, haben kein digitales Warenwirtschaftssystem – „und wenn, dann kein einheitliches“.

Darum will Scheel lieber auf kostenlose und technisch niederschwellige Lösungen auf bestehenden Plattformen setzen. Die sozialen Medien lassen sich dabei nicht nur für – am besten emotionale – Marketingkampagnen und die Kontaktpflege nutzen, sondern über Instagram- und Facebook-Shops auch zum Verkauf von Produkten. „Das ist für jeden machbar“, ist Scheel überzeugt und will, sobald es irgend möglich ist, Schulungen anbieten, um den lokalen Einzelhändlern zu zeigen, wie sie diese Kanäle am besten für sich nutzen können.

Mariposa: Produktfotos auf Facebook und Instagram

Und es gibt – auch in Schorndorf – Einzelhändler, die auf diesem Gebiet schon aktiv sind: Natalija Nazor, Geschäftsführerin von Mariposa in der Gottlieb-Daimler-Straße und in Waiblingen, ist in den sozialen Medien präsent. Mit der Handykamera versuchen sie und ihr Team, attraktive Bilder von Produkten zu machen und diese dann zu posten. Das funktioniert auf Instagram in der Regel besser als auf Facebook. Doch letztlich rechnet sich der Aufwand auch für Mariposa nicht wirklich: „Das ist viel Arbeit, es kommt aber wenig zurück.“ Einen eigenen Online-Shop zu haben, das ist für sie nicht auch noch drin: Viel zu groß ist der Aufwand. Außerdem bräuchte sie ein großes Lager, um die Kunden dann auch zeitnah bedienen zu können.

Den besten Umsatz, das ist für Nataljia Nazor klar, macht sie, wenn die Läden geöffnet sind. Ohne Corona hätte sie mittlerweile ein drittes Geschäft in Schwäbisch Gmünd eröffnet. Jetzt mussten ihr die vergangenen zwei Wochen helfen, sich weiter über Wasser zu halten. Soforthilfe gab’s für sie bisher nicht. Und Kurzarbeitergeld von 2000 Euro im Monat reiche hinten und vorne nicht aus. Darum möchte sie am liebsten wieder öffnen und versteht auch nicht, wo bei ihr die Ansteckungsgefahr lauern soll: „Bei uns sind selten 20 Leute auf einmal im Laden.“ Eher zwei oder drei.

Betten-Veil: Online-Shop und Videos auf sozialen Medien

Auch Betten-Veil geht neue Wege: Im Jahr 1811 erstmals urkundlich erwähnt, hat das alteingesessene Schorndorfer Geschäft seit diesem Jahr nicht nur einen Facebook-Shop, sondern über den Verband auch einen eigenen Online-Shop eingerichtet. Und der läuft, sagt Roland Veil, wenn das Laden-Geschäft an der Gottlieb-Daimler-Straße nicht öffnen darf. Doch wenn es möglich ist, „kommen die Kunden lieber in den Laden“. Auch der 62-Jährige findet die Präsenz in den sozialen Medien „sehr aufwendig für kleine Geschäfte“ – und ist trotzdem dabei: Zusammen mit einer Agentur dreht er kleine Filme über Produkte, Bettenreinigung und Schlafsysteme und verbreitet sie über Youtube, Facebook, Instagram oder schickt sie Kunden direkt über Whatsapp.

Von einem Online-Marktplatz, wie es ihn in anderen Städten gibt, hält Veil nicht viel: „Das hört sich toll an.“ Angesichts der großen Bandbreite und der unterschiedlichen technischen Voraussetzungen im lokalen Handel glaubt er aber nicht an einen Erfolg – allenfalls als Werbeplattform. Allein das im Online-Handel geltende Widerspruchs- und Rückgaberecht ist für ihn ein Hinderungsgrund: „Das ist eine andere Welt als der lokale Handel, wo man vor Ort Verträge schließt, die dann auch gelten.“

Die Vorstellung ist reizvoll: Um nicht noch mehr von Amazon und anderen digitalen Giganten abgehängt zu werden und obendrein in Corona-Zeiten von Ladenschließungen unabhängig zu sein, könnten lokale Händler doch einfach einen Online-Marktplatz für ihre Geschäfte nutzen. Zuletzt hatte Einzelstadträtin Andrea Sieber dieser Idee mit einem Haushaltsantrag auf die Sprünge helfen wollen. Jedoch ohne Erfolg. Lars Scheel, Leiter des Eigenbetriebs „Tourismus und Citymanagement Schorndorf“, ist vom

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