Schorndorf

Palm-Preis in Schorndorf: Mutige Journalisten aus Ostkongo und Russland prämiert

Palmpreis
Der russische Radiojournalist Alexei Alexejewitsch Wenediktow (Bildmitte) ist einer der Preisträger. © Gaby Schneider

Ein russischer Radiojournalist und ein kommunaler Radioverband aus dem Ostkongo sind mit dem 11. internationalen Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit geehrt worden. Die Preisträger hielten beim Festakt zur Preisverleihung eine Ansprache in der voll besetzten Barbara-Künkelin-Halle in Schorndorf. Für ihre couragierten Worte brandete mehrmals Applaus auf und es gab Standing Ovations.

Unter Lebensgefahr: Journalismus im Ostkongo

Jacques Vagheni und seine Kollegen müssen jeden Abend bangen, ob sie am nächsten Morgen noch am Leben sind. Das berichtete die freie Journalistin Judith Raupp, die seit elf Jahren im Ostkongo Journalisten ausbildet und dabei Jacques Vagheni kennenlernte. Er leitet den Verband Corazon – einen Zusammenschluss von mehr als 40 Kommunalradios in der Provinz Nord Kivu. Wer als Journalist seiner Arbeit für eine unabhängige Berichterstattung, für Demokratie und Menschenrechte nachgeht, lebt gefährlich.

Um wahrheitsgemäß zu berichten, fahren die Reporter für ihre Ausbildung durch das Rebellengebiet, werden von Armee, Milizen und Banditen bedroht, bleiben in der Regenzeit im Schlamm stecken und müssen sich gegen Verbrecher wehren, die an Straßenblockaden Geld erpressen wollen. Der Preis sei „eine Ermutigung, uns trotz der Gefahren für qualitativen Journalismus einzusetzen“, wird der Geehrte von einer Übersetzerin bei der Preisverleihung wiedergegeben.

"Unsere Bewunderung gilt den Journalisten von Corazon"

„Sie machen es aus Überzeugung, denn ihr Lohn ist so gering, dass sie kaum davon leben können“, so Judith Raupp. Neben dem materiellen Wert des Preises sei es für sie wichtig, „Anerkennung zu bekommen, gezeigt zu bekommen, dass man nicht vergessen wird von der Welt“.

Obgleich die Region seit mehr als 30 Jahren in einer humanitären Krise steckt, seien über die Medien „nur schmale Ausschnitte der Wirklichkeit“ wahrzunehmen, sagt Professor Dr. Ulrich Palm, Vorsitzender des Stiftungsrats. Dem Kuratorium sei es ein Anliegen gewesen, andere Regionen der Welt nicht zu vergessen und „Kräfte zu stärken, die sich zum Meinungspluralismus bekennen und sich gegen Despotie“ wenden. „Unsere Bewunderung gilt den Journalistinnen und Journalisten von Corazon, die ein „Grundpfeiler der demokratischen Bewegung“ sind.

Das Radio als einzige Quelle für freie Information

Jacques berichtet in eindrücklichen Worten von Plünderungen, Überfällen, grundlosem Kugelzischen und Verbrennungen von Fahrzeugen der Geschäftsleute. Seine Kollegen seien schon Opfer von Entführung und Mord geworden. In diesem Kontext nehme die Bedeutung professioneller Medien zu. „Sie geben der Bevölkerung Hoffnung durch Verbreitung von Informationen, die sie in die Lage versetzen, den Bedrohungen zu begegnen“, sagt er. Jacques Vagheni und seine Redaktionskollegen können sicher sein, dass sie gehört werden, weil das Radio oft die einzige Quelle für freie Information sei und eine wichtige Brücke zwischen Medien und der Gesellschaft baue.

Worte, die unter die Haut gehen

Die Mitglieder von Corazon stecken ihre Energie in die Verbreitung verlässlicher Informationen zur politischen Lage im Land, zur Sicherheits- und Gesundheitssituation, sie leisten Aufklärungsarbeit und schieben Bildungskampagnen an. Radio könne dazu beitragen, dass die Menschen in einer Welt voller Konflikte wieder „in den Dialog kommen und dass das Thema Freiheit in den Vordergrund gerückt wird“, beantwortet Jacques Vagheni eine Frage von SWR-Moderatorin Nicole Köster.

Mit Worten, die unter die Haut gehen, drückt er seinen Dank für den Preis aus. „Ich widme ihn meinen Kollegen, die sich nicht mehr ausdrücken können, weil es ihnen verboten wurde und sie bedroht werden und an alle Journalisten weltweit, die sich für Informationen einsetzen, die für die Meinungsfreiheit wichtig sind.“

Seit Kriegsbeginn in der Ukraine ist der russische Sender verboten

Auch der zweite Geehrte - der russische Radiojournalist Alexei Alexejewitsch Wenediktow - schließt seine Mitstreiter in seine Danksagung ein. „Ich bedaure sehr, dass ich den Preis nicht mit meinen ukrainischen Kollegen teilen kann, denn sie haben auch das Recht darauf.“ (Ursprünglich wollte das Kuratorium der Palm-Stiftung auch noch das Institute of Mass Information (IMI) aus der Ukraine, gemeinsam mit Alexei Wenediktow, als Brückenschlag zwischen den Konfliktparteien, auszeichnen. IMI kann den Preis derzeit jedoch aus nachvollziehbaren Gründen nicht entgegennehmen.) Auch seine Worte werden von einem Übersetzer übermittelt. 

Für Freiheit, gegen Gewalt – auch Medienschaffende in Russland lassen sich von Bedrohungen nicht einschüchtern und setzen sich ein für einen freien Zugang zu Informationen, als Basis für die Meinungsbildung. Alexei Wenediktow ist Chefredakteur des inzwischen verbotenen Senders Echo Moskwy. Seit dem Sendestart 1990 – ein Jahr vor dem Putsch gegen Staatspräsident Michail Gorbatschow – wurde er „für viele Russen, die die Propaganda der Staatsmedien ablehnen“ zur wichtigsten Informationsquelle, fasst Moderatorin Nicole Köster zusammen. Echo Moskau wurde wenige Tage nach Ausbruch des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine eingestellt.

"Wir arbeiten nicht für Putin, sondern die Bevölkerung"

Trotz des Verbots sei ein Teil der Redaktion in Moskau geblieben, erfährt das Publikum vom Preisträger selbst. „Wir machen professionellen Journalismus, egal, ob Krieg, Pandemie, Kälte, wir machen weiter.“ Es sei wichtig, in Russland zu bleiben. „Wir arbeiten nicht für Putin, den Bundeskanzler oder Ajatollah, sondern für unsere Bevölkerung.“

Unter den Bedingungen eines autoritären Systems, das inzwischen zu einer Diktatur geworden sei, ist „unabhängige Berichterstattung eine ungeheure Herausforderung“, würdigte Freiherr Rüdiger von Fritsch, langjähriger deutscher Botschafter in Russland, in seiner Laudatio die Haltung von Alexei Wenediktow. „Er legte stets Wert darauf, nie ein oppositioneller Sender zu sein, sondern ein unabhängiger Sender, der Kontakt zu allen Seiten, auch in den Kreml“ gehalten habe.

Siegfried Lorek: "Das verdient Anerkennung"

Im Saal brandet zum wiederholten Mal langer Applaus auf, mehrmals während der Preisverleihung gibt es stehende Ovationen für die Geehrten und ihren unerschütterlichen Mut, an Orten zu arbeiten, an denen eine unabhängige Berichterstattung schwer zu bekommen ist, um die Bevölkerung auch unter schwierigsten Bedingungen umfassend zu informieren.

„Das verdient Dank und Anerkennung“, sagt MdL Siegfried Lorek, der die Grüße der Landesregierung überbringt, die die Schirmherrschaft für die Preisvergabe übernommen hat. Zutiefst beeindruckt von den Preisträgern würdigt OB Bernd Hornikel deren Anspruch, „offen zu informieren und eine andere Sichtweise als die vom Staat vorgegebene“ zu gewährleisten.

Ein russischer Radiojournalist und ein kommunaler Radioverband aus dem Ostkongo sind mit dem 11. internationalen Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit geehrt worden. Die Preisträger hielten beim Festakt zur Preisverleihung eine Ansprache in der voll besetzten Barbara-Künkelin-Halle in Schorndorf. Für ihre couragierten Worte brandete mehrmals Applaus auf und es gab Standing Ovations.

Unter Lebensgefahr: Journalismus im Ostkongo

Jacques Vagheni und seine

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