Schorndorf

Osiander-Chef Heinrich Riethmüller zur Woche der Meinungsfreiheit: „Die Demokratie ist müde geworden“

Buchhandlung Osiander. Chefredakteur Torsten Casimir im interview mit Geschäftsführern Heinrich und Christian Riethmüller
Heinrich Riethmüller. © Ferdinando Iannone

Wir finden es selbstverständlich, unsere Meinung sagen zu dürfen, doch in vielen Ländern ist es das nicht: Mit der „Woche der Meinungsfreiheit“ machen der Börsenverein, die Buchbranche und Verleger auf die Bedeutung der Meinungsfreiheit für eine freie, demokratische und vielfältige Gesellschaft aufmerksam. Müssen wir uns für dieses Recht nicht viel stärker einsetzen, und wo endet es? Wir sprechen mit Heinrich Riethmüller, dem Geschäftsführer der Buchhandlung Osiander, langjährigen Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels und Kuratoriumsmitglied der Palmstiftung, über Mut, Toleranz und die Grenzen der Meinungsfreiheit.

Wir alle dürfen unsere Meinung sagen - das aber wird von den Querdenkern und Rechten derzeit bestritten ...

Das muss man aushalten können. Ich bin kein Mensch, der anderen einen Maulkorb verpasst. Man muss sich mit dem auseinandersetzen, was gesagt wird, auch mit der Kritik der Querdenker. Wie wichtig das ist, zeigt auch aktuell die Kritik der Künstler an der Corona-Politik (mehr dazu unter #allesdichtmachen, Anmerkung der Redaktion). Diese Kritik ist in vielen Teilen missglückt, aber eine große Unzufriedenheit mit der Corona-Politik steckt dahinter. Das muss man sich anhören. Man darf nicht skandalisieren, was einem nicht passt. Ich bin liberal, auch wenn es Grenzen gibt. Man muss immer versuchen, zuzuhören, auch wenn es anstrengend ist.

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen, sagen manche und meinen damit ihr vermeintliches Recht auf Hassparolen und Ausgrenzung. Haben sie dieses Recht? Wo endet die Meinungsfreiheit?

Bei Ausgrenzung und Morddrohungen wird eine rote Linie überschritten. Auch wenn man dem anderen nicht mehr zuhört, ihn angreift und unter die Gürtellinie geht. Wenn man nur noch krude Meinungen hört, ist es schwierig, ein Gespräch zu führen. Man muss da genau hinsehen.

In den sozialen Medien trauen sich die Menschen fast alles, attackieren und beleidigen andere. Im direkten Gespräch ist bei den meisten dann aber nichts dahinter. Brauchen wir eine neue Diskussionskultur?

Ja, manches entgleitet uns. Aber ich habe keine Lösung. Im Schutze der Anonymität werden Sachen losgetreten, die eine Diskussionskultur unmöglich machen. Der Tübinger Oberbürgermeister Palmer ist zum Beispiel in den sozialen Medien ekelhaft angegriffen worden. Das haben die Gerichte nicht weiterverfolgt. Das ist ein Armutszeugnis. Der Staat muss sich vor seine Politiker stellen. Die wagen sonst kaum noch, was zu sagen.

Während wir in der Corona-Krise nur noch um uns selbst zu kreisen scheinen, gibt es weltweit Regime, in denen die Meinungsfreiheit schon immer nur ein Traum war, wie China oder Saudi-Arabien oder Länder wie die Türkei und Russland, in denen sie täglich mehr beschnitten wird. Haben wir da nicht mehr Verantwortung?

Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Man braucht eine klare Haltung, wenn das Recht auf Meinungsfreiheit verletzt wird. Das erwarte ich auch von den Politikern. Oft habe ich aber das Gefühl, dass die wirtschaftlichen Interessen eine zu große Rolle spielen. Da bleiben unsere Werte auf der Strecke. Es ist nachgewiesen, dass Saudi-Arabien den Journalisten Jamal Ahmad Khashoggi in der Botschaft in Istanbul ermordet hat. Trotzdem wird der Prinz von Saudi-Arabien hofiert. Man versteht es nicht mehr.

Sagen Sie selber immer Ihre Meinung? Wann halten Sie damit hinterm Berg?

Ich versuche es, so gut ich kann. Ich war lange Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Bei jeder Eröffnungsrede von Buchmessen habe ich klar Stellung bezogen, zum Beispiel für Raif Badawi. (Der saudische Internet-Aktivist wurde 2012 verhaftet und 2013 wegen „Beleidigung des Islam“ zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt. Anmerkung der Redaktion). Der Börsenverein setzt sich massiv ein, wohl auch wegen seiner Vergangenheit. 1933 hatte der Börsenverein den Nazis den roten Teppich ausgerollt, viele Buchhändler haben bei den Bücherverbrennungen mitgemacht. Das hat dazu geführt, dass 1950 der Friedenspreis des deutschen Buchhandels ins Leben gerufen wurde. Gut ist: Die Deutschen haben sich ihrer Geschichte gestellt und sie im internationalen Vergleich gut aufgearbeitet. Das wird auch im Ausland als vorbildlich angesehen. Umso schlimmer, dass es jetzt wieder den rechten Sud gibt.

Im Privatleben kommt es auf die Situation an. Manchmal ist man ein Stück weit feige. Aber ich versuche, auch im Privaten meine Meinung zu sagen.

Gibt es jemanden, den Sie bewundern, weil er den Mut zur eigenen Meinung hat und sie äußert? Haben Sie ein persönliches Vorbild?

Ich habe politische Vorbilder. Mahatma Gandhi, Raif Badawi ... in Russland Alexej Nawalny, den finde ich beeindruckend. Oder die Frauen in Belarus und Myanmar. Und deren Widerstand ist langanhaltend. Traurig ist, dass solche Menschen nach einer Weile aus den Medien verschwinden und niemand mehr über sie spricht.

Eine Meinung zu haben ist manchmal anstrengend. Sind wir zu uninteressiert?

Das würde ich nicht sagen. Unsere Berufsgruppe, die Buchhändler und Verleger, stellen mit der Woche der Meinungsfreiheit eine wichtige und beeindruckende Aktion auf die Beine. Und in meiner Heimatstadt Tübingen haben wir wie in vielen anderen Städten eine aktive Bürgergesellschaft, die sich wenig gefallen lässt.

Mich treibt eher die Sorge um, wie man Verständigung zwischen den Menschen schafft. Die Gesellschaft spaltet sich, das sieht man auch an der Wahlbeteiligung, die immer mehr zurückgeht. Die Demokratie ist müde geworden. Deshalb muss man neue Formen der Bürgerbeteiligung suchen. Ich lese gerade das neue und interessante Buch von Sahra Wagenknecht „Die Selbstgerechten“, die dazu gute Vorschläge macht. Manche Themen bei uns gehen an den Menschen vorbei, zum Beispiel die Gender-Debatte. Wir streiten über geschlechtergerechte Begriffe, aber über soziale Fragen oder Umweltfragen diskutieren wir nicht mit der gleichen Leidenschaft. Wir führen oft Scheindebatten, während beispielsweise bei den vielen neuen Lieferdiensten Menschen in prekären Verhältnissen leben müssen.

Ich bin für eine repräsentative Demokratie, aber viele Menschen fühlen sich nicht mehr mitgenommen. Deshalb brauchen wir neue Beteiligungsformen. Reines Expertentum darf die Politik nicht bestimmen, das merken wir auch jetzt in der Corona-Krise. Die Diskussion wurde viel zu sehr von Virologen geprägt. Andere, wie zum Beispiel Schulleiter, wurden nicht gehört. Aber das reicht nicht.

Was tun Sie, was macht Ihre Buchhandlung, um in dieser Woche den hohen Wert der Meinungsfreiheit stärker ins Bewusstsein zu rufen?

In unserem Webshop und in den sozialen Medien weisen wir unsere Kunden darauf hin. Leider sind Veranstaltungen zurzeit nicht möglich. Für September planen wir aber zum zwölften Mal unser Bücherfest in Tübingen. Das findet alle zwei Jahre statt, und wir wollen es durchziehen. Jetzt sind wir auch guten Mutes, dass es gelingen kann.

Alle sind ausgehungert nach Live-Veranstaltungen, nach Konzerten, Lesungen und Opern.

Wir finden es selbstverständlich, unsere Meinung sagen zu dürfen, doch in vielen Ländern ist es das nicht: Mit der „Woche der Meinungsfreiheit“ machen der Börsenverein, die Buchbranche und Verleger auf die Bedeutung der Meinungsfreiheit für eine freie, demokratische und vielfältige Gesellschaft aufmerksam. Müssen wir uns für dieses Recht nicht viel stärker einsetzen, und wo endet es? Wir sprechen mit Heinrich Riethmüller, dem Geschäftsführer der Buchhandlung Osiander, langjährigen Vorsteher

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